Studieren ANGST VORM SCHWARZEN MANN

Deutschlands Unis sind international nicht konkurrenzfähig. Sie ziehen zu wenig ausländische Studenten an ­ und denen wird das Leben oft schwer gemacht.


Vor hundert Jahren war die akademische Welt in Deutschland noch in Ordnung. Das wilhelminische Reich leistete sich ein kleines, aber in Forschung und Lehre international respektiertes Hochschulsystem. Junge Dozenten und Studenten aus sämtlichen Staaten Westeuropas, aber auch aus den USA und dem zaristischen Russland lehrten und lernten im alten Heidelberg oder im aufstrebenden Berlin, selbst aus dem fernen Japan reisten die ersten Jung-Akademiker an.

Spätestens in den braunen dreißiger Jahren war es mit dieser Blütezeit vorbei. Nazi-Deutschland vertrieb seine akademische Elite ­ die einen aus rassistischen, die anderen aus politischen Gründen. Und die Studenten aller Länder folgten diesen Professoren nach Amerika. Seither ­ und von Jahr zu Jahr mehr ­ gelten die Unis der so genannten Ivy League an Ost- und Westküste als Fixsterne der akademischen Ausbildung.

Wer in der Dritten Welt etwas auf sich hält und aus sich machen möchte, zieht nun nach Harvard oder Stanford, Yale oder Berkeley. Studenten aus Indonesien und Taiwan, aus Kenia und Brasilien, deren Väter oder Großväter einst noch in Deutschland studiert hatten, gehen ganz selbstverständlich in die USA; allenfalls Großbritannien kann bei dieser Konkurrenz zuweilen mithalten.

Deutsche Bildungspolitiker reden sich das Problem klein. Auch heute, so argumentieren sie, studieren in Deutschland noch etwa 165 000 Ausländer. In der Statistik belegt die Bundesrepublik damit immerhin den dritten Platz hinter den USA (500 000 ausländische Studenten) und Großbritannien (175 000).

Doch das sind Rechentricks: Jeder dritte Student mit fremdem Pass ist ein so genannter Bildungsinländer, also ein dauerhaft, zumeist schon in zweiter oder dritter Generation in Deutschland lebender Ausländer. Nur 6 Prozent aller Studenten sind tatsächlich zum Studium aus dem Ausland angereist. Die angesehene London School of Economics hat einen Ausländeranteil von 61 Prozent.

Die deutsche Bilanz wäre noch viel schlechter, wenn sich nicht der Eiserne Vorhang geöffnet hätte. Kommilitonen aus Osteuropa füllen jene Lücken auf, die Asiaten und Amerikaner hinterlassen haben. Allein der Anteil der US-Gaststudenten hat sich seit 1975 fast halbiert.

Die Debatte um die Gründe für das Ausbleiben ausländischer Studenten an deutschen Unis wäre in der Tat rein akademischer Natur, wenn nicht Bundeskanzler Gerhard Schröder kürzlich ein flammendes Plädoyer für die Anwerbung ausländischer Fachkräfte gehalten hätte. Die so genannte Green Card für Computer-Experten aus Indien oder Osteuropa soll schließlich jene Defizite kaschieren, die an den deutschen Hochschulen produziert werden.

Wären Deutschlands Unis so weltoffen und begehrt wie die im Silicon Valley, hätten SAP und Siemens auch weniger Probleme mit der Besetzung offener Stellen. Studenten etwa aus Indien hätten dann eher Karlsruhe als Kalifornien zum Studienort gewählt und wären nach dem Diplom in ein deutsches Unternehmen gegangen ­ entsprechende Aufenthaltsgenehmigungen vorausgesetzt.

Weshalb also sind die deutschen Unis nicht mehr attraktiv? Ist es das komplizierte, langwierige Ausbildungssystem, sind es die fremdenfeindlichen Attacken oder die bürokratischen Hürden? Haben deutsche Hochschulen ihr Ansehen restlos verspielt?

Ausländer, die in Deutschland studieren, geben unterschiedliche, zum Teil widersprüchliche Antworten auf solche Fragen. Eine Umfrage des Deutschen Studentenwerks bestätigte kürzlich die nahe liegende Vermutung, dass unter den ausländischen Studierenden ein Zwei-Klassen-System herrscht: Relativ gut gestellt und zufrieden seien die Studenten aus den Industrieländern, schwierig und manchmal katastrophal sei hingegen die Lage der Kommilitonen aus den Entwicklungsländern. So erhält beispielsweise jeder dritte Europäer und Amerikaner ein Stipendium, unter den Kollegen aus der Dritten Welt hat nur jeder sechste dieses Privileg.

Wer als so genannter free mover einreist und ganz auf eigene Kosten studiert, ist entweder auf ein spendables Elternhaus angewiesen ­ oder auf den Arbeitsmarkt. Und da herrschen harte Sitten. Ausländische Studenten dürfen nicht mehr als 90 Tage im Jahr arbeiten, sonst gefährden sie ihre Aufenthaltsbewilligung. Und bei der Stellensuche werden die deutschen Kommilitonen zumeist bevorzugt.

Béatrice Beyala beispielsweise, eine Informatik-Studentin aus Kamerun, sucht sich ihre Jobs bei der Studentischen Arbeitsvermittlung in der Berliner Hardenbergstraße. Stundenlang muss die Studentin der Humboldt-Universität dort auf Angebote warten. Und wenn sie etwas bekommt, dann in aller Regel nicht den Job als Programmiererin, sondern den einer Putzfrau. "Für Schwarze", glaubt die 30-Jährige, "gibt es in Deutschland keine Zukunft." Ihr Fazit klingt düster: "Wenn ich noch einmal entscheiden könnte, würde ich nicht wieder in dieses Land kommen."

Auch ihr Landsmann David Awankem, 26, hatte ganz andere Vorstellungen von seinem Studium in Deutschland. "Ich dachte, wenn man arbeiten will, kann man was finden." In Kamerun musste er zunächst drei Monate auf das Visum warten; die deutsche Botschaft verlangte 12 000 Mark, auf einer deutschen Bank hinterlegt, als Garantie. Sein Informatik-Studium hier will er möglichst schnell beenden und dann in die USA gehen. Ein Verwandter arbeitet im Silicon Valley. Dort hofft Awankem dann auf einen guten Job.

Für die meisten Bewerber stellt bereits die strenge "Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang" eine große Hürde dar. Mehrere Monate lang hatte sich zum Beispiel der indonesische Student Abdurrahman Wahid auf die Aufnahmeprüfung an der Universität Heidelberg vorbereitet ­ ohne Erfolg. Das war vor 30 Jahren, heute ist Wahid indonesischer Staatspräsident. "Viermal habe ich nicht bestanden", gestand er im Januar in einem SPIEGEL-Gespräch.

Eine vertane Chance. Denn wer mal in Deutschland studiert hat und dann in seine Heimat zurückkehrt, bringt eine Reihe von Kontakten mit, die beiden Seiten, Gaststudenten und Gastgebern, ein Leben lang nützlich sein können. Wahids Deutsch übrigens kann so schlecht nicht gewesen sein. Der Indonesier hat die Werke Goethes und Bölls gelesen ­ im Original.

Oft verfangen sich die Studenten in den Fußangeln des Ausländerrechts. Die Regelungen sind kaum durchschaubar, in den einzelnen Bundesländern werden sie zudem unterschiedlich gehandhabt. "Berlin ist da sehr liberal", berichtet Günter Schepker, Leiter des Akademischen Auslandsamtes der Freien Universität Berlin. An anderen Universitäten, zum Beispiel Greifswald oder Rostock, sehe das ganz anders aus. "Wir haben Studenten hier, die deswegen nach Berlin gewechselt sind." Immerhin hat die Berliner Ausländerbehörde bereits Sondersprechstunden für ausländische Studenten eingerichtet, um die gewünschten Aufenthaltsgenehmigungen schneller ausstellen zu können.

Sari Tarigan studiert Biotechnologie in Berlin. Die 26-jährige Indonesierin hat die bürokratischen Hürden überwunden und sogar einen Job als Tutorin im Akademischen Auslandsamt der Freien Universität bekommen. Dennoch fühlt sie sich isoliert: "Es ist sehr schwer, Kontakt zu deutschen Studenten zu bekommen. Die bleiben lieber unter sich. Man sieht sie zwar in den Vorlesungen, aber danach verhalten sie sich, als ob man sich nicht kennt."

Schon bei der Wohnungssuche, erzählt Sari Tarigan, würden Ausländer nach wie vor diskriminiert. "Wenn die Vermieter am Telefon einen fremden Akzent hören, haben sie tausend Ausreden, warum das Zimmer schon weg ist."

Der alltägliche Rassismus macht vor allem den Studenten aus Afrika zu schaffen. "Wir sind immer zuerst die Schwarzen", berichtet Béatrice Beyala. "Das ist in den Köpfen und im Blut der Leute hier. Solange man uns Schwarze für Affen hält, die aus den Bäumen gefallen sind, wird sich daran auch nichts ändern."

Ein Freund ihres Kommilitonen David Awankem ist am Berliner Ostbahnhof mit ausländerfeindlichen Sprüchen beschimpft und dann auch noch verprügelt worden. "Viele von uns haben große Angst, dass ihnen so etwas passiert", erzählt Awankem. Er selbst meidet solche Plätze, wo sich Skins und Neonazis herumtreiben. "Ich gehe eigentlich nur morgens in die Uni und abends ins Wohnheim."

Für die ausländischen Studierenden bleibt das Verhalten ihrer deutschen Gastgeber rätselhaft. "Wie ist es möglich", fragt etwa der kanadische Politik-Student Eric Langenbacher, "dass es in Deutschland so viele schöne, fortschrittliche Strömungen gibt und gleichzeitig so viele reaktionäre und rassistische?"

Langenbachers Großvater stammt aus dem fränkischen Bamberg, und so verbindet den 27-Jährigen noch viel mit der deutschen Kultur und dem deutschen Bildungswesen. Aber er kennt auch die zum Teil hervorragenden Universitäten Nordamerikas: "Das Problem in Deutschland ist, dass es keine Elite-Unis gibt. Natürlich ist das System in den USA nicht gerecht, aber man muss den Top-Leuten auch eine Chance geben."

Das heißt: Deutschlands Unis müssen für die jeweiligen Wissensgebiete Schwerpunkte bilden und die Eliten in Forschung und Lehre an einzelnen Standorten konzentrieren. Erst dann kommen wieder hoch begabte Studenten aus dem Ausland in die Bundesrepublik.

Wenige Ausnahmen bestätigen diese Regel: Die deutschen Musik- und Kunsthochschulen beispielsweise sind immer noch sehr begehrt. Hier studiert die Elite aus Japan, Russland und den USA, hier ­ und nur hier ­ herrschen noch Verhältnisse wie vor hundert Jahren.

In den völlig überlaufenen Massenfächern der übrigen Fakultäten kann davon keine Rede sein. Jeder neue Student gilt den meisten Professoren nur als Belästigung. "Deutschland vermittelt niemandem das Gefühl, gebraucht und umworben zu werden", gesteht Christian Bode, Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) in Bonn.

Ganz anders die Konkurrenz aus den USA: Dort wird vielerorts hochklassige Ausbildung angeboten. Schon die hohen Studiengebühren belegen ­ zumindest nach der kapitalistischen Logik ­ die Qualität des akademischen Angebots. Eine starke Nachfrage treibt die Preise, entsprechend willkommen ist jeder Bewerber aus Übersee. "Und wer von den ausländischen Studenten gut ist, den behalten sie. Wir schicken solche Leute nach Hause", meint Bode.

Der britische Premierminister Tony Blair begreift die Hochschulbildung seines Landes längst als florierendes Exportgut. Im Rahmen der Image-Kampagne "Cool Britannia" will Blair zusätzlich 75 000 zahlende Studenten anwerben. Im föderalistischen Deutschland scheint eine solche Aktion undenkbar. Wie sollten sich 16 Bildungsminister und -senatoren aus fünf verschiedenen Parteien auf eine gemeinsame Initiative einigen?

Immerhin: Bereits 1996 wurde die "Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Studienstandortes Deutschland" durch Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz zur Chefsache erklärt. Einige bürokratische Hindernisse bei der Zulassung von Ausländern an deutschen Unis sind in der Zwischenzeit sogar abgeschafft worden.

Der DAAD will mit einem internationalen Marketing-Konzept helfen. Im Februar legte Bode den Entwurf eines Aktionsprogramms vor. Darin plädiert der Austauschdienst für

­ die Förderung englischsprachiger Lehrveranstaltungen und Studiengänge;

­ einen einheitlichen Sprachtest für ausländische Studienbewerber;

­ die Übernahme der angelsächsischen Abschlüsse Bachelor und Master;

­ ein so genanntes Kreditpunktesystem zur einheitlichen Bewertung von Studienleistungen;

­ weitere Erleichterungen beim Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungsrecht.

Vor allem graduierte Studenten sollen in größerer Zahl angeworben werden. Der Ausländeranteil bei Promotionen in Deutschland beträgt lediglich 6,7 Prozent. In den USA wird jeder vierte Doktorhut an einen Ausländer vergeben, in Großbritannien sogar jeder dritte.

Schließlich will DAAD-Mann Bode die Studenten sogar für ihr Studium bezahlen lassen: "Man sollte über moderate Gebühren und ein vernünftiges Stipendiaten-System nachdenken." Das würde nicht nur das materielle Interesse der Hochschulen an ausländischen Studenten fördern, sondern auch die interne Qualitätskontrolle: Wer zahlen muss, verlangt auch gute Ware.

Doch noch ist es nicht so weit. Noch können sich Deutschlands Bildungspolitiker nicht auf ein Modell für Studiengebühren einigen, noch bleibt es bei einer Politik der kleinen Schritte zur Anwerbung ausländischer Studenten.

Seit zwei Jahren fördert das Bundesbildungsministerium neue, zumeist fremdsprachige Studienangebote. Außerdem wurden bereits mehr als 350 Bachelor- und Master-Studiengänge an den Hochschulen eingerichtet. Allein diese Initiative unterstützte Bildungsministerin Edelgard Bulmahn im vergangenen Jahr mit elf Millionen Mark.

Selbstverständlich muss nicht alles, was aus Amerika kommt, gleich von deutschen Unis kopiert werden. Wirklich konkurrenzfähig werden die hiesigen Hochschulen erst, wenn sie gerade solche Qualitäten zeigen, die andere eben nicht vorweisen können.

"Die deutschen Studenten sind viel selbständiger", urteilt etwa die Amerikanerin Leah Chizek, 25, "in den USA ist alles rigoros verschult." Die studierte Stadtplanerin wechselte im vergangenen Herbst für ein Germanistik-Studium aus Minneapolis nach Berlin und muss nun feststellen, dass das Niveau deutscher Hochschulen jedenfalls höher sei als das der meisten kleinen US-Unis: "Die Hochschulen in den USA zehren von dem glänzenden Ruf der berühmten Elite-Unis."

GUDRUN PATRICIA POTT



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