Hochschulzugang ohne Abitur "Ich habe es immer bereut, damals nicht studiert zu haben"

Nach dem Schulabbruch begann Nicole Roth eine Berufsausbildung, der Traum vom Studium ließ sie aber nie los. Jetzt ist die 48-Jährige angehende Wirtschaftsinformatikerin - und steht damit für einen Trend.

Nicole Roth, Studentin an der Fachhochschule Dortmund
Marcus Heine

Nicole Roth, Studentin an der Fachhochschule Dortmund

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"40 Stunden Arbeit und vier Module pro Woche - es ist hart", sagt Nicole Roth. Vor Kurzem hat die Studentin ihr zweites Semester an der Fachhochschule (FH) Dortmund begonnen. Eigentlich wollte sie neben ihrem Vollzeitjob weniger Kurse belegen. "Aber ich bin auf den Geschmack gekommen - und will es jetzt schneller durchziehen", sagt Roth und lacht.

Deshalb verbringt sie in diesem Semester rund zwölf Stunden pro Woche in Hörsälen. Die 48-Jährige ist eine ungewöhnliche Studentin - denn Roth hat nie das Abitur abgelegt. Damit gehört sie zu einer schnell wachsenden Gruppe. Die Zahl der Studierenden ohne Abitur hat 2017 laut einer Studie des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) ein Rekordhoch von 60.000 erreicht.

Schulabbruch nach der elften Klasse, dann der Auszug aus dem Elternhaus - Roth machte zunächst eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau, um früh auf eigenen Beinen zu stehen. "Ich habe es aber immer bereut, damals nicht studiert zu haben", sagt sie heute. Ganz wollte sie vom Gedanken eines Studiums nie lassen, "aber ich fand immer wieder Gründe, es nicht zu machen". Mit Ende 20 wurde sie Mutter. Nie reichte das Geld für ein Studium, nie die Zeit. "Und so vergingen dann 30 Jahre."

Roth arbeitete in ihrem erlernten Beruf, ging mehrfach ins Ausland. Zwischenzeitlich war sie Verwaltungsangestellte an der Technischen Universität Kaiserslautern. Als ihr Sohn vor einigen Jahren schließlich sein Abitur machte und auszog, nahm sie erneut eine Stelle an einer Hochschule an - diesmal in Dortmund.

Doch für den nächsten Karriereschritt brauchte sie einen Studienabschluss. Roth schrieb sich für den Bachelor im Fach Wirtschaftsinformatik ein - und hat nun gute Aussichten auf eine Beförderung an ihrer Arbeitsstelle, dem Institut für die Digitalisierung von Arbeits- und Lebenswelten der FH Dortmund. Möglich machte das ihr beruflicher Werdegang.

"Berufliche Ziele so vielfältig wie die Lebenswege"

Wer in Deutschland eine Berufsausbildung und mehrere Jahre Arbeitserfahrung hat, ist unter bestimmten Voraussetzungen zur Aufnahme eines Studiums berechtigt. Ein Meistertitel entspricht sogar vielerorts einer Allgemeinen Hochschulzugangsberechtigung, also dem Abitur. Die genauen Regeln sind von Bundesland zu Bundesland und mitunter auch je nach Hochschule unterschiedlich.

Den höchsten Anteil von Studierenden ohne Abitur hat Hamburg mit fünf Prozent. Die dortige Universität ist ein Sonderfall: Im Bachelor-Studiengang Sozialökonomie sind 40 Prozent der Plätze für Studierende ohne Abitur reserviert.

"Die beruflichen Ziele unserer Studierenden sind so vielfältig wie ihre Lebenswege", argumentiert die Uni Hamburg auf ihrer Website. "Wir denken, dass Erfahrungen aus der Berufswelt oder aus Pflege- und Erziehungszeiten genauso für ein Studium qualifizieren können wie ein Schulabschluss."

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Durchschnittsalter 30 Jahre

In Nordrhein-Westfalen müssen "fachfremde" Studieninteressenten mit beruflicher Qualifikation zunächst eine Zugangsprüfung bestehen - so auch Nicole Roth im vergangenen Jahr. Julia Klein bereitet beruflich Qualifizierte wie sie mit dem "TalentKolleg Ruhr" auf den Test vor.

Im Rahmen des Projekts bieten die FH Dortmund, die Universität Duisburg-Essen und die Westfälische Hochschule gemeinsam kostenlose Online-Kurse an, an zwei Abenden die Woche schalten sich die Interessenten für etwa 90 Minuten zu. Diese Unterstützung hilft vielen der zukünftigen Studierenden.

"Das Problem ist, dass die Teilnehmer schon lange aus der Schule raus sind. Das Durchschnittsalter meines aktuellen Kurses liegt bei 30 Jahren", sagt Klein. Für die Prüfung üben die Teilnehmer daher Deutsch, Mathe und Englisch - "etwa auf dem Niveau des Fachabiturs", so Klein. Das zu wagen, kostet ihrer Erfahrung nach aber einiges an Überwindung: "Es ist ein Schritt aus der gewohnten Umgebung heraus, aus dem Geldverdienen."

Außer man macht es wie Nicole Roth. Dank Gleitzeit kann sie weiter als Assistentin der Geschäftsführung arbeiten. Zudem profitiert sie von praktischen Erfahrungen aus der Tourismusbranche: Das Modul Datenbanken in diesem Semester fällt ihr bislang leicht.

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
stelzerdd 07.04.2019
1. Klasse...
...,Ausdauer und Intelligenz gehen auch manchmal Umwege, ehe sie sich durchsetzen - wie man sieht. Andrerseits verschwendet das Land Milliarden um auch mit Hilfe von Noten-Dumping zehntausende Abiturienten heranzubilden, die nie die Absicht hatten, zu studieren. Ursache ist das unsinnige Verfahren, bereits nach der 4. Klasse die Weichen für oder gegen das Abitur zu stellen. Folge: jede Menge überforderter Gymnasiasten und gleichzeitig Diskriminierung der Real-Mittel- und Hauptschulen (und wie sie in diesem Bildungs-Flickenteppich noch heißen mögen) Ich weine der verblichenen DDR keine Träne nach - aber die Entscheidung für das Gymnasium sollte ans Ende der 8.KLasse verlegt werden. Und Abitur machen die, die auch studieren wollen.
Clara Effing 07.04.2019
2.
Zitat von stelzerdd...,Ausdauer und Intelligenz gehen auch manchmal Umwege, ehe sie sich durchsetzen - wie man sieht. Andrerseits verschwendet das Land Milliarden um auch mit Hilfe von Noten-Dumping zehntausende Abiturienten heranzubilden, die nie die Absicht hatten, zu studieren. Ursache ist das unsinnige Verfahren, bereits nach der 4. Klasse die Weichen für oder gegen das Abitur zu stellen. Folge: jede Menge überforderter Gymnasiasten und gleichzeitig Diskriminierung der Real-Mittel- und Hauptschulen (und wie sie in diesem Bildungs-Flickenteppich noch heißen mögen) Ich weine der verblichenen DDR keine Träne nach - aber die Entscheidung für das Gymnasium sollte ans Ende der 8.KLasse verlegt werden. Und Abitur machen die, die auch studieren wollen.
Ihre Ansicht hat wenig mit der heutigen Realität zu tun. 1) Ohne Abitur bekommt man kaum mehr eine Aussbildungsstelle. Mit der Entscheidung zum Abitur hat man also nicht unbedingt die Absicht, studieren zu gehen. 2) In der vierten Klasse geht es um die Wahl der weiterführenden Schule, da ist die Entscheidung für/gegen das Abitur noch lange nicht in Stein gemeisselt. Man kann auch ohne "Gym" ein Fachabitur machen oder auch nach der mittleren Reife in die gymnasiale Oberstufe wechseln. 3) Erst von "Noten-Dumping" für die Gymnasialzulassung reden, dann von Haupt-/Realschuldiskriminierung. Da schiessen Sie sich argumentativ selbst ins Bein, merken Sie selbst. Btw, anstatt als Ursache für das bessere Noten-Niveau direkt "Noten-Dumping" zu vermuten, könnte man ja auch mal annehmen, dass dieses auf den arg angestiegenen Wettbewerb um Ausbildungs- und Studienplätze zurückzuführen ist, ganz zu Schweigen vom sehr viel höheren Stellenwert von Bildung heute im Vergleich zu vor 20 Jahren. Aber hey. 4) Entscheidung für die weiterführende Schulform in der 8. Klasse? Und wann soll der gymnasiale Unter-/Mittelstufenstoff gelernt werden?
lästerschwester1968 07.04.2019
3. Ziele sind gut und wichtig!
...warum man aber bereits nach dem 2. Semester sowohl Studienabschluss als auch die angestrebte Beförderung in der Tasche hat, erschließt sich mir nicht ganz. Ich selbst habe an der Fernuni-Hagen, als Kind bildungsferner Schichten, ebenfalls ohne Abitur (das braucht man als Mädchen nicht), mit knapp 51 meinen B. sc. Psychologie abgeschlossen.
xees-ss 07.04.2019
4.
Ich bin ohne Abi Fern Student in Hagen. Rechtswissenschaft 4. Semester. Geht auch Fachfremd mit Auflagen. Kann jeder mit abgeschlossener Lehre und Berufserfahrung. Kostet ca 250€/Semester. Ist KEIN gekauftes Studium, eher Schwieriger als an Präsenzuni, da der Ruf eines Ordentlichen Studiums gewahrt sein soll. Das beste war, neben den Studentenrabatten bei Zeitschriften und Computerkauf (Apple 15%), ein Studenten Menü im Sterne Japaner als über 50 jähriger. Hagen ist größte Uni in Deutschland!
Nordstadtbewohner 07.04.2019
5. Vorsicht vor der Überbewertung
Ich habe selbst studiert (BA und MA), aber mittlerweile bekomme ich das Gefühl, dass ein Studium überbewertet wird. Inzwischen macht die Hälfte aller Schüler Abitur, es gibt in Deutschland momentan 2,9 Millionen Studenten. Ich frage mich, wo sollen die ganzen Hochschulabsolventen einmal angestellt werden sollen. Berechnungen für den Überschuss an Hochschulabsolventen gab vor einiger Zeit auch hier bei Spon, wo berechnet wurde, dass in den nächsten Jahren auf drei Absolventen eine zu besetzende Stelle kommt. Da sind gewaltige Enttäuschungen vorprogrammiert. Zum Artikel: Ich wünsche der Frau/ Studentin viel Erfolg. Mit Anfang 40 als "Ersti" den Hörsaal zu betreten, ist sicherlich in den ersten Monaten nicht einfach, da das Berufsleben anders fordernd ist als ein Studium. Von daher großer Respekt und alles Gute!!!
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