Studieren BÜFFELN IN DER FERNE

Ein paar Wochen an einer Sommer-Uni in Amerika sind zwar nicht ganz billig, machen sich aber später gut im Lebenslauf.

Dass er Al Gore die Hand schütteln durfte, war für Arndt Fuhrmann, 26, der krönende Abschluss eines anstrengenden Sommers. Eine Stunde lang plauderte der amerikanische Vizepräsident mit dem Politikstudenten aus Deutschland und dessen 40 Kommilitonen aus aller Welt. Bei Barbecue und Lager Beer erzählte er vom Gefühl, nur einen Herzschlag von der Macht entfernt zu sein, und erinnerte sich leicht sentimental daran, wie er Anfang der achtziger Jahre als junger "congressman" gegen Ölmultis und Stromkonzerne zu Felde zog. Wunderbare, wilde Jahre; mittlerweile gilt Gore als Langweiler, der auch noch Präsident werden will.

Fuhrmann und die anderen 40 nahmen im vorigen August an der Cornell University  im US-Bundesstaat New York an einer der traditionellen Summer Sessions teil. Kurz und bündig "Government" ­ "Regierungslehre" ­ war der sechswöchige Kurs betitelt, der die multinationale Schar mächtig in Atem hielt. "Morgens gab es Vorlesungen übers amerikanische Politiksystem oder über Internationale Politik, nachmittags Diskussionen und Rollenspiele, abends haben wir Texte von Machiavelli und Rousseau gelesen", erzählt Fuhrmann.

Nach drei Wochen standen die ersten Klausuren bevor, nach sechs Wochen drohte die Abschlussprüfung. Da war die Begegnung mit dem Vizepräsidenten für die mit Wissensstoff bombardierten Studenten eine Art privilegierter Anschauungsunterricht.

Claudia Heller, 24, verbrachte den ganzen Sommer 1999 in Kalifornien. An der University of California in Los Angeles (UCLA)  absolvierte die Amerikanistik- und Germanistikstudentin aus Saarbrücken gleich zwei Kurse à sechs Wochen. "Für mein Studium brauche ich einen Auslandsaufenthalt, und außerdem war Hollywood schon immer mein Traum", begründet sie ihre Ortswahl. Filmstars bekam sie mit Ausnahme von Leonardo DiCaprio leider nicht zu Gesicht, dafür aber lernte sie "viele neue Freunde aus aller Welt kennen" ­ und Studienstoff, den sie daheim vermisst. "Vor allem die Kurse zum wissenschaftlichen und kreativen Schreiben haben mir viel gebracht." Ihr Englisch ist fast zwangsläufig erheblich besser geworden. Das kommt ihr jetzt bei den Übersetzungsübungen an der heimischen Uni zugute. Ein Grund mehr, in diesem Sommer wieder nach Los Angeles zu jetten.

Jahr für Jahr besuchen etliche tausend deutsche Studenten die Sommer-Kurse an Hochschulen im Ausland. Während ihre Kommilitonen in den Semesterferien zu Hause jobben, für die nächste Prüfung lernen oder es sich einfach gut gehen lassen, verbinden sie fernab das Nützliche mit dem Angenehmen.

Im Unterschied zu reinen Sprachkursen sind die Sommer-Universitäten wissenschaftliche Veranstaltungen, die in einem dicht gedrängten Programm zumeist den Stoff eines ganzen Semesters umfassen.

"Für die Studenten ist eine Summer Session im Grunde ein Auslandssemester, ohne dass sie dafür Studienzeit in Deutschland verlieren", meint Cornelia Horn von der internationalen Bildungsorganisation Council in Berlin, über die sich jedes Jahr mehrere hundert deutsche Studenten für Sommer-Universitäten in den USA und England anmelden.

Die Kurzvisiten sind zudem billiger als ein regulärer Studienaufenthalt im Ausland. Im Lebenslauf machen sich ein paar Wochen an der Cornell oder der UCLA mitsamt Abschlusszertifikat ziemlich gut.

Besonders beliebt bei Studenten aus aller Welt sind neben Los Angeles und Berkeley auch die Kurse in Harvard und in Stanford oder an den ehrwürdigen britischen Pflanzstätten Oxford und Cambridge.

Die sommerlichen Studienangebote sind allerdings nicht mehr auf England oder Amerika beschränkt. Biologie, Geografie oder Meereskunde im isländischen Reykjavik, Recht und Wirtschaft im litauischen Vilnius, Medizin und Chemie in Sydney, Architektur und Kunstgeschichte in Pisa ­ das internationale Angebot ist ziemlich vielfältig.

Einzig die deutschen Hochschulen zogen es lange Jahre vor, eine Sommerpause einzulegen. Sie öffneten ihre Pforten in diesen Monaten lediglich für Sprach- und Literaturkurse, in denen zum Beispiel koreanische oder russische Germanistikstudenten mit reichlich Goethe und Heine traktiert wurden. Manche Uni ging im Sommerschlaf immerhin so weit, "Schnuppertage" für Oberstufenschülerinnen zu veranstalten. Ohne den Anblick übervoller Hörsäle oder störender männlicher Kommilitonen sollten die Mädchen für ein naturwissenschaftliches oder technisches Studium gewonnen werden.

Sommer-Universitäten à la Harvard oder Oxbridge aber suchten erkenntnisbegierige Studenten hier zu Lande lange vergebens. Das ändert sich erst allmählich. Nach angloamerikanischem Vorbild bieten nun eine Reihe deutscher Universitäten und Fachhochschulen "Internationale Sommer-Universitäten", "Sommer-Schulen" oder "Sommer-Akademien" an.

"Der Markt ist noch klein, aber er kommt langsam in Bewegung", sagt Arne Arnemann, einer der Organisatoren der gemeinsamen "Internationalen Sommer-Universität" der Universitäten Münster und Osnabrück, die es seit 1993 gibt und die damit zu den ältesten Einrichtungen ihrer Art in Deutschland zählt. Mal stand die "Europäische Union 50 Jahre nach Kriegsende" im Mittelpunkt zahlreicher Vorlesungen und Seminare, mal die "Arbeitswelt der Zukunft". Diesmal geht es ab Ende August in Münster um "Bilderwelten" von der Antike bis zum Cyberspace.

Nahe am amerikanischen Vorbild orientiert sich die Internationale Sommer-Universität der Freien Universität Berlin (FU); sie findet in diesem Jahr zum dritten Mal statt. Unter dem Leitthema "Berlin, Germany, Europe" können Studenten aus aller Welt ab Mitte Juli zwischen 15 vierwöchigen Kursen wählen, die sich wahlweise mit der "Berliner Architektur im Wandel der Geschichte", den "Ursprüngen und Folgen des Dritten Reichs" oder der "Internationalen Zusammenarbeit zwischen West- und Osteuropa" befassen.

In Amerika und England sind die Sommer-Unis entschieden multinational, Einheimische inklusive. In Harvard, an der UCLA oder in Oxford besuchen neben den Gästen aus aller Welt immer auch viele einheimische Studenten die Summer Sessions. In Deutschland hingegen bleiben die ausländischen Teilnehmer notorisch in der Überzahl und manchmal sogar ganz unter sich. An die Berliner FU etwa verirrte sich vor zwei Sommern ein einziger eingeborener Hochschüler.

"Die meisten deutschen Studenten sind nicht bereit, für solche zusätzlichen Studienangebote zu bezahlen", meint Jens Westerfeld, Koordinator der Sommer-Universität an der FU Berlin. Die Kurse sind zwar immer noch erheblich preiswerter als die in den USA oder Großbritannien ­ aber 1200 Mark wie in Berlin oder 1600 wie in Marburg kosten sie schon. Für wen Geld keine große Rolle spielt, der blättert lieber gleich das Doppelte oder Dreifache für sechs Wochen UCLA oder Stanford hin.

Zudem halten viele deutsche Studenten den praktischen Nutzen der Sommer-Universitäten für gering. Zwar werden etwa an der FU oder an der Sommer-Universität in Marburg für jeden erfolgreich absolvierten Kurs Kreditpunkte nach dem europaweiten Credit-Point-System vergeben, die auf das Studium angerechnet werden können. Längst nicht alle Hochschulen aber erkennen sie auch an.

"Das dürfte sich erst ändern, wenn auch in Deutschland das Studium weitgehend nach Modulen aufgebaut ist", schätzt FU-Koordinator Westerfeld. Dann könnten die Sommer-Universitäten sogar die noch immer überlangen Studienzeiten hier zu Lande verkürzen.

MARCO FINETTI