Studieren in Bella Italia Wo hübsche Frauen keine Fahrkarte brauchen

Italien ist toll: Spitzenmäßiges Essen, und die meisten helfen einem mit jeder Kleinigkeit. Andererseits herrscht Organisationschaos an der Uni, die Polizisten schikanieren alle, bis auf die jungen Frauen. Nora Lassahn war trotzdem gern in Verona, denn dort ist alles überhaupt kein Problem.

Annika Glaßmeier

Die Uni hat angefangen, und ich habe es nicht mitbekommen, aber das ist gar kein Problem. Ich studiere schließlich in Italien. Hier an der Università degli Studi di Verona stehen die Kurse selten im Internet, oft dagegen auf Zetteln an irgendeinem Schwarzen Brett. Als ich die entdecke, rumort in mir meine deutsche Unruhe: Kann ich überhaupt noch überall teilnehmen? Habe ich viel verpasst?

Ich beruhige mich erstmal mit einem Automatenkaffee und wirklich: Es ist alles überhaupt kein Problem - "Non c'è nessun problema!" Den Satz habe ich während meines Erasmus-Semesters wohl am häufigsten gehört und er ist fast universell anwendbar.

Allerdings stimmt er nicht immer. Wenn der Italiener doppelt verneint, klingt das besonders entschieden, aber gerade deshalb habe ich da manchmal meine Zweifel. Die Standardantwort "Non c'è nessun problema!" wird hier so routiniert verwendet wie in Deutschland vielleicht ein "Das ist aber verboten". Wenn etwas "überhaupt kein Problem" ist, dient der Satz manchmal auch als Ausrede. Denn dann ist derjenige, der meint ein Problem zu haben, beruhigt und lässt einen wieder in Ruhe.

Freundliche Helfer überall - nur der Professor lässt mitunter lange warten

Dabei sind viele Leute hier überaus hilfsbereit. Den Erasmus-Studenten wird bei allem geholfen: Wohnungssuche, Stundenplan, Ausflüge, Partys. Verwaltungsakte werden aber schnell sehr kompliziert - etwa meine Jagd nach einer Unterschrift unter meinem Transcript of Records, der Leistungsbestätigung für Erasmus-Studenten.

Vier Stunden und sieben Büros später war ich wieder im Büro für Internationale Beziehungen angelangt, wo meine Odyssee begonnen hatte. Am Anfang hatte mich die Dame dort zum Sekretariat an meinem Institut geschickt: "Die machen das schon seit 20 Jahren und können Ihnen alle Fragen beantworten." Doch an meinem Institut hieß es nur: "Transcript of was?! Haben wir ja noch nie gehört!" Ich wurde sofort weggeschickt. Irgendwann geriet ich an eine Sekretärin, der ich meine Kurse und meine Adresse auf einen Zettel schreibe. Sie lächelt nett, alles sei "überhaupt kein Problem".

Auf mein Transcript of Records warte ich noch, dabei ist es ein nützliches Ding. Legt man den Wisch der Heimat-Uni vor, bekommt man seine Leistung im Ausland angerechnet und meine mündlichen Prüfungen waren hier so nervenaufreibend, dass es wirklich schade wäre, wenn das nicht klappt.

Vorlesungen werden in Verona noch vorgelesen

"Vorlesungen" werden an der Uni von Verona noch im Wortsinn verstanden. Der Dozent liest vor, diskutiert wird nicht. Anwesenheitspflicht gibt es hier keine, erst am Prüfungstag erfährt man, wer noch alles mit einem studiert. Zur Prüfung erscheinen dann alle gleichzeitig und drängen sich in einen Vorlesungssaal und warten. Und warten. Und warten. Manchmal wird man gleich wieder nach Hause geschickt und bekommt einen neuen Termin. Ich habe von einer Studentin gehört, die soll eine Woche lang jeden Tag gewartet haben, von 9 Uhr morgens bis in den Nachmittag. Ist der Prüfer dann da, geht alles ganz schnell: Geprüft wird mündlich, der Prüfer entscheidet allein und manchmal innerhalb von zehn Minuten, ob und mit welcher Note man besteht.

Verona ist wunderschön. Ein malerischer, mittelalterlicher Stadtkern, köstliches Essen, entspanntes Dolce Vita bei angenehmem Wetter. Die Leute sind herzlich und ihre Sprache hat eine leidenschaftliche Melodie, die die Veroneser pantomimisch untermalen. Und Verona ist reich. Im Stadtkern gibt es fast nur Boutiquen, Gucci, Armani und keine Billigheimer wie H&M. Viele Läden verkaufen Dessous, Hochzeitskleider oder Schuhe. Supermärkte dagegen gibt es im Zentrum kaum.

Verona ist auch die Stadt der Liebe und des kitschigen Balkons aus Shakespeares "Romeo und Julia". Außerdem hat sie ein sehr gut erhaltenes Amphitheater, die Arena, in der bei gutem Wetter Opern und Konzerte gezeigt werden. 265.000 Menschen leben hier, doch im Hochsommer hat man das Gefühl, Verona sei hauptsächlich von japanischen Reisegruppen und Liebespaaren bevölkert. Viele Veroneser schließen dann ihre Geschäfte und flüchten.

Bundestagswahl aus der Ferne: Triumph "Guido des Schönen"

Weil auch die Mieten sehr teuer sind, teilen Studenten sich oft Zwei- oder Dreibettzimmer. Dennoch tragen sie auffällig oft Designerklamotten und schon früh morgens aufwendig frisierte Haare. "Bella Italia" - der äußere Schein ist sehr wichtig und ein Qualitätsmerkmal. Nach der deutschen Bundestagswahl kaufte ich mir die Tageszeitung "La Repubblica". Dort stand tatsächlich etwas vom Triumph "Guido des Schönen" auf der Titelseite. Ich fragte mich kurz, wer das eigentlich sein soll. Dann las ich, wie sich Westerwelles "athletischer Körper" durch die Wahlparty bewegte und wie toll diese Party war. Unter einem Foto von Silvana Koch-Mehrin stand nur: "bellissima" - "wunderschön". Die "Republicca" gilt gemeinhin als Lichtblick in der stark von Berlusconis Firmenimperium dominierten, schalen Medienlandschaft Italiens.

Der Tag meiner Abreise war stressig. Ich saß im Warteraum des Veroneser Bahnhofs, gerade hatte ich erfahren, dass ich für meinen Zug nach München keine Fahrkarten in Italien kaufen kann, denn es sei ja kein italienischer Zug. Ich setze mich und ärgerte mich über mich selbst, dass mich das nach sechs Monaten hier noch überraschte.

Aber ein Problem, versicherte man mir, ist das natürlich nicht. Man kann die Karten auch im Zug kaufen. Plötzlich stehen vier Polizisten im Warteraum: "Die Fahrkarten vorzeigen!" Man könnte sie für Schaffner halten, aber sie haben nicht "bitte" gesagt und trage Pistolen an ihren Gürteln. Außerdem befinde ich mich in einem öffentlichen Wartesaal, nicht auf dem Bahnsteig oder im Zug. Trotzdem: Wer keine gültige Fahrkarte habe, müsse draußen warten.

Hübsche junge Frauen brauchen keine Fahrkarte

Ein vermutlich obdachloser Mann mit löchriger Hose und wüsten, grauen Haaren wird entfernt. Er darf hier erst recht nicht sein, die Polizei nimmt seine Personalien auf. Keine Spur von italienischer Gelassenheit in den Augen der Polizisten. Als junge Frau dagegen kann man schon mal ohne Fahrkarte im Wartebereich sitzen.

In Verona sieht man sehr viele Polizisten, oft bilden sie plaudernd Grüppchen. Probleme mit Kriminalität gebe es kaum, auch nicht mit den Immigranten, hörte ich von Kommilitonen und von meinem Vermieter. "Non c'è nessun problema." Veronas Bürgermeister Flavio Tosi gehört zur Lega Nord, seine rechte, separatistische Partei hat der Einwanderung den Kampf angesagt.

Zwei Studenten aus der Demokratischen Republik Kongo, die zuerst in Frankreich an der Uni waren und jetzt in Verona studieren, sagten mir, sie wollten lieber wieder zurück. In Frankreich gebe es weniger Rassismus. Dann lächeln sie und sagen, Verona sei aber trotzdem schön. Stimmt, sage ich, schon schön hier - und alles überhaupt kein Problem.

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Seite 1
mavoe 03.05.2010
1. Non c'è nessun problema!
Zitat von sysopItalien ist toll: Spitzenmäßiges Essen und die meisten helfen einem mit jeder Kleinigkeit. Andererseits herrscht Organisationschaos an der Uni und die Polizisten schikanieren alle, bis auf die jungen Frauen. Nora Lassahn war trotzdem gerne in Verona, denn dort ist alles überhaupt kein Problem. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,692263,00.html
lol. Das erinnert mich an meine Diplomarbeit in Italien. Da war mal was wegen dem italienischen Meldegesetz. Ich musste da eine Wohnung beziehen (vom Institut angemietet, daher für mich umsonst). ABER ich musste ein ausführliches Meldeformular ausfüllen. Und eine Woche später, im Meldeamt, hat mir der zuständige Beamte, dann in Festtagsuniform gekleidet, mir als "Dottore", was ich natürlich nicht war, hochfeierlich die "Einbürgerungsurkunde" überreicht. Und: Immer Aufpassen! Jeden Kassenzettel, auch wenn nur für einen Cafè, erstmal aufheben wegen der Guardia di Finanza. Und...
Daniele 03.05.2010
2. Vorbei
Zitat von mavoelol. Das erinnert mich an meine Diplomarbeit in Italien. Da war mal was wegen dem italienischen Meldegesetz. Ich musste da eine Wohnung beziehen (vom Institut angemietet, daher für mich umsonst). ABER ich musste ein ausführliches Meldeformular ausfüllen. Und eine Woche später, im Meldeamt, hat mir der zuständige Beamte, dann in Festtagsuniform gekleidet, mir als "Dottore", was ich natürlich nicht war, hochfeierlich die "Einbürgerungsurkunde" überreicht. Und: Immer Aufpassen! Jeden Kassenzettel, auch wenn nur für einen Cafè, erstmal aufheben wegen der Guardia di Finanza. Und...
Die Zeiten sind vorbei, der "Scontrino", also Kassenzettel, muss nicht mehr unbedingt aufgehoben werden und wird nicht mehr kontrolliert. Nur in Ausnahmefällen werden dann aber direkt dir Kassierer kontrolliert, nicht mehr die Kunden.
waswowie 03.05.2010
3. Pizza und Wein...
sagt das Buch Fettnäpfchenführer Italien, das ich eben gelesen habe, passt nicht zusammen. Und in der Tat, als ich Erasmus in Neapel war, gab es in vielen Pizzerien keinen Wein.
klaasklever7, 03.05.2010
4. Zweite Welt
Der Artikel entspricht der Wahrheit, meine Erfahrungen in einem Jahr in Italien waren teilweise noch schlimmer. Ich fühlte mich oft an mein Erdkundebuch aus den 80ern erinnert, in welchem Italien noch als "Zweite Welt" eingezeichnet war. Millionen von EU-Subventionen scheinen Rückständigkeit eher zu zementieren als zu ändern.
Daniele 03.05.2010
5. ....
Zitat von klaasklever7Der Artikel entspricht der Wahrheit, meine Erfahrungen in einem Jahr in Italien waren teilweise noch schlimmer. Ich fühlte mich oft an mein Erdkundebuch aus den 80ern erinnert, in welchem Italien noch als "Zweite Welt" eingezeichnet war. Millionen von EU-Subventionen scheinen Rückständigkeit eher zu zementieren als zu ändern.
Ohhh, da spricht wieder der Deutsche Gutbürger. Vielleicht ist nicht jede Nation darauf erpicht nach deutschem Vorbild den Perfektionismuss auszuleben heisst das nicht, dass sie "rückständig" sei und zur 2. Welt gehört. Vielleicht schauen sie mal über den Rand ihrer 80er Jahre Erdkundebuches hinaus und rechnen mal genau nach, denn auch Deutschland ist, was die Subventionen angeht, nicht gerade leer ausgegangen.
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