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Studium in Pakistan: Leben auf dem Hochsicherheits-Campus

Foto: Hasnain Kazim

Studieren in Pakistan "Ein kalkulierbares Risiko"

Ein Auslandsstudium ausgerechnet in Pakistan? In den Augen vieler Westler steht das Land für Terrorgefahr und Taliban. Zwei Passauer Studenten wagten sich dennoch nach Lahore. Vom Studium sind sie begeistert - und an der Wirtschafts-Uni weht ein überraschend liberaler Geist.

"Meine Eltern sagen ständig am Telefon: Jetzt komm endlich heim." Felix Hofmann, 24, aus dem oberfränkischen Lichtenberg verdreht die Augen. Die gleichaltrige Monika Mayer, groß geworden auf einem Bauernhof im niederbayerischen Bad Füssing, erzählt, ihre Eltern hätten ihren Entschluss mit trockenem Humor zur Kenntnis genommen. "Meine Schwester hat einen Marokkaner geheiratet, mein Bruder eine Chinesin. Meine Mutter meinte deshalb nur: 'Ach, und du bringst jetzt also einen Pakistaner mit.'"

Es ist heiß, fast 40 Grad, dabei ist es erst April. Die Mensa der Lahore University of Management Sciences (LUMS) ist ein Zufluchtsort, kühle Luft strömt hier aus den Klimaanlagen. "Ist schon nicht einfach", sagt Felix und nimmt einen Schluck Limonade. Er meint damit nicht nur das Klima, sondern auch die Tatsache, dass er sich in Deutschland immer rechtfertigen musste für seine Entscheidung, nach Pakistan zu gehen.

"Ich lass mich doch nicht für verrückt erklären", sagt er. "Ich bin ein kalkulierbares Risiko eingegangen." Seit März 2009 studiert er hier, Monika ist seit August in Lahore. Niemand aus Deutschland hat sie in diesen Monaten besucht, keine Verwandten, keine Kommilitonen, selbst diejenigen nicht, die anfangs noch Interesse gezeigt hatten. Man merkt den beiden Studenten von der Uni Passau die Enttäuschung darüber an.

"Natürlich interessiert mich, warum es hier Terror gibt"

Sie hat die Neugier getrieben auf ein Land, das sie durch die Teilnahme an einem Uno-Planspiel kennengelernt hatten. Die Exotik und die Herzlichkeit faszinierten sie. "Ich wollte mehr erfahren und wissen, wie die Menschen hier ticken", erinnert sich Monika, die in Passau jeweils einen Bachelor in Staatswissenschaften und in Kulturwissenschaften machen möchte.

Felix, Student der Staatswissenschaften, sagt, er habe lernen wollen, warum ein Entwicklungsland auch nach Jahren finanzieller Hilfe ein Entwicklungsland ist. "Und natürlich interessiert mich, warum es hier Terror gibt." Die Neugier war so groß, dass sie ihre ursprünglichen Auslandsziele - er Sydney, sie Paris - aufgaben.

Derzeit sind sie die einzigen Ausländer unter den rund 2000 Studenten an der LUMS. "Die Leute drehen sich immer noch nach uns um", sagt Felix und lacht. Aber man gewöhne sich daran. "Wenn überhaupt Ausländer kommen, sind es meist Leute aus Südasien, aus Sri Lanka, Bangladesch und Nepal, seltener aus Ländern wie Nigeria, für die bedeutet Pakistan einen Aufstieg."

Aber Europäer und Amerikaner? Fast nie.

30 Euro für die Miete - 2000 Dollar pro Studiensemester

Nicht nur der schlechte Ruf Pakistans hält viele ab, sondern im Fall der LUMS auch die hohen Kosten: Denn so billig der Lebensunterhalt in Pakistan ist - für eine Zimmerhälfte auf dem Campus fallen umgerechnet 30 Euro Miete pro Monat an -, so teuer sind die Studiengebühren. "Mit 2000 Dollar pro Semester muss man rechnen", sagt Felix. Die beiden Deutschen haben ein Stipendium vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) bekommen, aber das reicht nur für einen Teil der Auslagen. Sie haben gespart, die Eltern zahlen etwas dazu - und unterm Strich ist es, eben dank der sonst billigen Lebenshaltung, nicht teurer als das Studium in Deutschland.

Die LUMS gilt als die beste Universität Pakistans, manche nennen sie "das Harvard Südasiens". Die Bibliothek hat 24 Stunden geöffnet, ebenso der Computerraum. Es gibt Vorlesungen mit jeweils vier, fünf Studenten im Büro des Professors. Nur wenige pakistanische Eltern können ihren Kindern ein derartiges Studium ermöglichen.

"Ich würde sagen, es ist die obere Mittelschicht", so Felix. "Viele versuchen, nach dem Bachelor ins Ausland zu gehen, um dort den Masterabschluss zu machen." Die Oberschicht studiere hier eher nicht. "Die geht gleich nach Amerika oder England."

Campus hinter Stacheldraht - und Extra-Wachen fürs Frauenhaus

Für hochbegabte Studenten aus armen Familien gibt es ein Förderprogramm. "Die werden schon als Schüler entdeckt und auf ein Studium an der LUMS vorbereitet", sagt Felix. Wer von ihnen die Eingangstests bestehe, müsse keine Studiengebühren zahlen. "Meistens sind das die besten Studenten hier." Allerdings würden sie von anderen Studenten oft diskriminiert und blieben deshalb unter sich.

Standesdenken spielt eben eine große Rolle in Pakistan, gerade an einer Universität, die sich als Schmiede für die künftige Elite des Landes versteht. Es ist eine junge Universität, Mitte der achtziger Jahre gegründet, finanziert von reichen Industriellen, unterstützt von der US-Regierung und Stiftungen aus aller Welt. Hillary Clinton pflanzte 1995, damals noch First Lady, einen Baum vor einem von Washington finanzierten Gebäude.

Es ist ein schöner Campus, mit manikürten Rasenflächen, Parkanlagen mit Palmen, Blumenbeeten und einer Moschee. Sogar einen Pfauenkäfig gibt es, wie einst in den Palastanlagen der Mogule. Aber der Campus ist zugleich eine Festung: Eine Mauer mit Stacheldrahtzaun umgibt das Gelände. Die Anlage wird von einer Sicherheitsfirma kontrolliert, der Zutritt ist nur mit einem Ausweis gestattet. Männer und Frauen wohnen in getrennten Wohnheimanlagen, der Frauenbereich wird extra bewacht.

"14-Stunden-Tage sind normal"

Im Oktober war die LUMS - wie alle Bildungseinrichtungen im Land - eine Woche lang geschlossen, nachdem zwei Selbstmordattentäter in einer Universität in Islamabad fünf Menschen in den Tod gerissen hatten. "Daheim waren die Leute geschockt, als sie hörten, dass unsere Uni wegen Terrors geschlossen ist", sagt Felix. "Die dachten, dass wir hier mittendrin hocken. Dabei gab es einfach nur keine Vorlesungen."

Die Zwangspause war auch eine Chance zum Durchatmen. "Die Universität verlangt viel, das Studium ist sehr anspruchsvoll", sagt Monika. "14-Stunden-Tage sind normal, Freunde in der Heimat müssen deshalb schon mal zwei Wochen auf eine E-Mail-Antwort warten." Sie überlegt und ergänzt: "Ich habe aber auch noch nie so viel gelernt wie hier. Fachlich, über die Menschen, aber auch über mich selbst und meine Grenzen." Felix stimmt zu: "Es gibt keine Einführungswoche für ausländische Studenten oder jemanden, der einen herumführt und einem alles zeigt. Man lernt deshalb, sich durchzubeißen - zumal die Uni-Verwaltung extrem langsam und unzuverlässig arbeitet. Die Zeit in Lahore stärkt das Selbstbewusstsein enorm", sagt Felix.

Er und Monika sind sehr ehrgeizig, wollen die Uni-Partnerschaft zwischen Passau und Lahore voranbringen, organisieren nebenbei weiter Uno-Planspiele und belegen außerdem mehrere Kurse in diversen Fächern. Beide wollen später einmal Diplomaten werden; Praktika in Botschaften gehören also auch zum Programm.

"Die Uni entspricht nicht unbedingt den Klischees von Pakistan", sagt Felix. "Zum Beispiel konnte es sich eine französische Philosophiedozentin erlauben, in den Hörsaal zu kommen und zu sagen: 'Es gibt keinen Gott!' Und das in einem islamischen, hochreligiösen Land!"

Pärchenalarm hinter der Sporthalle: "To love or not to love"

An der LUMS weht, im Gegensatz zu anderen Teilen des Landes, ein liberaler Geist. Manche Studentinnen laufen verhüllt über den Campus. Andere tragen den traditionellen Shalwar Kameez, eine knielange Bluse und eine Stoffhose. Doch man sieht auch Frauen in hautengen Jeans und T-Shirt. Ähnlich ist es bei den Männern: Einige haben sich einen langen Bart wachsen lassen, andere sind glattrasiert. "Mir gefällt diese Mischung", meint Monika.

Gelegentlich sieht man sogar Paare. "Aber nie händchenhaltend oder knutschend", sagt Monika. Sogar einen mehr oder weniger heimlichen Treffpunkt für Rendezvous soll es geben, hinter dem Sportkomplex. Eine Studentin hatte sich aber kürzlich per E-Mail-Verteiler beschwert, sie könne wegen der vielen Paare, die sich überall aufhielten, gar nicht mehr mit ihren Eltern über den Campus gehen. "To love or not to love", lautete die Betreffzeile. Prompt entbrannte eine heftige Diskussion.

"Die meisten finden ihren Lebenspartner ohnehin in einer von den Eltern arrangierten Ehe", erzählt Monika. "Es gibt Fälle, in denen das gutgeht. Aber ich kann das für mich selber immer noch nicht wirklich nachvollziehen", sagt sie. Viele Gespräche habe sie darüber mit ihren Kommilitoninnen geführt. Manche, vor allem die unglücklich Verliebten, denen die Eltern Ärger machten, stimmten ihr zu. Andere erklärten, die Eltern wüssten doch am besten, wer der richtige Partner sei.

Die Vorstellungen mancher pakistanischer Männer haben Monika schockiert. "Einmal wurde ich direkt von einem Mann gefragt, ob ich Sex mit ihm haben wolle. Der dachte wirklich, westliche Frauen seien leicht zu haben und zu allem bereit." Glücklicherweise sei es bei diesem einen Vorfall geblieben.

Wenig Freiheiten im pakistanischen Paukstudium

Viel mehr ärgert sich Monika über die Mogeleien mancher Studenten. Sie habe erfahren, dass gute Beziehungen zu den studentischen Tutoren das Studium erleichtern würden. "Außerdem sind manche wahnsinnig standesbewusst, aber damit einher geht dann, dass sie ihren Müll einfach irgendwo hinschmeißen oder in der Mensa ihre Essensreste auf dem Tisch stehenlassen."

Gewöhnungsbedürftig sei für sie auch, dass sie viel weniger Freiheiten beim Studieren habe. "In Passau habe ich selbst entschieden, wann und wie viel ich lerne, ob ich ein paar Wochen vor einem Examen anfange oder erst einen Tag vorher. Hier muss man lernen, lernen, lernen. Immer steht irgendeine Präsentation, irgendein Paper, irgendein Test an. Ich bin doch Studentin, keine Schülerin mehr!" Felix nickt zustimmend. "Aber dafür ist das Lernen viel nachhaltiger", wendet er ein. Monika meint, sie könne nicht sagen, welches System besser sei. "Jedenfalls vermisse ich meine Freiheiten manchmal."

Ihr fehlt auch die Unabhängigkeit, die Möglichkeit, einfach mal in die Stadt zu fahren. Lahore ist groß, unübersichtlich, chaotisch, und die Selbstmordanschläge haben die Menschen vorsichtig gemacht. Erst kürzlich hat Monika begonnen, allein mit der Rikscha in die Stadt zu fahren. "Als Vegetarierin bin ich darauf angewiesen, auch mal rauszufahren zum Einkaufen", sagt sie. Pakistan ist, ganz im Gegensatz zu Indien, kein Paradies für Vegetarier.

"Man muss einfach mal raus", findet auch Felix. "Theoretisch könnte man sein ganzes Studium auf dem Campus verbringen, man kann hier Lebensmittel einkaufen, es gibt ein paar preiswerte Restaurants, ein Schreibwarengeschäft und einen Buchladen." Das sei, so Felix, sehr verlockend, weil man sich auf dem Campus viel sicherer fühle als außerhalb. "Aber dann bekommt man das echte Leben nicht mit."

Eingemauert auf dem Rundum-sorglos-Campus

Davon wollen die beiden künftig noch viel mehr erleben. "Die Menschen sind unglaublich gastfreundlich, wir haben zig Einladungen von so vielen Leuten im ganzen Land", sagt Monika. "Bisher hatten wir keine Zeit zu reisen, aber das werden wir nachholen - spätestens im Anschluss an unsere Studienzeit hier."

Felix erzählt von seinem Weihnachten in Bahawalpur, einer Stadt im Süden der Provinz Punjab. "Ich war bei der Familie eines muslimischen Studienfreundes. Die haben das erste Mal in ihrem Leben Weihnachten gefeiert." Er sei sehr gerührt gewesen, die Mutter und die Schwester hätten Weihnachtssterne gebastelt. "Und sie haben einen Baum besorgt und geschmückt. Ich habe keine Ahnung, wo sie in Bahawalpur die Weihnachtskugeln aufgetrieben haben." Der Vater habe dann eine Bibel auf Urdu aus dem Schrank geholt, um die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium vorzulesen. "Die Bibel steht jetzt in meinem Bücherschrank."

Als er erfuhr, dass die Lahore Grammar School einen Lehrer für Geschichte sucht, bewarb er sich spontan. Jetzt unterrichtet Felix dreimal die Woche je zwei Stunden in der neunten Klasse - ausschließlich Mädchen. "Da erfährt man sehr viel über die Gedankenwelt der pakistanischen Jugendlichen", sagt er. Sie alle wollen mal studieren, haben große Pläne. Sie nennen ihren Lehrer "Sir Felix", seltener "Mister Hofmann". Es sei "sehr lustig und interessant, einen Weißen als Lehrer zu haben", sagt ein Mädchen und kichert.

Umgerechnet knapp 150 Euro verdient Felix durch den Job. "Genug, um Lebensmittel einzukaufen", sagt er. Pakistanische Studenten würden nicht mit Arbeit ihr Studium finanzieren - das gilt als unangemessen und nicht standesgemäß. "Schon gar nicht würden sie kellnern oder am Fließband stehen, so wie manche deutsche Studenten", sagt Felix. "Mein Lehrerjob ist schon ein bisschen besser angesehen", das gehe gerade noch so. "Aber in dieser Sache kann ich clever die Ausländerkarte ziehen."

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