Studieren in Reykjavik Hot Pots und Rubbellose

Finstere Winter und kriselnde Banken können Studenten an der Universität Island, einer von Europas Uni-Perlen, nichts anhaben. Sie halten es mit dem Lebensmotto: "Alles wird gut". Sich langweilen gilt nicht, und wer doch mal Sorgen hat, bespricht sie in der Gruppen-Badewanne.

Von Charlotte Klein


Fotostrecke

3  Bilder
Uni-Perle Reykjavik: "Du wirst dich nie langweilen"
Gut ein Jahr ist es her, dass Island um Haaresbreite am Staatsbankrott vorbeigeschlittert ist. Darum ist es nun auch nicht mehr ganz so dunkel wie sonst zu dieser Jahreszeit, wenn die Skandinavistikstudentin Vanessa Isenmann sich morgens in Reykjavik auf den Weg zur Uni macht: Rote und blaue Birnen der städtischen Weihnachtsbeleuchtung erhellen die Finsternis.

"Dieses Jahr wurde sie extrem früh aufgehängt, schon Anfang Oktober. Das soll gegen die trübe Stimmung in der Krise helfen", sagt die 24-jährige Erasmus-Studentin. "Die Menschen hier sind sehr einfallsreich und passen sich eben den Umständen an."

Kreativität und Pragmatismus, das seien Tugenden, sagt Vanessa, die sie auch ihrer Hochschule in Reykjavik zuschreiben würde, der Haskoli Islands (Universität Island. Die ehrgeizigen Isländer haben sich vorgenommen, sie zu einer Spitzen-Uni zu veredeln. Schon jetzt kann sie mit hohen Lehrstandards punkten und mit der guten Betreuung der Studenten. Vor allem aber liegt sie in einem attraktiven und zuweilen ziemlich skurrilen Land, in dem Bürgersteige geheizt, Probleme in Gruppen-Badewannen besprochen und neue Uni-Gebäude mit Glücksspielgewinnen finanziert werden.

Diese Extravaganz scheint besonders Deutschen gut zu gefallen - sie stellen die bei weitem größte Gruppe unter den rund tausend Gaststudenten. "Wir haben Erasmus-Abkommen und bilaterale Vereinbarungen mit fast 80 deutschen Universitäten", erzählt Karitas Kvaran, die Leiterin des Auslandsamts. Ihre Mission: den Neuankömmlingen einen warmen Empfang zu bereiten mit Ausflügen aufs Land und in den Nationalpark, Museumsbesuchen oder einer Parlamentsbesichtigung. Außerdem kann jedem Austauschstudenten ein "Buddy" vermittelt werden, ein isländischer Student, der ihm in der ersten Zeit zur Seite steht und bei Behördengängen hilft.

Geldmittel aus Lotterie, Automaten und Rubbellose

Nicht nur typisch isländische Disziplinen wie Geothermie, Erdbebenforschung und Fischereiwissenschaft locken Gaststudenten auf die "Insel aus Feuer und Eis". Die Universität Island bietet an 25 Fachbereichen Hunderte Studiengänge an, von Archäologie über Nordische Literatur bis hin zur Zahnmedizin. "Bei uns wird an allen Fakultäten intensiv geforscht. Die meisten unserer Dozenten haben Master oder Promotion im Ausland absolviert und bringen daher viele Erfahrungen von außen mit ein", sagt der Rektoratsleiter Magnus Baldursson.

Viele Veranstaltungen bietet die Uni auf Englisch an, und auch für den Alltag auf der Insel braucht man die Landessprache nicht zu beherrschen: Sogar ältere Isländer sprechen meist ausgezeichnet und bereitwillig Englisch.

Ein Teil der Mittel für den anspruchsvollen Uni-Betrieb in Reykjavik kommt aus einer ungewöhnlichen Quelle: dem Glücksspiel. Dank staatlicher Lizenz veranstaltet die Hochschule eine eigene Lotterie, betreibt Automaten und verkauft sogar Rubbellose. Mit dem zuverlässig fließenden Geld ließen sich einige gewagte Entwürfe isländischer Star-Architekten auf dem Campus verwirklichen. So umgeben das Hauptgebäude im Art-déco-Stil nun Fachbereichshäuser in Ufo- oder Kameraform.

Du wirst dich da nie langweilen

Den 20-jährigen Balthasar Müller hat es vor zwei Jahren, nach seinem Abitur in Berlin, zum Physikstudium nach Reykjavik verschlagen; damals wurde sein Vater deutscher Botschafter in Island. "Die Profs legen die Latte extrem hoch, aber dann setzen sie sich mit Haut und Haaren dafür ein, dass alle sie erreichen", schwärmt er. So opfert der eine oder andere Lehrende auch mal seine Freizeit für Einzelunterricht, wenn ein Student im Unterricht nicht mitkommt.

Mit durchschnittlich acht Teilnehmern sind Müllers Kurse klein, und auch die technische Ausstattung seines Fachbereichs kann sich absolut sehen lassen. Den Reinraum zum Beispiel, wo in möglichst teilchenarmer Luft winzige Wellenleiter gefertigt werden, dürfen Hiwis wie Müller in Reykjavik schon von Anfang an nutzen. "An anderen Universitäten sieht man den, wenn es überhaupt einen gibt, meist nicht vor Abschluss des Bachelors von innen."

Auch als Stadt habe Reykjavik seine Erwartungen übertroffen. Was ihm schon in Deutschland eine Isländerin prophezeit hatte - "you'll never get bored in Iceland", du wirst dich da nie langweilen - hat sich bewahrheitet. Es gibt zahlreiche Musik-, Comedy- und Literaturfestivals, Theateraufführungen und Kunstausstellungen. Besonders berühmt sind die Kneipen in der Haupteinkaufsstraße Laugavegur, wo die Party erst ab ein Uhr nachts so richtig beginnt. Die letzten Feiernden sieht man noch am Sonntagmittag über schneefreie, weil gewärmte Trottoire nach Hause schleichen. Alkohol ist allerdings teuer, trotz des krisenbedingt sehr niedrigen Kurses der isländischen Krone.

Sorgen besprechen im Hot Pot

Georg Haney bekommt sein Geld aus Deutschland und freut sich daher über die schwache Währung. Für sein großzügiges WG-Zimmer zahlt der 26-Jährige umgerechnet nur noch 160 Euro, halb so viel wie vor zwei Jahren, als er von der Bergakademie Freiberg nach Reykjavik wechselte.

"Eigentlich wollte ich nur zwei Semester bleiben, aber als ich dann hier war, habe ich schnell Blut geleckt", sagt Haney, "die Atmosphäre ist hier locker, man duzt alle Dozenten und kann eigene Themen für den Unterricht vorschlagen." Er ließ sich seine Leistungen aus Deutschland anrechnen, schrieb sich für den Master in Umweltwissenschaften und Ressourcenmanagement ein und blieb zweieinhalb Jahre länger als geplant.

Wenn Haney etwas über die Befindlichkeit der Einheimischen erfahren möchte, entspannt er nach dem Unterricht in einem der zahlreichen Hot Pots, heißen Thermalwasserbecken im Freien. Dort treffen sich die Isländer traditionell, um ihre Sorgen zu besprechen. "Hot Pots sind sozusagen der Stammtisch der Isländer", sagt Haney. Von Februar bis Mai, berichtet er, habe es in den Dampfschwaden kein anderes Thema gegeben als die Krise, drei isländische Großbanken hatten sich auf dem Kapitalmarkt heftig verhoben. "Das hat sich jetzt wieder normalisiert."

Positiv denken: "Petta reddast" - alles wird gut

Die Isländer denken positiv. Vor der Krise waren sie Forschern der Universität Rotterdam zufolge eins der zufriedensten Völker der Welt. Aber auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten halten sie es mit ihrem Lebensmotto, "petta reddast", alles wird gut.

Die Wege sind kurz im 319.000-Einwohner-Land, auch die zwischenmenschlichen. Als Anita Rübberdt, 28, mit ihrem Master in Übersetzungswissenschaften begann, vermittelten ihr die Dozenten sofort den Kontakt zu einer isländischen Autorin, deren Gedichtband sie nun zur Frankfurter Buchmesse 2011 ins Deutsche übertragen darf.

Sie habe viele Freunde gefunden, erzählt Vanessa Isenmann, isländische ebenso wie die acht Erasmus-Studentinnen und -Studenten, mit denen sie sich ein Gästehaus teilt. Das Domizil müssen sie allerdings vor Beginn des Sommers wieder verlassen, denn in der Saison werden ihre Zimmer an Touristen vermietet.

Vanessa muss zu ihrem Kurs: "Icelandic Culture", sie geht in jenes Gebäude, das aussieht wie eine Kamera. Die Studenten fläzen sich in den dickgepolsterten Sesseln. Ein Gastdozent, Musikwissenschaftler, zeigt Videos isländischer Punk-bands auf der riesigen Leinwand.

Ihr Professor hat sich zuvor verabschiedet, sagte, er sei in der Cafeteria zu finden. "Falls ihr Fragen zu eurem Essay habt oder mit mir persönliche Probleme besprechen wollt, kommt einfach vorbei!"

insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
johndoe2 14.01.2010
1. "petta reddast"
Moin, eine Google-Suche (um sich mal aktuellen journalistischen Recherchekonventionen anzupassen) hätte schnell erbracht, dass sich der Anfangsbuchstabe des ersten Wortes "petta" ("dies") signifikant von einem p unterscheidet. Wenn man das Wort unbedingt in unser Alphabet transliterieren will, sollte man für das isländische Thorn das th benutzen, denn so wird es auch ausgesprochen. Also entweder "thetta reddast", oder "þetta reddast".
innaminnam 16.01.2010
2. tolle lösung
hallo, also ganz im ernst, ich finde das eine prima lösung. schau man sich doch das heckmeck in deutschland mit dem glücksspielstaatsvertrag an. als ob das eine lösung wäre!? dann doch lieber mit einnahmen aus glücksspielen die bildung finanzieren. das ist doch wirklich vernünftig investiert! es wird zeit, dass deutschland sich ne scheibe abschneidet und nicht nur solche rubbellose (http://www.spielend-gewinnen.com/rubbellose.html) sondern auch wieder lotto: [url =http://www.tipp24.com]lotto[/url] u.ä. möglich macht. (Sehr interessant übrigens die infos auf tipp24)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© UniSPIEGEL 6/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.