Studieren STUDIUM MIT JAGDSCHEIN

Nicht jeder Waldschrat hat das Zeug zum Diplom-Forstwirt ­ er braucht auch Kenntnisse in allerlei Wissenschaften.


Ein junger Mann, in klassisches Grün gehüllt und mit einer Flinte über der Schulter, steht vor der Cafeteria der Göttinger Universität und spricht davon, dass er sich "keinen Illusionen hingebe" und "keine Hoffnung" hege. Dann sagt er: "Ich gehe jetzt in den Wald."

Was hat er vor? Muss man Angst um ihn haben? Keineswegs, wenn es gleich knallt im wilden Tann, dann fällt höchstens ein Stück Wild im Mündungsfeuer. Denn lebensmüde ist Jan Müther, 26, nicht, sondern Student an der Fakultät für "Forstwissenschaften und Waldökologie" an der Georg-August-Universität in Göttingen ­ mit allerdings verschwindend geringen Chancen auf eine Beamtenlaufbahn nach dem Studium.

Wie ihm ergeht es vielen Forstwissenschaftlern. Höchstens jeder zehnte der bundesweit rund 300 jährlichen Abgänger kann damit rechnen, in den Staatsdienst übernommen zu werden. Deshalb sind die Hochschulen in den vergangenen Jahren flexibel geworden und bereiten ihre Zöglinge auf ein breit gefächertes Berufsbild vor, das vom Einsatz in privaten Forsten über Aufgaben im Naturschutz bis zur reinen Holzwirtschaft reicht.

So kann Müther am Ende seines zehnsemestrigen Studiengangs zwischen dem Abschluss "Diplom-Forstwirt" und einem "Master of Science" wählen. Welchen Titel er dann führen darf, ist für ihn ohnehin zweitrangig, Hauptsache, er bekommt einen Arbeitsplatz, bei dem er sich im Freien tummeln darf. "Ich habe hier studiert, weil es mich anstinken würde, den ganzen Tag im Büro zu hocken."

Keiner schaut ihm verblüfft nach, als er mit seinem Freund Dirk Schubert in voller Jagdmontur den Vorplatz der Cafeteria verlässt, um Gericht zu halten im Wald. Die Uni hat ihr eigenes Revier, und wer den Staatsdienst anstrebt, muss natürlich einen Jagdschein haben.

Kniebundhosen, Waldhörner, klobige Schuhe und Filzhüte mit Federn dran gehören zum alltäglichen Bild im Fachbereich. Am schwarzen Brett werden neben dem "höher gelegten Golf Turbo-Diesel" auch "Schnittschutzhosen mit Latz" feilgeboten. Oder darf es ein Fernglas für 1200 Mark sein, ein "Wachtelhund-Welpe", dessen Eltern "Raubwildschärfe und gute Leistungen auf Schweiß" an den Tag legen ­ will sagen: der zuverlässig eine Blutfährte verfolgen kann?

Den Gegensatz zwischen "Drinnen" und "Draußen" illustriert die Göttinger Hochschule selbst auf beispielhafte Weise: "Drinnen", das sind die muffigen, nach Asbestalarm schreienden Betongebäude aus den siebziger Jahren der 127 000-Einwohner-Stadt Göttingen. Da hilft es auch nichts, an allen Ecken und Enden Nistkästen an die Wände zu nageln, es bleibt hässlich und öde.

"Draußen" aber ist das vor lauter Grün geradezu explodierende Gelände, auf dem Wildwiesen blühen, Teiche angelegt wurden und sich Bäume zusammenscharen, um Vegetationsgruppen aus aller Welt darzustellen. Jedes Gewächs trägt ein Namenskärtchen, wie auf einem Grünpflanzen-Kongress. Man lernt also schon, wenn man sich nur auf die Wiese legt und den Blick einfach in der Gegend umherschweifen lässt.

"Ich bin nicht so für Tiere, ich mag lieber Pflanzen"

Warum aber soll man eigentlich "Wald" oder "Forst" studieren? Was lernt man da denn so?

Einiges. Denn wer in Zeiten mit "neuartigen Waldschäden" und sauren Böden "nachhaltig" wirtschaften will, muss den Wald bis in die hintersten Winkel erforschen. Das geht von der "Kronenanalyse" hoch oben in den Wipfeln bis tief in den Boden hinein, wo "Losung und Kotröhren der Enchyträen" Erkenntnisse vermitteln und auch die verschiedenen "Verrottungszustände" des Humus von Belang sind. Das Studium der Forstwissenschaft umfasst Mathematik, Physik und Chemie, Betriebswirtschaftslehre und Zoologie, aber auch die Politik. Denn der Wald bietet nicht nur holzlichen Nutzen, sondern nebenbei jede Menge Erholung für die Bürger.

Helma Schubert, 21, ist im zweiten Semester und nutzt vor ihrer ersten Veranstaltung an diesem Morgen noch ein wenig die Erholungsfunktion des Waldes aus. Unweit eines "Taxodium-Nyss-Sumpfwaldes", der sich ansonsten eher in der Nähe von New Orleans findet, und im Schatten eines Rotahorns ("Acer rubrum") lässt sie noch ein Viertelstündchen die Fittiche hängen. Im Unterschied zu vielen Kommilitonen, die familiär vorbelastet ins Studium gingen, gründete sich ihre Wahl auf bloßen Zufall: "Ich wollte nach Göttingen, weil in der Nähe meine Großmutter wohnt. Im Internet habe ich dann diesen Studiengang entdeckt."

Ihr ist aber heute schon klar: "Im Forstdienst werde ich nicht arbeiten." Denn da müsste sie mit der Tatsache leben, dass der Mensch dem Rehbock ein Wolf ist: In Ermangelung von Großraubtieren in den hiesigen Breiten wird der Wildbestand jährlich mit Waffengewalt um ein Drittel reduziert. Helma möchte darüber noch nicht einmal nachdenken: "Ich bin nicht so für Tierchen. Ich mag eben Pflanzen lieber." Umsatteln kann sie immer noch, im Ernstfall gibt es den "Bachelor" nach sechs Semestern.

Matthias Schmidt, 22, studiert Forstwissenschaft im vierten Semester und ist Sprecher der Fachschaft. Er stammt aus einer "forstlich vorbelasteten" Familie, wird seinen Schwerpunkt im Hauptstudium aber trotzdem auf "Naturschutz und Waldökologie" legen. Die Wahlpflichtfächer will er aber so wählen, dass er in ein zweijähriges Forst-Referendariat in der höheren Laufbahn aufgenommen werden könnte: "Mit dem zweiten Staatsexamen sind dann meine Chancen auch in der freien Wirtschaft besser."

Im Wald für die nächsten Generationen arbeiten

Wer an der Uni "Forstwissenschaft" zu Ende studiert, kann Forstamtsleiter werden, was nicht zu verwechseln ist mit dem Förster. Nach einer grundlegenden Reform in den achtziger Jahren ist die Ausbildung in der "Waldwirtschaft" zweigeteilt. Für die höhere staatliche Forstlaufbahn bildet das Uni-Studium mit dem Abschluss Dipl.-Forstwirt aus. Der Forstamtsleiter hat eine gewisse Zahl von Revierleitern unter sich, die klassischen Förster. Für deren gehobene Laufbahn wurde das praxisorientierte Fachhochschulstudium ins Leben gerufen. Es heißt "Forstwirtschaft", der Abgänger ist dann Diplom-Forstingenieur. Seine Aussichten, im Staatsdienst unterzukommen, sind allerdings ähnlich schlecht wie die des Forstwissenschaftlers.

Von der "höheren" zur "gehobenen" Laufbahn sind es in Göttingen nur ein paar Treppenstufen. Einen Schattenwurf vom Wildbiologie-Gebäude entfernt steht ein Neubau, der die "Forstwirtschaft" beherbergt. Der Fachbereich gehört zur Fachhochschule Hildesheim/Holzminden ­ die geografische Nähe zur Uni Göttingen ist reiner Zufall.

Jens Schönewolf, 27, studiert Forstwirtschaft im vierten Semester und hat nach einigem Ausprobieren ­ dazu gehören die Ausbildung zum Bierbrauer und das nachgeholte Abitur ­ seine Bestimmung gefunden. Er ist ein Pfeife rauchender Naturbursche, der richtig anpacken kann, was er im ersten der beiden Praxissemester schon bewiesen hat.

Im Revier werden die Forstwirtschaftler mit den Umständen des späteren Berufslebens vertraut gemacht ­ das reicht vom Bäumepflanzen über das Planen von Forstwegen bis zur "Waldmesslehre". Das erste Praktikum muss noch vor Antritt des Studiums geleistet werden, das zweite im sechsten Semester. Hinterher weiß jeder Student genau, wie es sein könnte, wenn er denn wirklich Revierleiter würde.

Jens Schönewolf glüht geradezu, wenn er von den Aufgaben des Försters spricht: "Der Wald muss genutzt werden, gleichzeitig wollen wir dem menschlichen Einfluss entgegenwirken." Ihn fasziniert das langfristige Denken der "nachhaltig orientierten Forstwirtschaft", wie sie inzwischen von allen Bundesländern betrieben wird: "Ich stehe im Wald und arbeite für die nächsten Generationen. Was ist in 30 Jahren? Was in 100 Jahren? Ich muss für Zeiten planen, die ich selbst nicht erleben werde."

Ende der staatlichen Zwangsbeförsterung

Dafür aber dürfte er einige Forstreformen erleben, die in der Planung sind. Allenorts wollen Städte und Gemeinden ihre Wälder nicht länger staatlich betreuen lassen, sie wollen weg von der so genannten Zwangsbeförsterung. Und wo privatisiert wird, fallen Jobs weg. Jens meint trotzdem, "gut auf die späteren Probleme getrimmt" zu werden: "Wir sind ja hoch qualifiziert." Dann will er ersatzweise in den Naturschutz oder in die Landschaftspflege gehen ­ die ökobewussten achtziger und neunziger Jahre haben völlig neue Berufe geschaffen, für die Forstwissenschaftler und -ingenieure optimal ausgebildet sind. Notfalls steht Jens auch noch das dreisemestrige Aufbaustudium "ökologische Umwelt- und Landschaftsplanung" offen.

Jetzt aber muss er erst einmal ans Nächstliegende denken. Er legt die Pfeife zur Seite, Zeit fürs Seminar. Zu spät zu kommen, kann er sich nicht leisten: "Der Druck ist enorm. Wer nicht mitzieht, fällt sofort auf."

ANDREAS BEERLAGE

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