Studieren in Madrid Ein Moloch zum Lieben

An der Madrider Complutense studieren mehr als 100.000 Akademiker, für Nachtschwärmer ist das wilde Leben in der Metropole ideal. Doch bis in die Hörsäle ist die große Freiheit noch nicht vorgedrungen - deutsche Gaststudenten finden die Lehre oft bleiern, streng, trocken.


Im Jahre 1499 gründete der Franziskaner Francisco Jiménez de Cisneros, Kardinal und mächtiger Erzbischof von Toledo, in Alcalá de Henares eine Universität - 30 Kilometer entfernt von einem unbedeutenden Dorf namens Madrid. Der Kirchenmann wünschte ein frommes Gegengewicht zur Hochschule in Salamanca, die vorwiegend Juristen für die weltliche Gerechtigkeit ausbildete. Nach Complutum, der alten Römer-Stadt an dieser Stelle, nannte der Erzbischof seine Universität Complutense.

Inzwischen ist aus dem Dorf die spanische Hauptstadt mit fast drei Millionen Einwohnern geworden. Und die Universidad Complutense, 1836 nach Madrid verlagert, ist mit rund 103 000 Studenten im Jahr 2000 zu einer der größten Hochschulen Europas gewachsen. Fast 5000 Philologen konkurrieren um Plätze in den Hörsälen.

Als Anja Wetzel, 21, aus Mecklenburg-Vorpommern zum ersten Mal den Campus der Universidad Complutense betrat, war sie erschrocken über das Gewusel. Ohne innezuhalten eilen die jungen Spanier zwischen den roten Backstein-Gebäuden herum, die grünen Hügel unter Zypressen und Kiefern sind voll mit Studenten, die gerade Picknick machen. Zwischen den Vorlesungen verschlingen sie da ein Bocadillo, das mit Schinken oder paprikaroter Chorizo-Wurst belegte Weißbrot.

"Wer vor sieben Uhr morgens ins Bett kommt,
hat sich nicht amüsiert"

Doch inzwischen stimmt die Kunst- und Spanischstudentin von der Uni Greifswald theatralisch in den Schlachtruf der verrückten Künstlerszene Movida ein, die Anfang der achtziger Jahre Madrid aufmischte: "De Madrid al cielo", von Madrid in den Himmel. Das Großstadtflair "ist für mich das Tollste", gesteht Anja. Sie kann sich nicht mehr so recht vorstellen, wie sie wieder in ihr Heimatnest Lübz bei Schwerin zurückkehren oder später mal in einer deutschen Kleinstadt unterrichten soll.

Nachtschwärmer in Madrid: Die spanische Metropole schläft nie
GMS

Nachtschwärmer in Madrid: Die spanische Metropole schläft nie

Es ist die Stadt, die jedes Studium lohnt: Madrid, die jüngste und verrückteste Metropole der Welt, doppelt so groß wie München, bekannt durch die schrillen Filme des Oscar-Preisträgers Pedro Almodóvar ("Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs").

Seit der erzkatholische Diktator Generalísimo Francisco Franco im November 1975 an Altersschwäche starb, wandelte sich die gesichtslose Verwaltungsstadt mit den protzigen Bankpalästen zum Trendsetter: Weit über Spanien hinaus drangen die hohen Sirenenklänge der Disco-Hymne vom Mondsohn, "Hijo de la Luna", setzte sich die Mode des freien Bauchnabels durch.

Weil es fast vier Jahrzehnte lang im Gefängnis der Franco-Diktatur gehalten wurde, hat sich Madrid der großen Freiheit verschrieben. Alles gibt's, alles geht, die Nächte sind wild, und "wer vor sieben Uhr am Samstagmorgen ins Bett kommt, hat sich nicht amüsiert", sagt Anja Wetzel. Sie ist immer noch platt über so viel "marcha", jenen Impuls, der ihre spanischen Kommilitonen von einer Bar in die andere treibt.

Als die junge Ostdeutsche zu Beginn des Wintersemesters, mit einem DAAD-Stipendium für das Romanistenprogramm ausgestattet, in der spanischen Hauptstadt eintraf, drohte der Moloch Madrid sie zu verschlingen.

Zimmer ohne Aussicht: 5 Quadratmeter, 210 Euro

"Ich war total gestresst von der Wohnungssuche." Fünf Tage lang stand sie morgens um sechs Uhr auf, durchsuchte die druckfrischen Zeitungen auf Zimmerangebote und stellte sich mit bis zu 100 Bewerbern beim Vermieter an. Ergebnis: Bis Weihnachten hatte sie ein Zimmer mit Ausblick - auf den Lichtschacht. "Madrid me mata", Madrid bringt mich um.

Über die Wohnungsmisere klagen alle deutschen Austauschstudenten. Studentenwohnheime gibt es zu wenige. Ohnehin würde die Rundumversorgung in einem so genannten Colegio Mayor mit Bettwäsche, Mahlzeiten, Sport und Kino im Monat 750 Euro kosten - doppelt so viel wie Anja monatlich vom DAAD bekommt, ein Sechsfaches vom Stipendiensatz der Erasmus-Stipendiaten.

Die jungen Deutschen geraten daher oft betrügerischen Maklern in die Klauen, die vorab bis zu 250 Euro Vermittlungsgebühr kassieren, um dann nur "Interiores" anzubieten. Was kuschelig klingt, ist schnöde ein Zimmer ohne Aussicht. Da werden bisweilen 210 Euro für fünf Quadratmeter verlangt. Und das im volkstümlichen Viertel Argüelles, nur weil es nahe am Campus, der "Ciudad Universitaria", liegt.

Inzwischen ist Anja in einer Multikulti- Wohngemeinschaft von sieben bis elf Ausländern gelandet. Sie wohnt im lauten, Tag und Nacht pulsierenden Herzen von Madrid, an der Puerta del Sol. Dort stand sie mit ihrer deutschen Mitbewohnerin Lena Knischewski, 24, in der Silvesternacht vor dem Regierungssitz der Region Madrid, dessen Uhr das Glück der Spanier bestimmt. Wer es schafft, zwölf Trauben im Rhythmus der Schläge zu verschlingen, dem lacht der Himmel im neuen Jahr. "Vor lauter Trubel haben wir die Glocken gar nicht gehört", empört sich Lena von der Uni Mannheim.

Kiffende Professoren in der Cafeteria

Es befremdete Anja und Lena zunächst, dass die Professoren sich duzen lassen und in der Cafeteria genüsslich eine dicke Tüte Haschisch durchziehen. Und sie waren erst mal enttäuscht über das Angebot, das im Vorlesungsverzeichnis so interessant geklungen hatte.

Denn das Studium in Spanien hat wenig mit Freiheit des Denkens und Forschens zu tun. Es ist streng gegliedert in drei Stufen, so genannte ciclos: Grundstudium und Hauptstudium, nach vier bis sechs Jahren Abschluss mit einer "licenciatura", die etwa einem Diplom oder Staatsexamen entspricht. Zur Promotion führt ein dritter Zyklus von zwei Jahren. Anschließend wird die Doktorarbeit verfasst. Die Studienpläne sind fest vorgeschrieben und innerhalb eines Fachs für alle gleich. Seminare sind selten, die Akademiker werden meist mit frontalen Vorlesungen traktiert.

Die Spanier, so Jana Padel, 23, aus Münster, "schreiben mit wie die Weltmeister". Den Stoff pauken sie stur auswendig und spucken ihn in einer Semesterabschluss-Klausur wieder aus. Jana hat in Köln Geschichte, Politik und Philosophie belegt, jetzt hat sie sich für die andere renommierte Madrider Uni, die Universidad Autónoma (UAM) im Norden entschieden.

Als Reform-Anstalt mit größerer Unabhängigkeit vom Regime wurde die Autonome Universität 1968 während einer Phase relativer Öffnung der Franco-Diktatur gegründet. Die inzwischen 35 000 eingeschriebenen Studenten erreichen ihre Hörsäle in den Waschbetonquadern vom Zentrum aus nach halbstündiger Fahrt im Nahverkehrszug oder Bus.

Dort in Cantoblanco, idyllisch zwischen Schafweiden und Bauernhöfen, prügelten in der brutalen Endphase der Franco-Diktatur Polizisten die linksbewegten Politikwissenschaftler und Philologen zusammen. Von den bleiernen Jahren zeugen noch Eisengitter vor den Fenstern der Cafeteria des Philosophikums, die eigens 1974 eingezogen wurden, um Fluchtwege zu versperren.


Lesen Sie im zweiten Teil:



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