Studieren in Frankreich Viel Lernen und wenig Kritik

Ohne Stipendium oder einen Zuschuss der Eltern ist der Aufenthalt in Paris kaum zu finanzieren. Zum Jobben lässt der strenge Stundenplan keine Zeit.


Florian Henke, 23, hat ist gleich nach seinem Vordiplom nach Paris aufgebrochen. Dort vertieft der Romanistikstudent aus Freiburg in einer deutschfranzösischen Gruppe an der Universität Paris II seine Kenntnisse der Sprache der Republik. Mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) von 800 Mark versehen, dazu 1000 Mark, die seine Eltern zuschießen, kommt er im teuren Paris einigermaßen zurecht. Die Idee, mit Jobben den Aufenthalt zu finanzieren, sollte man sich aus dem Kopf schlagen; dafür lässt das Studium keine Zeit.

Henke genießt das Gefühl, in Paris allmählich ein Einheimischer geworden zu sein, sich nicht mehr als staunender Besucher vorzukommen, sondern als kundiger Bewohner der Großstadt mit all ihren unterschiedlichen und doch gleichermaßen interessanten Vierteln. Weniger heimisch bewegt er sich im französischen Bildungswesen mit all dessen Eigenarten. Oft genug fühlt sich Henke "in den Oberstufenunterricht" zurückversetzt: "Die rhetorische Strukturierung ist in der Regel wichtiger als der Inhalt, und die Seminare gleichen eher Dozentenvorträgen, in denen die Studenten nur Stichworte zuliefern."

Gleichwohl räumt er ein, dass die Wissensvermittlung und die Aneignung von Schreibkompetenz an französischen Unis meistens gut klappen. Die rigide geforderte Gliederung der Referate und Hausarbeiten in drei Teile (These, Antithese, Synthese) "stellt tatsächlich ein helfendes Gerüst dar". Gefördert wird auf diese Weise auch die in Frankreich so hoch geschätzte Égalité: "Hier hat am Ende des Jahres jeder die gleiche Basis. In Deutschland gibt es mehr Differenzierungsmöglichkeiten, da weiß einer über etwas Bescheid, von dem ein anderer noch nichts gehört hat."

Enormes Pensum in kurzer Zeit

Stephan Geifes, 32, Leiter des DAAD in Paris, bestätigt diese Erfahrung: "Die deutschen Studenten, die von Anfang an viel eigenständiger arbeiten, nehmen das universitäre System in Frankreich meist als sehr verschult wahr" ­ sogar noch im 2ème cycle.

Die eigentliche wissenschaftliche Spezialisierung findet nämlich erst im 3ème cycle statt, einem Aufbaustudium, das mit verschiedenen Diplomen, nicht nur der Promotion, abgeschlossen werden kann.

Das reglementierte Verfahren schmälert für Geifes jedoch nicht den Anspruch: "Es ist häufig ein enormes Pensum, das in relativ kurzer Zeit zu lernen ist. Die französischen Studenten können gut und klar strukturieren und sehr pointiert schreiben."

"In Frankreich", fasst der DAAD-Mann den Unterschied der Bildungssysteme zusammen, "lernen die jungen Akademiker das grundlegende Handwerkszeug, um ihre Arbeitsprozesse zu optimieren". In Deutschland werde "mehr Wert auf Eigeninitiative, Kreativität und originelle Gedankenführung gelegt".

Lieber in die Provinz?

Der Romanistikstudent Henke hat erlebt, dass in Hausarbeiten jeder noch so interessant anmutende Exkurs vom Prof gnadenlos als irrelevante Abschweifung angekringelt wird. Mit der Licence in der Tasche, die in Deutschland nicht als Abschluss anerkannt ist, will er in den Sommerferien zurück nach Freiburg, um dort dann den Magister anzustreben.

Manchmal hat Henke darüber nachgedacht, ob das Studentenleben in einer kleinen Provinzstadt im Süden nicht authentischer wäre als in der Anonymität von Paris. "Es braucht wirklich eine lange Anlaufzeit, bis man Franzosen kennen lernt", meint er. "Sie sind oft schon in festen Freundescliquen integriert und wohnen meistens noch bei ihren Eltern, häufig außerhalb in den Pariser Vorstädten. Und das bedeutet: Nach Ende der Lehrveranstaltungen sind sie gleich weg."

Da sie früher Abitur machen und schneller studieren, sind sie außerdem im Schnitt drei Jahre jünger ­ auch das kann eine psychologische Barriere sein. Deshalb erforscht Henke eher mit Engländern, Schweden oder Spaniern die Stadt und lässt sich von dem "faszinierenden Leben" mittragen.

Multikulturelles Treiben findet Dominik Butz, 24, direkt vor seiner Zimmertür. Er ist preisgünstig in einem der internationalen Studentenwohnheime der "Cité universitaire" am südlichen Stadtrand von Paris untergebracht. Voraussetzung für die Aufnahme dort ist die erklärte Bereitschaft, sich am kulturellen Leben der bunt gemischten Gemeinde zu beteiligen, zum Beispiel mit Ausstellungen und Vorträgen.

Am Institut für Politikstudien, kurz "Sciences Po" genannt, an dem Butz sich eingeschrieben hat, läutet eine Schulglocke die Stunden ein, in denen "viel gelernt, Gelerntes abgefragt und wenig Kritik geäußert wird". Dabei ist Sciences Po eine der prestigereichsten Grandes Écoles, eine Kaderschmiede, an der auch Präsident Jacques Chirac in den fünfziger Jahren studierte. Ihre französischen Kandidaten siebt sie bislang noch durch einen scharfen "concours" aus.

Entsprechend hart ist der Konkurrenzkampf. "Es gilt die Gaußsche Normalverteilung: Haben die anderen gute Noten, verschlechtern sich deine eigenen. Deshalb hilft man sich hier nicht gegenseitig", sagt Butz ­ auch wenn in jüngster Zeit mehr Wert auf Gruppenarbeit gelegt wird.

Im dritten Teil: Daheim im Telefonhäuschen - so wohnt man in Paris



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