Studieren BEGEGNUNG AM RANDE

In Frankfurt an der Oder studieren Deutsche und Polen gemeinsam. Nicht immer klappt es schon mit der Völkerverständigung.


Nur durch Zufall stieß Arkadiusz Paszek, 26, auf den kleinen Artikel, als er an der Universität in Posen die Zeitungen durchblätterte. Er war auf der Suche nach einer Uni mit einem guten Fremdsprachenangebot. Besonders Deutsch hatte es ihm angetan, aber auch andere Sprachen wollte er lernen.

Michaela Grün, 23, bekam von einem Freund einen Hochglanzprospekt der Uni gezeigt und wusste gleich: "Bald werde ich dort sein." Sie wollte weg vom anonymen Massenbetrieb in Düsseldorf, wo ihr das Deutsch- und Philosophie-Studium keinen Spaß machte.

Michaela musste weiter reisen als Arkadiusz, aber beide hatten dasselbe Ziel: die Europa-Universität Viadrina direkt an der deutsch-polnischen Grenze in Frankfurt an der Oder. Arkadiusz fand nicht nur ein umfassendes Sprachangebot, sondern auch ein ideales Umfeld. Die Viadrina bietet besonders für polnische Studenten einen unkomplizierten Weg zum Auslandsstudium.

Nach Geografie in Posen studiert Arkadiusz jetzt im sechsten Semester, genau wie Michaela im vierten Semester, Kulturwissenschaft. Auch sie ist zufrieden: "Die Uni ist viel besser, überschaubarer, und der Studiengang ist genau das, was ich machen will." Als Kulturreferentin des Asta engagiert sie sich gemeinsam mit Arkadiusz für die deutsch-polnische Freundschaft.

Dank der Initiative der "Freunde und Förderer der Frankfurter Universität", die sich 1990 zusammenfanden, konnte die Viadrina 1992 ihren akademischen Betrieb aufnehmen. Seither gibt es wieder Studenten in Frankfurt, nachdem 1811 die Alma Mater Viadrina wegen einer Neugründung in Berlin aufgelöst wurde. Die Uni in der Hauptstadt heißt heute nach zwei Studenten der alten Viadrina ­ den Brüdern Humboldt.

Nun leben in Frankfurt wieder 3500 Studenten. Neben 1247 Polen und 2048 Deutschen waren im letzten Wintersemester 156 Studierende aus 34 Ländern eingeschrieben, zumeist aus dem ost- und mitteleuropäischen Raum, aber auch aus Japan oder den USA.

Die Viadrina will ein Entwicklungsmotor sein für die europäische und besonders die deutsch-polnische Verständigung. Ihre Lage am östlichen Rand der Europäischen Union ist Programm: Sie soll eine "Brückenfunktion" zwischen Ost-, Mittel- und Westeuropa erfüllen.

Für die polnischen Studenten ist eine Quote eingerichtet worden: Etwa ein Drittel der Erstsemesterplätze ist für sie reserviert. Die Bewerberflut zeigt, dass die Aufnahmeprüfung, auch mit einem Deutschtest, kein Hindernis ist. An den meisten weiterführenden Schulen Polens wird Deutsch als Fremdsprache angeboten. Die jungen Polen hoffen mit einem Viadrina-Abschluss auf bessere Zukunftschancen.

Der Andrang aus Westdeutschland hält sich bisher in Grenzen. Sandro Jasker, 23, der im dritten Semester Jura studiert, ist überzeugt, dass die Mehrheit der Frankfurter Jura-Studenten "ZVS-Opfer" sind ­ so wie er selbst. Als Berliner wollte er natürlich in der Hauptstadt studieren. Auf die Nachricht, dass sein Studienort Frankfurt (Oder) sein würde, war seine erste Reaktion: "Was ­ da gibt's 'ne Uni? O Gott!" Im ersten Jahr pendelte er zwischen Berlin und Frankfurt, was ihn täglich drei Stunden kostete.

Heute braucht er nur zehn Minuten von seinem Studentenwohnheim bis zum Seminar. Der angehende Jurist lebt sich langsam ein, mittlerweile verbringt er auch schon mal ein Wochenende in Frankfurt und überlegt, Polnisch zu lernen.

Das dürfte ihm nicht nur beim Einkaufen in Slubice, am gegenüberliegenden Oder-Ufer, zu Gute kommen, wo es nicht nur billige Lebensmittel, sondern vor allem "frischeres Gemüse und köstliches Brot" gibt. Immerhin sind 36 Prozent seiner Kommilitonen an der Viadrina Polen. Sei es beim Besuch der Mensa, in der Bibliothek oder auf den Fluren ­ überall hört man das weich gezischte, melodiöse und zumeist rasend schnelle Polnisch.

Das Sprachzentrum mit aufwendigen Sprachlaboren bietet Sandro jedenfalls die besten Möglichkeiten. Pro Woche finden 120 Kurse statt. Die fast 40 Lehrer aus zehn Nationen sind zumeist Muttersprachler. Insgesamt werden acht Sprachen unterrichtet: Englisch, Französisch, Spanisch, Schwedisch, Finnisch, Russisch, Polnisch und Deutsch.

Der große Vorteil für die Sprachschüler: Die Gruppen setzen sich aus Studenten verschiedener Nationalitäten zusammen. In einer gemischtsprachlichen Gruppe ist es viel natürlicher, eine fremde Sprache zu sprechen ­ um sich zu verständigen, bleibt einem gar nichts anderes übrig.

Die Fremdsprachenausbildung ist ein zentraler Bestandteil aller Studiengänge der Viadrina ­ ohne Sprachen keine Völkerverständigung, keine Internationalität und vor allem keine Jobs, so die Botschaft. Am härtesten sind dabei die Anforderungen an die Kulturwissenschaftler: Drei Fremdsprachen müssen sie erlernen, in einer davon eine Zusammenfassung der Magisterarbeit schreiben.

Michaela hat sich neben Spanisch und Englisch für Polnisch entschieden. "Es ist ziemlich zeitaufwendig", sagt Michaela. "Polski jest trudnym jezykiem ­ Polnisch ist eine schwere Sprache. Aber ich kann ja jeden Tag üben ­ beim Einkaufen zum Beispiel."

Außer auf Internationalität wird an der Viadrina auf Interdisziplinarität besonderer Wert gelegt. Alle drei Fakultäten (Jura, Wirtschafts- und Kulturwissenschaft) sind miteinander verflochten. Ein BWL-Student muss ein kulturwissenschaftliches Seminar besuchen; ein Kulturwissenschaftler hat die Wahl, Grundkenntnisse in Jura oder Wirtschaftswissenschaft zu erwerben, die angehenden Juristen können Seminare in den beiden anderen Fakultäten besuchen.

Einer Begegnung der Studenten aus verschiedenen Kulturen steht theoretisch nichts im Wege ­ doch die Realität sieht noch anders aus. Arkadiusz erzählt kopfschüttelnd, dass er Studenten kennt, die "nach der Zeit an der Viadrina weniger Deutsch sprechen als vorher", weil sie unter Landsleuten bleiben. Michaela gibt zu, dass sie am Anfang "nur mit Wessis zu tun" hatte. "Es wird auch so geredet: 'Das sind die deutschen Studenten, und das sind unsere polnischen Studenten.' Die Deutschen hier, die Polen da ­ vielleicht sollte man diese Gruppenzugehörigkeit weniger in den Vordergrund stellen."

Genau das versucht sie gemeinsam mit Arkadiusz zu erreichen. Die beiden haben gerade eine Konzertreihe in Slubice organisiert und schon Partys und Poetry-Abende initiiert. Seit 1995 gibt es den Deutsch-Polnischen Studentenverein "Spotkanie" ­ "Begegnung", mit dem sie zusammenarbeiten. Das "Slubicki Miejski O'srodek Kultury", was in etwa "Slubicer Kulturzentrum" heißt und mit Rücksicht auf die deutsche Zunge kurz "Smok" genannt wird, stammt noch aus kommunistischen Zeiten und dient ihnen als Veranstaltungsort.

Sie wollen deutsche Studenten nach Slubice locken. Denn die wenigsten gehen abends über die Stadtbrücke, um ein Bier zu trinken. "Ich sehe immer nur die gleichen Gesichter, wenn wir dort unterwegs sind", sagt Michaela. Die, die es ausprobieren, scheinen es zu mögen. "Das Klima ist anders, lockerer", bestätigt Sandro.

Arkadiusz mutmaßt zwar, dass die Slubicer einen Komplex haben, weil sie sich weniger gebildet fühlen als die Studenten. Aber damit lässt sich leichter umgehen als mit "der Angst und dem Misstrauen" der Frankfurter, findet Michaela. Sie glaubt, die hätten das Gefühl, die Studenten würden ihnen "etwas wegnehmen". In den Augen mancher Einwohner werden die Studenten bevorzugt behandelt.

Die neue Hochschule sei für die Bürger "gewöhnungsbedürftig", so die Uni-Präsidentin Gesine Schwan vorsichtig. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Frankfurtern "die Vorteile, die der Standortfaktor Hochschule hat", näher zu bringen.

Die hochmoderne Uni, die neu gebauten Wohnheime, das Sprachzentrum ­ alles kostet viel Geld. Das ruft Neid hervor in einer Region mit schlechter wirtschaftlicher Struktur, in der mittlerweile jeder Fünfte arbeitslos ist. Allein bei der Schließung des Halbleiterwerks, einem Renommier-Objekt der DDR, sind 8000 Arbeitsplätze verloren gegangen. Hinzu kommen tief verwurzelte Vorbehalte den polnischen Nachbarn gegenüber.

Die Völkerverständigung zwischen Polen und Deutschen ist noch längst nicht gelungen, weiß auch Schwan. Die Ressentiments vieler Frankfurter gegen Polen seien kein Geheimnis. "Familiengeschichten halten sich bekanntlich hartnäckig, wissenschaftlich belegte Historie kann sich manchmal nur schwer durchsetzen", sagt Schwan und spielt dabei auf die in Frankfurt verbreitete Meinung an, die Polen hätten die Stadt am Ende des Krieges mit besonderer Niedertracht zerstört.

Die Geschichte Frankfurts macht es also nicht gerade leicht, den Anspruch auf europäische Integration, Toleranz und Austausch zu verwirklichen. "Diplomatie", so die Präsidentin, "ist mein täglich Brot."

Schwan, deren Eltern sich bereits nach dem Krieg für die Freundschaft mit Polen einsetzten, kommt bei ihren diplomatischen Einsätzen zugute, dass sie mit dem polnischen Außenminister auch mal in seiner Muttersprache parlieren kann. Außerdem ist sie seit ihrer Studienzeit mit der polnischen Kultur- und Wissenschaftsszene vertraut.

Ein erster großer Erfolg der deutsch-polnischen Annäherung in Sachen Bildung ist das 1993 gegründete "Collegium Polonicum". Diese deutsch-polnische Koproduktion, direkt an der Stadtbrücke auf Slubicer Seite, ist das Ergebnis der Zusammenarbeit von Viadrina und der Universität in Posen. Die hat die Mittel für den Bau organisiert, die deutsche Seite soll für die Besoldung des Personals sorgen.

Am Collegium Polonicum können auch deutsche Studenten eine polnische Juristen-Ausbildung absolvieren oder nach einem abgeschlossenen Hochschulstudium den inzwischen in Europa verbreiteten und anerkannten Abschluss "Master of Business Administration" (MBA) erlangen und andere Zusatzstudiengänge durchlaufen.

Für den MBA soll Englisch als Unterrichtssprache eingeführt werden, ansonsten wird am Collegium Polnisch gesprochen. Für Sascha Asfandiar, 22, kein Problem. Der Hannoveraner war bereits als Kind mit seiner Familie nach Polen gezogen und spricht beide Sprachen perfekt.

Jetzt studiert er im zehnten Semester Jura und wird demnächst seinen Abschluss machen: einmal an der Viadrina mit dem deutschen Examen, einmal in Slubice mit dem polnischen Magister. Er hofft, einen Job als Justiziar bei einer Bank oder Versicherung zu bekommen ­ in Deutschland.

KATHARINA STEGELMANN



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