Studierende Eltern Kinder, Küche, Kommilitonen

Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Kind? Für viele Akademikerinnen nie - für manche schon mitten im Studium. Mütter und Väter an der Uni können oft nur mit halber Kraft studieren. Sie müssen viel mehr organisieren und planen als andere Studenten.


Hamburg - Sylvia verpasst an diesem Tag zwei Vorlesungen, weil ihre Tochter Lea krank ist. Vielleicht geht es dem Kind bald wieder so gut, dass die Studentin ihr Hauptseminar am Freitag besuchen kann. Eine Freundin müsste auf das kranke Kind aufpassen. "Das Studium steht und fällt mit verlässlicher Kinderbetreuung", sagt Daniela Kock, Beraterin bei der Hamburger Elterninitiative Unieltern.

Hamburger Studentin: Vor der Vorlesung in die Krabbelstube
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Hamburger Studentin: Vor der Vorlesung in die Krabbelstube

Bundesweit sind knapp sieben Prozent aller Studenten Eltern. Und wer nach dem Studium die Wissenschaft als Beruf wählt, bleibt besonders häufig kinderlos: Etwa die Hälfte aller jungen Forscher verzichtet auf Nachwuchs, wie kürzlich eine Studie in Nordrhein-Westfalen ergab.

Studentinnen und Studenten mit Kind brauchen Organisationstalent. "Für Notfälle und Krankheiten muss man sich ein Netzwerk von Freunden oder Verwandten aufbauen, auf die man sich verlassen kann und die auch kurzfristig einspringen", erklärt die Studentin, selbst Mutter eines eineinhalbjährigen Kindes. Initiativen wie die Unieltern oder das Studentenwerk können helfen, andere Mütter und Väter unter den Studenten zu finden. So könne man beispielsweise eine gegenseitige Betreuung organisieren oder eine Krabbelgruppe gründen. An einigen Hochschulen gibt es Betreuungseinrichtungen, die eine stunden- oder tageweise Betreuung anbieten.

Etliche Kitas und Betreuungsplätze für die Kinder gehen auf studentische Initiativen zurück. Viele werden von den Studentenwerken vor Ort unterstützt und bieten verstärkt Plätze für Kinder an, die jünger als drei Jahre sind. "Denn für die gibt es kaum passende Betreuungsangebote", sagt Ines Müller, Mitarbeiterin des Modellprojektes "Studieren und Forschen mit Kind" an der Universität Gießen.

Die Finanzierung des Studiums erweist sich als zweites großes Problem. Auch studentische Eltern haben das Recht auf staatliche Förderungen wie Kinder- oder Erziehungsgeld. Ihr Studentenstatus kompliziert in manchen Fällen aber die Beantragung von öffentlichen Geldern. "Häufig werden Studierende von Amt zu Amt geschickt, weil sich keiner zuständig fühlt", berichtet Müller.

Uni-Eltern brauchen viel Selbstdisziplin

Ein typisches Problem ist die Elternzeit, die auch Studenten in Anspruch nehmen können. In diesen Jahren besteht kein Anspruch auf Bafög, obwohl man zum Beispiel in Bayern während der Elternzeit Scheine erwerben und Prüfungen ablegen kann. "Wer dies aber macht, fällt automatisch aus Leistungen wie dem Arbeitslosengeld II heraus", beklagt Beate Mittring, Beraterin für Schwangere und Studierende mit Kind beim Studentenwerk München. Betroffene sollten sich unbedingt an die Beratungsstellen bei ihrem Studentenwerk, an die Hochschulen oder an Elterninitiativen wenden und von deren Erfahrungen profitieren.

Durch Kinderbetreuung und Job können viele Eltern nicht mit voller Kraft studieren. Solch ein Teilzeitstudium bedeutet auf jeden Fall die Verlängerung der Hochschulausbildung. Während einige Eltern ihr Studium deswegen abbrechen, nutzen andere die Flexibilität der Ausbildung. "Einige planen ein Kind ganz bewusst ein, denn sie befürchten, im Berufsalltag noch eingeschränkter zu sein", berichtet Mittring.

Die Infrastruktur für Kinder verbessert sich an den Universitäten zunehmend. An immer mehr Hochschulen gibt es etwa Wickelmöglichkeiten und Räume, in denen Mütter stillen können oder die Eltern und Kinder anderweitig nutzen dürfen. "Die Toleranz von Lehrenden und Kommilitonen variiert aber stark", sagt Daniela Kock von den Hamburger Unieltern. Wer sich benachteiligt fühlt, sollte sich unbedingt an die Verantwortlichen in der Uni-Verwaltung oder an die Frauenbeauftragten wenden.

"Wenn Eltern studieren, unterscheidet sich das immer von einem Studium ohne Kind", sagt die Gießener Projektmitarbeiterin Müller. Termine mit Referatsgruppen können weniger spontan vereinbart werden, und auch der Besuch von Vorlesungen und Seminaren in den Abendstunden wird schwieriger. "Mit Kind muss man viel besser organisieren und planen", betont Müller. Dies setze große Disziplin, hohe Belastbarkeit und Flexibilität bei den Eltern voraus.

Von Anja Schäfers, ddp



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