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10. November 2011, 13:13 Uhr

Studieren in Kanada

Rückwärtssalti gegen den Uni-Stress

Unterwegs als deutscher Stadtaffe: Markus Klein turnte durch Toronto und glich so den Uni-Stress in seinem Auslandsstudium aus. Der Germanistikstudent schlief auf Dächern, feierte mit seinen Parkour-Kollegen unterm Sternenzelt und verlor nur ab und an etwas Haut an einem Pflasterstein.

Wie ich dazu komme, in Kanada Germanistik zu studieren, wollten viele meiner Bamberger Freunde wissen. Ganz einfach: Erstens reizte mich das Land, zweitens studierte ich an der University of Waterloo dank Stipendium fast umsonst. Drittens schaffte ich so einen internationalen Master binnen eines Jahres. Und jetzt, nachdem ich ein Jahr hier war, habe ich einen vierten guten Grund: Parkour.

Ausprobiert hatte ich den Sport schon in Bamberg, doch gleich am ersten Uni-Tag in Waterloo fiel mir auf, dass die Stadt wie gemacht dafür ist. Die Architektur der Siebziger mit scheinbar zufällig hineingeworfenen Betonklötzen und Geländern eignet sich bestens, um kreativ und effizient über die Hindernisse hinwegzuklettern, zu springen und zu flanken.

So sehr Waterloo das Traceur-Herz höher schlagen lässt, es ist eine typische nordamerikanische mittelgroße Stadt mit wenig Charme: Es gibt kein Zentrum, nur riesige Straßen, die Malls verbinden, und dazwischen kleinere Straßen, die von einem Wohngebiet zum anderen führen. Außerdem ist Waterloo mit der Stadt Kitchener zusammengewachsen. Kitchener hieß bis zum ersten Weltkrieg Berlin. Als der ausbrach, versenkten die Bewohner die Kaiser-Wilhelm-Statue im Lake Ontario. Heute ist einer der letzten deutschen Reste das mutmaßlich zweitgrößte Oktoberfest der Welt.

Günstiges Kanada: Essen vom Bio-Bauern, Busfahren für lau

Weil die beiden Städte verschmolzen sind, wird das Gebiet KW genannt, es zählt knapp 300.000 Einwohner. Waterloo verfügt gleich über zwei renommierte Universitäten: Die University of Waterloo, an der ich studiert habe und dessen Wirtschaftler die Blackberry-Firma RIM gegründet haben, und die Laurier University.

KW hat ein für Kanada ordentliches öffentliches Verkehrssystem, an einem Wintersonntag kann es aber sein, dass man eine Stunde bei minus 30 Grad auf den Bus warten muss. Ein Plus sind die günstigen Mieten, die, wenn man sich wie ich eine Wohnung mit seiner Freundin teilt, weit unter überteuerten Wohnheimzimmermieten liegen. Ein weiterer Vorteil: Einmal die Woche bieten mennonitische Bauern auf dem Markt frisches, ungespritztes Gemüse und Fleisch zu unvorstellbar günstigen Preisen an. Wenn man bereit ist, auf Importkäse aus Europa zu verzichten, kann man hier von 500 kanadischen Dollar, also rund 350 Euro, sehr gut leben, Miete eingeschlossen - auch, weil für Studenten der Nahverkehr kostenlos ist.

Der üppig begrünte Campus meiner Uni hat eine eigene Buslinie, Sporthallen und zwei Fitnesscenter mit Duschen und Saunen und all das ist umsonst. Um von den hohen Studiengebühren von rund 18.000 Dollar pro Jahr befreit zu werden, musste ich arbeiten, etwa als Lehrer in Deutsch-Anfängerklassen und als Assistent eines Professors. Für ein wenig zusätzliches Reisegeld jobbte ich ein paarmal im Monat als Bibliotheksnachtwächter.

Feiern ist teuer, durch die Stadt turnen nicht

Das Studium war anstrengend und der Stundenplan vollgepackt: Die Kurse mit meist weniger als zehn Studenten dauern je drei Stunden, die Vorbereitung ist immens und Deadlines werden hier ganz wörtlich verstanden: Wer nicht fristgerecht abgibt, wiederholt den Kurs. Hinzu kommt noch die Masterarbeit, die ein Professor und zwei weitere Leser hinterfragen und die am Ende zwei Stunden lang verteidigt werden muss.

Kein Wunder also, dass ich mir recht schnell einen Ausgleich suchte. Feiern kam wegen der hohen Alkoholpreise nur begrenzt in Frage und Muskelbuden-Training fand ich schon immer öde. Darum freute ich mich sehr, als ich den Parkour-Club im Angebot der Uni entdeckte.

Physisch und mental strengt Parkour sehr an - aber es ist auch eine Hype-Sportart, beim ersten Treffen kamen mehr als fünfzig Leute. Nach dem "Conditioning", hartem Muskeltraining zum Aufwärmen, allerdings waren es nur noch zehn. "So ist das jedes Jahr: Seit Parkour auf YouTube ist, will es jeder lernen. Aber es erfordert eben eine Menge Kraft", sagt Übungsleiter Kartikaya, genannt Kats. Starke Muskeln sind essentiell, um die Gelenke bei Sprüngen aus großer Höhe zu schützen.

In der kleinen Gruppe lernte ich schnell Leute kennen. Wir trafen uns dreimal wöchentlich zum Training und auch zu weiteren Events wie der "Night of PK", einem Lauf von Mitternacht bis Sonnenaufgang. Den genossen wir auf dem Dach einer hohen Schulturnhalle in Waterloo. Dank Parkour kam ich Ende Juli auch für ein Wochenende zum Summer Jam nach Toronto, in die Hauptstadt Ontarios. Zum größten Parkour-Treffen des Landes waren die U-Bahnen vollgepackt mit schwitzenden jungen Menschen in Jogginghosen und T-Shirts. An manchen Haltestellen stiegen einige der jungen Traceure aus, machten einen Rückwärtssalto und stiegen schnell wieder ein.

Schlafen auf den Dächern von Toronto

In der Innenstadt kletterten wir Gebäude hoch und rannten über Mauern. Wir hangelten uns immer weiter, über Geländer und Mauervorsprünge und an Bäumen entlang, wie Affen im Großstadtdschungel. Mein Puls hämmerte und hin und wieder riss ich mir an Ziegeln oder Pflastersteinen ein wenig die Haut auf. Beim Parkour aber hört man völlig auf nachzudenken und folgt dem Körper. Es war für mich die beste Therapie gegen Unistress.

Den Toronto Summer Jam organisierte Dan Iaboni, 34, Leiter einer Kletterhalle namens "Monkey Vault". Am trüben Freitag trainierten wir in seinem Club. Alle, die von weither kamen, ließ er für kleines Geld in seinem Klettergarten übernachten. Trotz bequemer Matten in der Halle zogen ich und ein paar andere Teilnehmer es vor, draußen zu schlafen, und schwangen uns aufs mit kleinen Kieseln bedeckte Dach. Richtig gemütlich war das nicht, aber Aussicht, das Schlafen unter freiem Himmel und natürlich der Sonnenaufgang entschädigten uns für alles.

Nach einer eiskalten Dusche startete der zweite Tag mit Gelenktraining, danach zogen wir in Kleingruppen los. Am Abend pausierten wir am Stadtstrand mit Aussicht auf die Skyline von Toronto, über der der CN-Tower thront. Mit über 500 Metern war er mal der höchste freistehende Turm der Welt. Nachts rollten wir uns wieder in die Schlafsäcke auf irgendeinem Dach und blickten über die Straßenschluchten. Am Morgen wachte ich völlig ausgezehrt auf, erschöpft, aber überglücklich.

Ich habe in Kanada gelernt, was hartes Arbeiten an der Uni heißt. Und ich habe ein tolles Land und seine Leute lieben gelernt. Aber vor allem aus einem Grund hat es sich gelohnt, Deutsch am Lake Ontario zu studieren: Hier muss man einfach hin, wenn man auf Parkour steht.

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