Studieren ohne Abi Vom Müllmann zum Juristen

Bayerische Krankenschwestern können bald ihren Master in "Nursing" machen. In Hamburg brächten sie es gar zum Doktor. Doch wer ohne Abi an die Hochschule will, der muss einige Hürden überspringen.
Von Manuel J. Hartung

Bald hallt durch bayerische Krankenhäuser nicht mehr der Ruf nach Schwester Juditha, Schwester Barbara oder Schwester Ignatia. Die Patienten müssen sich umgewöhnen: "Master Juditha", müssen Bayerns Kranke ihre Pflegerin nun anreden. Oder: "Master of Science Ignatia". Denn auch Krankenschwestern sollen studieren und einen Titel vor ihre Namen schreiben können: "Master of Science (Nursing)". Die Verhandlungen der bayerischen Bezirke mit einer Uni in Wales laufen auf Hochtouren. Mit einem Ergebnis wird schon im September gerechnet.

"Wir wollen, dass wissenschaftliches Denken und Forschungsmöglichkeiten bei den Pflegekräften Einzug halten", sagt Rainer Jehl, der Leiter des Bildungswerks der Bayerischen Bezirke. Mit dem Master-Abschluss könnten die Schwestern "auf der Karriereleiter nach oben gehen" und etwa einen Job als Pflegedienstchefin antreten.

Berufserfahrung nötig

Voraussetzung für den Sprung zur Akademikerin: Die Pflegekräfte müssen einen Realschulabschluss und Berufserfahrung haben. Pendeln müssen die bayerischen Krankenschwestern für ihren Uni-Abschluss nicht: Der Studienort liegt im bayerischen Irsee.

Ob der akademische Grad den Krankenschwestern in Deutschland allerdings anerkannt wird, sei eine andere Frage und müsse erst noch verhandelt werden, sagt man im bayerischen Wissenschaftsministerium. Schließlich legen die bayerischen Krankenschwestern einen britischen Abschluss ab.

Ein Studium ohne Abi ist in Bayern erst Pilotprojekt: Seit dem Sommersemester können Handwerksmeister Maschinenbau und Elektrotechnik an den Fachhochschulen des Freistaats studieren. Vorher müssen sie in wenigen Wochen Teile des Fachabis nachpauken.

Sache der Länder

Ob auch Nicht-Abiturienten eine Hochschule besuchen dürfen, ist Sache der Länder. Die Möglichkeit besteht außer Bayern in allen Bundesländern "mindestens seit 1992, vorher haben wir das nicht eruiert", heißt es aus dem Sekretariat der Kultusministerkonferenz in Bonn.

Die Bestimmungen der anderen Bundesländer sind mannigfaltig. In mehreren Bundesländern ist gar ein Probestudium Pflicht, das bis zu vier Semester dauern kann.

Auch der Umgang mit Numerus-clausus-Fächern unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland. Mal sind diese unbeschränkt wählbar, mal werden Nicht-Abiturienten nur zu Fächern zugelassen, deren Zugang örtlich beschränkt ist.

In Baden-Württemberg können Krankenschwestern zwar keine britischen "Master of Science"-Titel erwerben. Sie können aber an einer Südwest-Hochschule studieren und müssen ähnliche Voraussetzungen wie ihre bayerischen Kolleginnen erfüllen. Außerdem müssen sie vier Jahre nach der Erstausbildung in ihrem Job arbeiten und seit einem Jahr in Deutschland leben.

Doktor ohne Abi

Sogar als Arzt braucht man künftig kein Abi mehr. An der Hamburger Uni können Nicht-Abiturienten seit dem Wintersemester auch einen Studienplatz in Medizin, Zahnmedizin oder Pharmazie ergattern. In allen anderen Fächern ist das Studium ohne Abi schon seit 1992 möglich, berichtet Axel Schoeler, der Leiter der Zulassungsstelle des Studentensekretariats. Seit neuestem einzige Voraussetzung: Wer studieren will, muss - inklusive Ausbildung - vier Jahre gearbeitet haben. Bislang mussten die Bewerber mindestens 24 Jahre alt sein und drei Jahre lang in Hamburg wohnen.

Schlachtergesellen erwünscht

Die vorherige Berufsausbildung der Bewerber ist "gänzlich irrelevant", sagt Schoeler. Wer Medizin studieren will, muss also nicht vorher Krankenpfleger gewesen sein. "Es kann sich auch der Schlachtergeselle oder der Dosenstapler vom Aldi bewerben", meint der Leiter der Zulassungsstelle.

Eine Eingangsprüfung ersetzt das fehlende Abitur, die Note zählt als Abischnitt und geht nachher, wenn erforderlich, auch an die ZVS. Der Eignungstest besteht aus einem schriftlichen Bericht, einer mündlichen Prüfung und zwei Klausuren.

Darin erörtern angehende Philosophen etwa das Thema "Sollen sich Philosoph/innen zu aktuellen gesellschaftlichen Problemen wie Gentechnologie, Sterbehilfe etc. äußern, und warum (nicht)?", spätere Pädagogen sollen den Werbeslogan "Keine Macht den Drogen" analysieren.

Nur sechs Bewerber wollten Arzt werden

Doch die Zahl derer, die das Angebot wahrnehmen, ist "verschwindend gering", meint Schoeler. Um die 70 Bewerber gab es insgesamt, nur sechs Nicht-Abiturienten hätten sich für das Medizinstudium interessiert - zwei sitzen nun auch tatsächlich im Hörsaal. Zahnarzt wollte nur einer werden. Und der fiel prompt durch die Prüfung. Dennoch sollten interessierte Nicht-Abiturienten sich nicht abschrecken lassen, sagt Schoeler. Zwar sei die Aufnahmeprüfung "nur der erste Schritt". Aber es gebe immer wieder Menschen, die an der Uni reüssierten. Vor einiger Zeit habe sich ein Müllmann für ein Jurastudium beworben. Schoeler: "Der rennt jetzt ganz eifrig ins Rechtshaus!"

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