Studienwahl-Check Bist du ein Uni-Typ?

339 deutsche Hochschulen, 11.672 Studiengänge - da fällt die Wahl mächtig schwer. An einigen Unis können Abiturienten ihre Stärken und Schwächen per Mausklick aufspüren. Hilft das wirklich bei der Entscheidung? Antonia Götsch hat die Online-Tests getestet. Ein Selbstversuch.


5000 Studiengänge gibt es allein für Bachelor- und Masterfächer, unzählige Kombinationsmöglichkeiten: Das Studienangebot in Deutschland ist fast unüberschaubar, da blickt kein Schüler, auch kein Lehrer oder Elternteil mehr durch. Gerade mal ein Viertel aller Abiturienten fühlt sich laut einer Studie des Hochschul- Informations-Systems (HIS) gut informiert darüber, was ihre Optionen nach der Schule anbelangt.

Erstsemester (in Münster): Wo geht's denn hier zum Studium?
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Erstsemester (in Münster): Wo geht's denn hier zum Studium?

"Ein Teil der Abgänger leidet, weil sie vom Notendurchschnitt her alle Möglichkeiten haben und sich nicht entscheiden können. Die anderen haben schlechte Noten und denken, dass sie gar keine Chancen haben", so Heinrich Wottawa. Der Bochumer Psychologieprofessor sagt: Welche Fähigkeiten für eine bestimmte Berufslaufbahn oder ein Studium notwendig sind, wissen die wenigsten. Und auch nicht, was in ihrem Traumfach auf sie zukommt.

Germanistik ist so ein klassischer Erstsemester-Schocker: Die Abiturienten stolpern hinein, weil sie Hesse-Zitate lieben und im Deutschleistungskurs immer gute Noten für ihre Interpretationen bekommen haben. Doch im Studium sollen sie sich plötzlich mit der Flexion deutscher Adjektive und mittelhochdeutschem Minnegesang beschäftigen. 45 Prozent aller Anfänger kehren der Germanistik wieder den Rücken. Insgesamt verlässt gut jeder vierte Student in Deutschland die Hochschule ohne Abschluss.

Hochschulen und Schüler fremdeln

Abhilfe soll das "Borakel" schaffen - ein ausführlicher Was-will-ich-TÜV im Internet, den Wottawa für die Ruhr-Universität Bochum entwickelt hat. "Wir haben auf psychologische Verfahren gesetzt, die schon länger in der Berufsberatung und bei Einstellungstests genutzt werden", erklärt er. "Dabei geht es um Bereiche wie Leistung, Motivation, ob man lieber allein oder im Team arbeitet, gerne Führungspositionen übernimmt, praktisch oder theoretisch orientiert ist." Seit April ist das Borakel Online und wurde bereits von 15.000 Nutzern befragt.

Die RWTH Aachen bietet ebenfalls ein sogenanntes Self-Assessment im Internet. "Hochschulen und Schüler kommen in Deutschland kaum zusammen, man fremdelt", sagt Lutz Hornke, der den Lehrstuhl für Betriebs- und Organisationspsychologie in Aachen leitet und die Tests entwickelt hat. "Die Entscheidung für den Studienort und oft genug auch für das Studienfach fällt oft durch Zufall." Die Universität Hohenheim hält ihren Test vergleichsweise knapp, gibt dann aber Vorschläge gleich zu Dutzenden aus.

Alle drei Verfahren hat SPIEGEL ONLINE getestet. Daneben gibt es einige weitere im Internet - zum Beispiel den"Fachsimpler-Test" im SchulSPIEGEL. Und auch der Nordverbund der Unis in Bremen, Greifswald, Hamburg, Kiel, Lübeck, Oldenburg und Rostock hat einen Test enwickelt. Das Angebot richtet sich besonders an Schüler, die sich für Gesellschafts- und Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften, Jura, Wirtschaft oder Sprach- und Kulturwissenschaften interessieren.

"Weniger Studienabbrecher wären ein Riesenerfolg"

Die Ergebnisse der Tests bleiben anonym - sie sollen Orientierung bieten und nicht selektieren. "Wir verschenken Ressourcen, wenn wir die Jugendlichen nicht bei der Studienwahl unterstützen", sagt Wottawa. "Das Zauberwort heißt Streaming. Wir müssen herausfinden, welcher Mensch gut zu einem Berufsweg oder Studiengang passt." Auch für Unternehmen hat er bereits psychologische Rekrutierungsverfahren entwickelt, eine Uni in Belgien hat Interesse am Borakel geäußert. Streaming ist gefragt. Wottawa glaubt, dass sich die Studienabbrecherquote damit deutlich senken lässt. "Das wäre ein Riesenerfolg."

Schließlich hat Deutschland international verglichen immer noch wenige Studienanfänger. In anderen Ländern geht zudem ein weitaus geringerer Teil der potenziellen Akademiker schon während der Ausbildung verloren. Und die, die im deutschen Bildungssystem tapfer durchhalten, benötigen durch mangelnde Orientierung am Anfang und folgende Fachwechsel viel Zeit.

In Großbritannien und in den USA sorgen schon die aufwändigen Auswahlverfahren an allen guten und sehr guten Universitäten dafür, dass sich Schüler frühzeitig mit ihren Wünschen und Möglichkeiten auseinandersetzen. Für solche Bewerbungsverfahren ist das Borakel laut Wottawa jedoch nicht geeignet. "Bei Tests im Internet kann ja keiner garantieren, ob sie nicht vom cleveren Nachhilfelehrer oder den Eltern gelöst wurden." Natürlich wäre eine Umstellung auf Bleistift und Papier möglich, bei mehreren tausend Bewerbern allerdings auch aufwändig. "Bisher hat noch keine Uni angefragt, ob sie den Test für die Auswahl nutzen dürfte."


Der Dreifach-Test: Ein Selbstversuch

Autorin Antonia Götsch: Hat im richtigen Leben Politik und Germanistik studiert, wurde dann Journalistin

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Test eins: Befrag doch das Borakel

Test zwei: Werd' ich eben Schiffsoffizier

Test drei: Denksport mit Sweeny



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