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Elitestudiengang in Oxford

Und später dann Premierminister?

Der Studiengang "Philosophy, Politics and Economics" in Oxford gilt als Schmiede für Top-Beamte - und als Symbol einer versnobten Führungselite. Einblicke in die Welt der PPE-Studenten.

Von

REUTERS

Absolventen feiern in Oxford ihren Abschluss

Montag, 22.05.2017   16:51 Uhr

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Daniel Wilkinson hat gute Chancen auf einen Ministerposten. Vielleicht sogar auf das Premierministeramt. Sechs Anzüge hat sich der 19-jährige Brite seit seinem Studienbeginn an der Universität Oxford schon zugelegt. Der Krawattenknoten kommt locker aus der rechten Hand. Dabei hat Daniel "nur" eine öffentliche Schule besucht.

Sein Bruder und er sind "die Ersten aus der Familie mit Studium". Und das in einem Land, in dem sich Reichtum, Einfluss und Bildung immer noch oft vererben. Aber die Zeiten, in denen die renommierten Colleges der Upperclass vorbehalten waren, sind längst vorbei.

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Kaderschmieden wie Oxford und Cambridge bilden die künftige Elite aus - genauer gesagt: eine Handvoll Colleges und Studiengänge dort. Und Daniels Studiengang "Philosophy, Politics and Economics", kurz PPE, spielt da ganz vorne mit.

Wenn Daniel über den Innenhof seines fast 700 Jahre alten College schreitet, Hemd oben aufgeknöpft, Tasche über der Schulter, grüßt er alle Anwesenden mit Namen. Vom Pförtner am Eingang, der kontrolliert, dass ausschließlich Studierende das College betreten, bis zu Kommilitonen im Trainingsoutfit mit Ruderemblem auf der Brust. Manchmal schnalzt Daniel zum Gruß noch mit der Zunge oder legt ein Augenzwinkern nach.

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Wenn er über seine Zukunft spricht, glänzen seine Augen. Ein kleines Stückchen Welt gehört ihm schon. Und für den Rest stehen ihm die wichtigsten Türen offen.

Daniel hat an diesem verregneten Nachmittag schon eine dreistündige Klausur zu politischer Theorie hinter sich. Eine Stunde Pause könne er sich jetzt schon mal gönnen, sagt er. Der junge Student ist guter Dinge. Dabei sind bis Ende dieser Woche noch eine weitere Klausur, zwei Aufsätze und Arbeitsblätter fällig. Und es ist schon Mittwoch. Eine verrückt anstrengende Woche sei das, merkt Daniel an, "doch man gewöhnt sich dran".

Für Stress und viel Arbeit ist sein Studiengang bekannt. Auch für unzählige Absolventen, die in britische Top-Ämter gelangten. Der ehemalige Premierminister David Cameron hat genau wie seine Vorgänger Edward Heath und Harald Wilson PPE studiert. Im jetzigen Kabinett haben vier Minister einen entsprechenden Abschluss - darunter Finanzminister Philip Hammond und Justizministerin Elizabeth Truss. In britischen Medienhäusern sieht es ähnlich aus.

Annette Kammerer

Daniel Wilkinson

Auf Wikipedia hat sich jemand die Mühe gemacht und eine Liste berühmter PPE-Alumni erstellt. Sie hat 243 Einträge. Medien fragen nicht mehr ob, sondern warum PPE Großbritannien regiert.

Johanna Schiele ist groß gewachsen und hat wache Augen. Die Deutsche studiert wie Daniel - und insgesamt rund 700 andere - PPE in Oxford. Auch sie ist gerade im Prüfungsstress. Auf einem Karrierenetzwerk führt Johanna ihren Abiturschnitt von 0,7 und vier Fremdsprachen von Arabisch bis Russisch auf.

"Klar ist das Elite", kommentiert Johanna PPE und echot das Selbstverständnis ihrer Universität, "aber nicht Klüngel-Elite, sondern Leistungselite." Die Semester sind kurz, aber intensiv. Jede Woche sind zwei Aufsätze oder Arbeitsblätter zu einem neuen Thema fällig. In ein- bis zweistündigen Tutorien wird die eigene Arbeit dann auseinandergenommen. Wenig Unterricht ist das. Dafür aber mit einem Dozenten/Studenten-Verhältnis von meist 1 zu 2. "Eine derart intensive Betreuung", sagt Johanna, gebe es ansonsten kaum.

Scheiße labern, aber überzeugend

Am Ende steht der kritisch und analytisch denkende Absolvent, der so ziemlich alles werden kann: Minister, Banker, Aktivist. So sieht es PPE-Dozentin Patricia Thornton. Mancher Absolvent bezeichnet seine erworbenen Fähigkeiten allerdings als: "Bullshitting, yet convincing." Scheiße labern, aber überzeugend. Drei Disziplinen gleichzeitig, jede Woche ein neues Thema und dazu Aufsätze wie am Fließband - das könne nicht gut gehen.

Der interdisziplinäre Studiengang wurde vor fast hundert Jahren mit den besten Absichten ins Leben gerufen. Oxford war damit seiner Zeit weit voraus. Hier sollten die klügsten jungen Menschen mit fachübergreifendem Wissen auf den Dienst an der Gesellschaft vorbereitet werden: Generalisten statt Fachidioten. Zahlreiche Universitäten auf der Insel und auch in Deutschland ahmten das Modell später nach.

"Das Problem ist für mich nicht der Studiengang an sich", konstatiert Will Davis, der an der Goldsmith Universität in London forscht. Allerdings sei er Teil der Krise, in der die Demokratie inzwischen in vielen Ländern steckt. Der Studiengang repräsentiere das ungleiche und elitäre System Großbritanniens, ist Davis überzeugt.

PPE sei in Zeiten von Brexit, Trump und Co. zu einem Symbol geworden: für Parteiführungen, die sich aus alten Kumpels zusammensetzen; für arrogante Politiker, die zu wissen glauben, was für "das Volk" das Beste sei.

Als "PPE bollocks" (PPE-Schwachsinn) diffamiert bisweilen der Rechtspopulist Nigel Farage komplexe Sachverhalte. Die verbreitete Kritik an PPE verdeutliche, wie unwohl sich die Öffentlichkeit damit fühle, von der Führungsriege abgehängt zu sein. "Doch wir leben nun mal nicht in einem Wettbewerb darum, wer der Klügste ist, sondern in einer Demokratie", sagt Davis. Und so ordnet er das Brexit-Votum als "Rebellion gegen diese Art von Arroganz" ein.

Zurück in Oxford rückt Daniel Wilkinson an diesem Abend zusammen mit anderen Studenten Stühle im Union Debattierklub. Die Wände hängen voller Bilder ehemaliger Redner: Albert Einstein, Mutter Theresa, diverse Staatsoberhäupter.

"Es ist schon komisch, wenn ich darüber nachdenke, dass meine Kumpels von heute, die Einflussreichen von morgen sein werden", sagt Daniel. Gleich wird er die Hand des heutigen Redners schütteln, auf den Lippen ein selbstbewusstes Lächeln.

Morgen einflussreich - man nimmt es dem 19-Jährigen im Anzug ab.

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