Studieren in Honduras Punsch statt Putsch

Auf einer karibischen Insel vor Honduras wird der Staatsstreich ignoriert. Während auf dem Festland das Militär die Macht an sich reißt, forscht die deutsche Studentin Mareike Dornhege weiter unter Wasser für ihre Masterarbeit. Abends wird bei Rum und Ananas die Flucht über Belize geplant.


Am Samstag vor dem Staatsstreich war es ziemlich ruhig - vor allem hier, auf der kleinen Insel Utila, in der Sonne und am karibischen Traumstrand. Einen Tag später dann übernahmen in Honduras die Militärs die Macht im Land. Jetzt forsche ich in einem Krisengebiet.

Der Reiseführer "Lonely Planet" und Massen von Backpackern, die hier sonst ihre karibischen Cocktails schlürfen, nennen das "Treetanic" auf der Karibikinsel Utila eine der besten Bars der Welt. Ein verzweigtes Netz von Baumhäusern mit bunten Steinchen und Mosaiken dekoriert und mit lebenden Skorpionen und Taranteln bestückt verspricht Aufregendes in Mittelamerika.

Doch das inszenierte Abenteuer ist den meisten Touristen, die sonst hier sind, gerade etwas zu real geworden. Ich und meine Forscherkollegen stehe mit ein paar anderen Leuten an der Theke und trinken Rum-Ananas aus Plastikbechern. Der Besitzer freut sich so darüber, an diesem Samstag überhaupt Gäste zu haben, dass er eine Runde ausgibt. Es ist Ausnahmezustand, denn eigentlich gibt es keinen Grund zu feiern.

Ideale Lage für den Kokainexport

Utila ist gerade mal vier Kilometer breit und elf Kilometer lang und normalerweise ein Mekka für Rucksack- und Tauchtouristen: Weiße Strände und karibische Kultur bietet diese Mini-Insel. Sie liegt 32 Kilometer vor der Küste und im Golf zwischen Honduras und Belize. Doch in Zeiten der Schweinegrippe fehlen vor allem die amerikanischen Touristen. Und ein Erdbeben vor wenigen Wochen sowie einige große Kokainskandale auf der kleinen Insel, die geographisch günstig für den Exporte des weißen Pulvers liegt, sorgten dafür, dass das Urlauberparadies nun leer ist. Und als sich Honduras jetzt plötzlich mitten im Staatsstreich, und vielleicht bald im Bürgerkrieg befindet, sind wir die Letzten am Traumstrand.

Unsere Barnacht im "Treetanic" lag nur einige Stunden zurück, da wurde Präsident Zelaya samt Familie vom Militär gewaltsam aus dem Präsidentenpalast der Hauptstadt vertrieben und nach Costa Rica ausgeflogen.

Der Grund, aus dem ich hier bin, kommt mir angesichts der aktuellen Lage komisch vor.

Mit einer internationalen Forschungsorganisation analysiere ich den Zustand der Korallenriffe und des Fischbestandes um Utila. Für meine Masterarbeit an der Universität Oxford sammle ich den Sommer über Daten. Dass ich in Honduras in den meisten Städten noch nicht einmal alleine über die Straße laufen kann, und dass hier vor jedem Geldautomaten zur Sicherheit schwer bewaffnete Polizisten stehen, davor hat mich mein Professor gewarnt. Auf einen Putsch war ich aber nicht vorbereitet.

Honduras: Ein Land in Aufuhr
SPIEGEL ONLINE

Honduras: Ein Land in Aufuhr

Hier auf Utila und in der isolierten Forschungsstation sind die Ereignisse auf dem Festland erstaunlich weit weg. Als ich vom Putsch erfuhr, saßen wir gerade in einem stickigen, provisorischen Seminarraum und versuchten uns die Namen karibischer Korallenarten einzuprägen. Die Nachricht, dass eine Junta die Macht übernommen hat, haben die meisten Einwohner erstaunlich gelassen hingenommen.

Wie es nun genau weitergeht, weiß zwar auch hier keiner, aber immerhin haben wir etwas mehr Informationen als die meisten Honduraner. Wir haben Strom. Auf dem Festland hatte die neue Militärregierung die Elektrizität gekappt und somit auch Fernsehen, Radio und Internet. Wir schauen in diesen Nächten auf eine sehr dunkle Festlandküste.

Letzter Ausweg: ein Charterboot nach Belize

Die Ausgangssperre ab 21 Uhr abends, die für die gesamte Bevölkerung verhängt wurde, nimmt hier noch niemand Ernst. Die Gespräche an der Bar drehen sich eher um andere Sorgen. Ob die Boote vom Festland, die auch immer Obst, Gemüse und andere Nahrungsmittel mitbringen, noch regelmäßig fahren werden? Und ob man denn noch von und zur Forschungsstation kommt? Bisher sind nur alle inländischen Flüge storniert. Und sollten wir wirklich festsitzen und aus Sicherheitsgründen das Land verlassen wollen, hat man hier auch schon ganz gelassen einen Plan gefasst: Ein Boot nach Belize chartern. Von dort kommt man bequem in die ganze Welt.

Doch gerade denkt niemand daran zu gehen. Die Vorräte gehen noch nicht zur Neige, Strom und Internet laufen und auch die Einheimischen fühlen sich hier weit genug weg vom Festland Honduras'. Und die Fische sind auch noch da.

Wir stehen morgen früh wieder auf, um raus zufahren und unsere Tauchgänge zu absolvieren. Zum Schutze der Natur - während in der Hauptstadt Tegucigalpa weiter die aufgebrachte Bevölkerung gegen die Militärjunta protestiert. Zumindest mein Versicherungsschutz ist nun allerdings abgelaufen. Denn Reise- und Auslandskrankenversicherungen verfallen, wenn sich das Land im Krieg oder Ausnahmezustand befindet.

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