Studieren im Libanon "Politikwissenschaft? So ein Quatsch"

Auch 20 Jahre nach dem Bürgerkrieg trägt Beirut tiefe Narben. In Libanons Hauptstadt studiert Theresa Breuer Politik und hat schnell gemerkt: In jedem Gespräch geht es zunächst um den Nahost-Konflikt - dann erst wollen die Jungs flirten und über die schönen Strände reden.


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Studium in Beirut: Uni-Oase mit Meerblick
Es ist der erste Tag an der Universität. Für die meisten der internationalen Studenten ist es der erste Tag im Libanon überhaupt. "Mal ganz ehrlich", fragt die Beauftrage des International Students Departments, "bei wem von euch haben Verwandte und Freunde sich Sorgen gemacht, als ihr ihnen mitgeteilt habt, dass ihr in den Libanon geht?" Sofort gehen etwa 170 Hände in die Höhe. Auch meine.

Als ich meinem Mobilfunkanbieter in Deutschland den Auslandsaufenthalt als Kündigungsgrund nannte, fragte die Kundenberaterin bestürzt: "Sie wollen in den Libanon? Aber da wird doch geschossen!" Mein Vater stellte gleich klar, dass er mich nicht besuchen kommt, zu gefährlich. Meine Freunde runzelten die Stirn und wollten wissen, warum ich nicht in ein "normales" Land gehe.

Dass der Libanon nicht Frankreich oder Spanien ist, ist allen internationalen Studenten bewusst. Und richtig "normal" ist das Land auch nicht, denn es kämpft noch immer mit den Folgen von 15 Jahren Bürgerkrieg. Deshalb beäugen sich auch die Gaststudenten am Orientierungstag neugierig und wollen wissen, was die anderen hierher verschlagen hat.

Erst die Politik, dann der Small Talk

Anton aus Marburg studiert Politik und wollte "schon immer in das Land, in dem sich Okzident und Orient treffen". VWL-Student Mario aus Tübingen ist hier zum Arabischlernen. Cecilia aus New York kam mit ihrem Vater her, als der geschäftlich im Libanon unterwegs war, und hat sich in Beirut verliebt. Ein kompliziertes Anliegen haben die meisten gemeinsam: Sie wollen den Nahost-Konflikt verstehen und ergründen, warum diese Region einfach nicht zur Ruhe kommt.

Die Libanesen tun ihr Bestes, jedem Ausländer ihre Sicht der verfahrenen Lage im Konflikt zwischen Israel und den arabischen Völkern zu erklären. Freitagabend, eine Bar in Beirut: Ein Libanese namens Gaston spricht mich auf Französisch an und will wissen, woher ich komme. Ich erzähle es ihm - und dass ich für ein Semester an der American University of Beirut (AUB) Politikwissenschaft studiere.

"Politikwissenschaft? So ein Quatsch. Ich sage dir, wie ich das sehe: Die Hisbollah ist gut, der Hariri-Clan schlecht." Ich will von ihm wissen, warum. Und bekomme in einem zehnminütigen Vortrag zu hören, dass die Hisbollah die einzige Partei sei, die für den Libanon kämpfe und sich gegen die israelische Übermacht wehre.

Das sehen viele junge Leute in Beirut so, stelle ich in den folgenden Tagen fest. Erst nach der politischen Grundsatzfrage will Gaston meine Handy-Nummer, um mir am kommenden Wochenende die schönen Strände im Süden zu zeigen. So läuft das hier also: erst das große Ganze, dann der Small Talk und der Flirt.

Wer Politik studiert, kämpft natürlich "für die palästinensische Sache"

Wenige Tage später liege ich am Strand der Universität und lese Zeitung. Ein palästinensischer Student kommt auf mich zu und meint, ich studiere doch bestimmt Politikwissenschaft. Ich nicke, sein Gesicht hellt sich auf: "Dann kämpfst du also auch für unsere palästinensische Sache!" Ich reagiere wohl zu vorsichtig, denn der Junge mit Namen Malkon verwickelt mich sofort in ein Gespräch über den Nahost-Konflikt, den Holocaust und den deutschen Schuldkomplex. Anschließend plaudern wir über das Wetter.

Alles ist politisch im Libanon, und das ist nicht sehr verwunderlich. Denn an jeder Ecke kann man deutlich sehen, wohin der Krieg geführt hat. Zwischen modernen Bürobauten stehen verlassene Gebäude. Die Wände von Wohnhäusern sind mit Einschusslöchern übersät, an der Uferpromenade liegen neben modernen Hotels Gründstücke brach.

Dazwischen eilen Frauen in Highheels und Männer in Designerhemden umher, aus teuren Autos dröhnen die neusten Charthits. In Kneipen wird abends getanzt und getrunken, als gäbe es kein Morgen. Die Libanesen in der Hauptstadt feiern wie ein Volk, das weiß: Jeden Moment kann das schöne Leben wieder vorbei sein. Der Grat zwischen Krieg und Frieden, er ist schmal in diesem Land.

"Musst du denn jetzt Kopftuch tragen?"

Verglichen mit der vernarbten Stadt wirkt der Campus der American University of Beirut wie der friedlichste Ort auf Erden. Palmen stehen neben schönen, alten Gebäuden, durch Blumenbeete blickt man aufs Mittelmeer. Die Studenten sprechen untereinander einen wilden Mix aus Englisch, Französisch und Arabisch.

"Musst du denn jetzt Kopftuch tragen?", hatte mich eine Freundin vor meiner Abreise gefragt. Die wenigsten jungen Frauen tragen hier Kopftuch. Von bis in die Haarspitzen aufgestylt bis züchtig verdeckt geht hier alles, auf den Laufbändern des Uni-Fitnessstudios sieht man sowohl knapp bekleidete als auch verschleierte Mädchen.

Doch egal aus welchem Land die Studenten kommen oder welcher Religion sie angehören, die meisten sind untereinander befreundet. Viele der Libanesen haben zudem mehrere Staatsbürgerschaften. Während des Bürgerkriegs zogen in den achtziger Jahren viele Familien ins Ausland und kehrten erst Anfang der Neunziger in den Libanon zurück - diese Erfahrung hat die heutige Studentengeneration stark geprägt.

Die meisten lieben ihr Land. Trotzdem will kaum jemand zum Arbeiten hier bleiben. Maschinenbaustudentin Tressia Hobeika, 21, kann es kaum erwarten, ihren Master im Ausland zu machen und auch dort zu arbeiten: "Der Libanon ist zu korrupt und bietet jungen Menschen zu wenig Perspektiven. Viele meiner Freunde arbeiten in Saudi-Arabien oder Dubai."

Weil die private American University einen guten Ruf genießt, sehen viele Libanesen hier ihre große Chance. Doch die muss man sich auch leisten können: Knapp 5000 Dollar pro Semester kostet das Studium mit Blick aufs Mittelmeer. Als eine der ersten im Libanon wurde die Uni Mitte des 19. Jahrhunderts von amerikanischen Missionaren gegründet.

Auch im Libanon gibt es Ruhe, aber Langeweile nie

Bildung hat einen sehr hohen Stellenwert im Libanon, gerade weil sie es möglich macht, ins Ausland zu gehen. Auf knapp vier Millionen Einwohner kommen darum über 40 Hochschulen.

Die deutschen Studenten sind vom Studium allerdings ziemlich enttäuscht. Der Unterricht ist stark verschult. Meist referiert der Professor vor 15 bis 20 Leuten, diskutiert wird kaum. "Wir werden wie Zwölftklässler behandelt", sagt Anton. Das Studium als Fortsetzung der Oberstufe. Schlimm findet Anton das nicht. Schließlich verbringe man ein Auslandssemester im Libanon ja, "um Geschichte, Land und Leute kennenzulernen".

Das kleine Land lässt sich problemlos am Wochenende auskundschaften. Wandern in den Zedernwäldern, ein Ausflug zu den römischen Ruinen in Baalbek, die Tropfsteinhöhlen in Jeita - die Möglichkeiten sind zahlreich,und es tut gut, mal aus Beiruts Smog und Taxihupengedröhn rauszukommen.

Die Libanesen sind ideale Gastgeber und Fremdenführer. Tressia und ihre Schwester luden uns an einem Wochenende in ihr Haus in den Bergen ein. Bis spät in die Nacht saßen wir zu siebt auf der Terrasse und philosophierten bei libanesischem Bier über die Zukunft des Nahen Ostens. Bis alle schwiegen, die Stille und das Panorama genossen. Man kann also auch im Libanon Ruhe finden. Langeweile aber nie.

insgesamt 3 Beiträge
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soylentyellow1 20.01.2010
1. Blog zum Arabischstudium in Damaskus
An dieser Stelle möchte ich gerne auf mein Blog zum Arabischstudium in Damaskus hinweisen: http://arabischindamaskus.blogspot.com/ Ok, Syrien ist nicht so stylish wie der Libanon aber die Uni Damaskus ist auch wesentlich günstiger als die AUB (American University Beirut).
newliberal 20.01.2010
2. Guter Artikel
Guter Artikel, sehr mutig mit olivgrünem! Fahrzeug runterzufahren. Uni mit eigenem Strand ? Da muss man doch mehr als ein Semester bleiben !
judith_musalaha 16.02.2011
3. Eine andere Idee
Super Artikel! Total interessant. Falls ihr euch für eine andere Sicht der Dinge im Nahostkonflikt interessiert: http://musalaha.org/default.asp?ID=30 Ich mache momentan ein Praktikum bei Musalaha - einer jüdisch-arabischen Versöhnungsorganisation. Check it out :)))
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