Studierende Senioren Dinosaurier im Audimax

In vielen Vorlesungen sind Gasthörer dabei, die Mehrheit im Hörsaal zu übernehmen. Wenn die höheren Semester zu Monologen ansetzen, stöhnen ihre Mitstudenten entnervt auf. Ein Senior-Student und eine junge Kommilitonin berichten.

Von Johannes Boie


Sie kommen als erste in den Hörsaal, besetzen die besten Plätze und erzählen die ganze Zeit Schwänke aus ihrem Leben. Soviel scheint festzustehen: Studierende Senioren rangieren in der Beliebtheitsskala irgendwo zwischen Josef Ackermann und Andrea Nahles. Werner Koch, 62, einer von 38.900 Gasthörerinnen und Gasthörern an deutschen Unis, wehrt sich gegen das Klischee vom nervenden Senior.

Senior-Student Koch: "Just for fun"
Johannes Boie

Senior-Student Koch: "Just for fun"

"Ich hatte einfach das Gefühl, nicht genug zu wissen. Das Interesse auf bestimmten Gebieten ist groß, und ich möchte meine freie Zeit nutzen, um den Wissensdurst zu stillen." Der Vater von zwei Kindern studiert seit einem Jahr als Gaststudent Zoologie und Geschichte in Berlin und Potsdam.

Gaststudenten müssen einen bestimmten Obolus pro Semester an die jeweilige Universität entrichten. Wie viel zu zahlen ist, legt die Universität fest, meistens sind zwischen 80 und 100 Euro pro Semester fällig. Im Gegenzug darf der Gaststudent bestimmte, von der Universität freigegebene Vorlesungen besuchen.

Immer mehr Senioren machen in Deutschland von dieser Möglichkeit der Weiterbildung Gebrauch: Das Statistische Bundesamt in Wiesbaden registrierte in den vergangenen zehn Jahren einen Anstieg der Gasthörerzahlen um 22 Prozent. Das durchschnittliche Alter des Gasthörers stieg im gleichen Zeitraum von 43 auf 51 Jahre, fast 50 Prozent der Gasthörer sind über 60 Jahre alt. Manche Studenten fühlen sich von den Senioren gestört. Michaela Schunath, Psychologiestudentin im siebten Semester aus Köln, sieht sich des Öfteren unvermittelt mit langatmigen Erzählungen der Älteren konfrontiert: "Sie reden und reden und reden." Gerade in ihrem Studienfach bestehe die Gefahr, dass die harten Fakten "zerredet" würden.

Weitere Überfüllung der Veranstaltungen

Köln gilt als Hochburg des Senior-Studiums. "Wir haben das Experiment gewagt, unser ganzes Lehrangebot - von wenigen Einschränkungen abgesehen - den älteren Studierenden (...) zugänglich zu machen" heißt es stolz in einer Broschüre. Schunath plädiert für Einschränkungen: "Eingangstests oder Vorkurse vor allem im mathematischen Bereich könnten zudem helfen, unnötige Fragen zu reduzieren", vermutet sie. Die Kritik der Professoren komme meistens nur durch die Blume, sagt Schunath: "Da heißt es dann: 'Das hat jetzt doch nicht so viel mit dem Thema zu tun.'"

Senioren-Studenten (in Frankfurt): unstillbarer Bildungshunger
DPA

Senioren-Studenten (in Frankfurt): unstillbarer Bildungshunger

Vielen Professoren sind die Dinosaurier, wie die Älteren gerne salopp tituliert werden, ohnehin nicht ganz geheuer. Die Lehrenden klagen seit langem über überfüllte Vorlesungen, zu wenig Personal, chronisch knappe Finanzen und chaotische Zustände. Jeder weitere Student wird als Belastung wahrgenommen.

In manchen Fächern dominierten seine Altersgenossen, erzählt Werner Koch: "Bei den Geschichtsvorlesungen schätze ich den Anteil der 'Gruftis' auf 20 bis 30 Prozent, da fallen ja fast eher die Jungen auf."

Die Aversion gegen die Alten treibt bisweilen seltsame Blüten: "Jagd die Alten" stand in einem Hörsaal der Universität Bielefeld vor einer Psychologie-Vorlesung an der Tafel. Wenigstens über die Rechtschreibfähigkeiten der anonymen Senioren-Hasser konnte man lachen.

"So etwas kenne ich von Berlin überhaupt nicht", erklärt Werner Koch. Er gebe sich allerdings auch Mühe, in der Universität möglichst wenig zu stören: "Ich frage, ob ich störe. Ich möchte keinem jungen Studenten den Platz wegnehmen."

Er weiß, dass unnötiges Plappern schnell nerven kann. "Ich studiere just for fun", sagt Koch, "die Jungen müssen sich eine Existenz aufbauen."



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