Studieren im Baltikum Die Meistersinger von Tartu

Die Seminargruppe überschaubar, das Wohnheim brandneu und das Bier spottbillig: Die deutschen Studentinnen Henriette Subklew und Monika Bucher schwärmen vom Studium in Estland. Die Sprache ist leider etwas kompliziert - Abhilfe schafft das Café "Küssende Studenten".

Von Fiete Stegers, Tartu


"Vieles ist Luxus hier für uns", sagt Henriette Subklew. Ein Semester verbrachte die Studentin aus Greifswald in Tartu, der zweitgrößten Stadt Estlands. Schwedenkönig Gustav II. Adolf gründete hier 1632 die Universität. Bis Ende des 19. Jahrhunderts sprachen Studenten und Professoren die Sprache der damaligen estnischen Oberschicht: Deutsch. Überall in der renovierten Innenstadt erinnern Denkmäler an große Gelehrte der Vergangenheit.

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Go East: Baltisches Auslandssemester

Brandneu ist dagegen das Wohnheim für die internationalen Studenten am Rand der City, Breitband-Internet inklusive. "Alle Deutschen sind sehr begeistert", sagt Henriette, eine Landschaftsökologin, die sich nun den "Baltic Studies" widmet. Ihre Freundin Monika Bucher lobt die Studienbedingungen - Seminare mit maximal 20, häufig auch nur drei bis vier Teilnehmern. Da sei die Betreuung durch die Dozenten im Vergleich zu ihrer Heimatuni "echt ein Traum", findet Monika, die in Leipzig VWL studiert.

Das "Baltic-Studies"-Programm bietet speziell für ausländische Studenten englischsprachige Kurse zu Geschichte, Politik, Kultur, Sprache und Wirtschaft Estlands und seiner Nachbarländer. Ein ähnliches Programm mit eigenem Masterabschluss gibt es auch an der Universität der litauischen Hauptstadt Vilnius.

Technisch auf dem neuesten Stand

Doch trotz der Bemühungen um internationale Studenten, trotz Erasmus-Förderung und des neuen "Go East"-Programms vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD): Bisher lockten Estland, Lettland und Litauen nur ein paar Dutzend deutsche Studenten pro Jahr. "Die meisten Osteuropa-Interessierten gehen nach Russland, Polen, Tschechien. Da sind eher noch Sprachkenntnisse vorhanden", sagt Hans Golombek vom DAAD.

Das Estnische ist nicht slawischen Ursprungs, sondern eng mit dem Finnischen verwandt. Den Finnen, die fürs Medizinstudium nach Tartu kommen, bereite die Sprache daher keine Probleme, erzählen Henriette und Monika. Für Deutsche dagegen ist das Estnische ein ziemlich harter Brocken.

"Man braucht schon ein halbes Jahr, bis man hier einigermaßen etwas versteht, trotz Tandempartnerin und vieler deutscher Lehnwörter", berichtet Henriette. Bei einer komplizierten Bestellung im Uni-Buchladen spricht sie mit der Verkäuferin dann doch lieber Englisch. Im Café "Suudlevad Tudengid" - "Küssende Studenten" - am Rathausplatz ist dagegen Estnisch angesagt. Während die beiden Studentinnen von ihren Erfahrungen erzählen, klappen sie ihre Laptops auf, um den kostenlosen Netzzugang im Café zu nutzen.

Nicht nur bei der Internet-Nutzung ist das kleine Land voraus: "Ich habe von keinem Esten eine Festnetznummer bekommen. Manche Technologien scheinen sie hier einfach zu überspringen", meint Henriette. Auf der anderen Seite haben die Studentinnen "krasse Gegensätze" zwischen westlich aufpolierten Innenstädten und postsowjetischer Tristesse in den armen Dörfern ausgemacht.

Stolz auf die Unabhängigkeit

"Hier kostet alles nur halb so viel wie bei uns, aber die Leute verdienen auch nur ein Sechstel", sagt Henriette. Der Milchkaffee am Rathausplatz oder das dritte Bier beim Ausgehen - für die estnischen Kommilitonen sei das eben nicht so leicht zu bezahlen: "Das vergisst man immer wieder schnell."

Zum traditionellen Uni-Leben in Tartu gehört auch ein jährlicher Sängerwettstreit, bei dem Studentinnen und Studenten auf zwei Brücken stehen und sich gegenseitig zu übertönen versuchen. Gestaunt haben die beiden Studentinnen auch darüber, wie begeistert die Esten ihren Unabhängigkeitstag feiern - gleich zweimal im Jahr.

Nach der Loslösung von Moskau herrsche ein "ganz anderer Patriotismus" in den baltischen Ländern, sagt Monika. Esten, Letten und Litauer betrachten die Zeit der Sowjetunion als jahrzehntelange Zwangsherrschaft durch den mächtigen Nachbarn Moskau. Dass man ihnen als Deutsche die Besatzung durch die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg vorwarf, haben die beiden deutschen Studentinnen dagegen nicht erlebt.

Viele Initiatoren wollen dagegen die alten akademischen Verbindungen zwischen Baltikum und Ostsee wiederbeleben. In Riga bietet eine deutsche Rechtsschule ihre ersten Vorlesungen an. Außerdem richten der DAAD und das Land Mecklenburg-Vorpommern mit den beiden Universitäten der lettischen Hauptstadt ein baltisch-deutsches Hochschukontor ein, um den wissenschaftlichen Austausch zu fördern.

Die Anstöße zeigen erste Wirkungen: Die Zahl der deutschen Austauschstudenten ginge in den baltischen Ländern inzwischen "merklich nach oben", bestätigt DAAD-Fachmann Golombek.

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