Studium Bolognese Beim Bachelor baden die Kultusminister lau

Der massive Verdruss der Studenten über die holprige Bachelor-Umstellung hat selbst die Kultusminister erreicht. Eine Reform der Reform wagen sie aber lieber nicht und sehen die Hochschulen am Zug. Schön, dass die Länder mal drüber geredet haben - ihr Beschluss ist nur ein Hauch von Nichts.
Bildungsstreik 2009: Massive Bologna-Kritik machte die Minister nachdenklich - mehr nicht

Bildungsstreik 2009: Massive Bologna-Kritik machte die Minister nachdenklich - mehr nicht

Foto: Z1009 Jan-Peter Kasper/ dpa

Soll keiner sagen, dass der " Bildungsstreik 2009" gar nichts bewirkt hat. Im Juni waren Studenten, zusammen mit Schülern, zu Zehntausenden auf die Straße gegangen. Was sie so zornig machte, war auch eine verkorkste Studienreform an den deutschen Hochschulen: Seit 1999 der "Bologna-Prozess" in Europa beschlossen wurde, läuft die Umstellung der traditionellen Diplom- und Magisterstudiengänge überall. Die Studiengänge sollen international vergleichbarer werden, man will mehr Mobilität der Studenten. Kern der Reform ist das zweistufige Studiensystem mit dem Bachelor als erstem berufsqualifizierenden Abschluss und dem Master. 45 Staaten in Europa machen mit.

Doch in Deutschland scheppert es vernehmlich. Nun lernen die Studenten in einem engen Korsett: Sie hasten von Prüfung zu Prüfung, das Studium ist deutlich verschulter als zuvor, oft wurden einfach die gleichen Lehrinhalte in eine verkürzte Studienzeit gepresst. Hinzu kommt die Furcht, dass die Wirtschaft den Bachelor als "Abschluss light" geringschätzt, mit dem auf dem Arbeitsmarkt wenig zu holen ist - was eine aktuelle Absolventenstudie allerdings nicht bestätigt.

Die lautstarke Kritik von Studenten, aber auch von Professoren und Bildungsorganisationen am fabrikartigen Lernen einfach zu überhören - das war unmöglich. Nun hat auch die Kultusministerkonferenz (KMK) reagiert. Bei ihrem Treffen in Waren beschloss die Ministerrunde am Freitag, am Bachelor- und Mastersystem nachzubessern. Gemeinsam mit den Hochschulen wollen die Länder Stofffülle und Verschulung bei den neuen Abschlüssen eindämmen.

Zaghafte Reaktionen auf einen Sommer der zornigen Proteste

So jedenfalls lautet die Absichtserklärung. Doch die Kultusminister bleiben vage. Sie beschränken sich weitgehend auf unverbindliche Appelle und sehen andere statt sich selbst in der Pflicht: Die Hochschulen sollen die Fächer fortan studentenfreundlicher gestalten, sinnvolle Kompetenzen vermitteln und nicht zu viel in zu kurzer Zeit von den Studenten verlangen.

Was genau sie selbst tun wollen, lassen die Kultusminister in ihrem Beschluss im Nebel und nannten weder konkrete Termine noch Gesetzesinitiativen. Im verwaschenen Bildungsbürokratendeutsch klingt das so:

  • "Mögliche Schwachstellen in der Umsetzung sind aufzugreifen und zu korrigieren, ohne die erreichten Verbesserungen in der Lehre aufs Spiel zu setzen."
  • "Jeder Studiengang muss auch daraufhin überprüft werden, ob die den Studierenden zu vermittelnden Kompetenzen sinnvoll definiert sind, der Studiengang für die Studierenden in zeitlicher Hinsicht studierbar ist, der Prüfungsumfang angemessen ist und die Ziele des Studiengangs tatsächlich erreicht werden."
  • "Die Länder wirken ggf. auch im Rahmen ihrer Hochschulgesetzgebung darauf hin, dass nicht ein kleinteiliges Prüfungswesen zu Lasten der Studierenden, aber auch der Lehrenden aufgebaut wird. In diesem Sinne sollten die Hochschulen anstreben, dass Module in der Regel nur mit einer Prüfung abzuschließen sind."

Das tut niemandem weh, darauf können sich alle einigen. Immerhin sprechen sich die Länder gemeinsam dafür aus, dass Bafög auszubauen und die Bachelor-Regelstudienzeit flexibler als bisher zu gestalten: Es müssen nicht sechs, es dürfen auch sieben oder acht Semester sein. Außerdem schlagen die Minister vor, dass es als Dreingabe zum Abschlusszeugnis eine Erklärung zu Struktur und Inhalten des Studiums gibt. Dieses "Diploma Supplement" soll Informationsdefizite bei Arbeitgebern abbauen.

Die KMK: Verschnarcht, verzagt, verschmockt

Wie klein auch diesmal der kleinste gemeinsame Nenner ausfiel, ist für die KMK typisch. Die Kultusministerkonferenz ist so träge, wie ihr Name lang ist. Sie ist eine Vereinigung zur Organisation bildungspolitischer Unzuständigkeit. Und seit die Föderalismusreform alle bildungspolitische Macht den Ländern übereignet und der Bund gar nichts mehr zu melden hat, ist das nicht besser geworden.

Strittige Themen verklappt die KMK gern in Untergremien. Die Emissäre der Minister palavern emsig in allerlei Kommissionen, Arbeitsgruppen, Haupt- und Unterausschüssen. Wenn sich die Abteilungsleiter und Staatssekretäre oft genug getroffen haben, sind wieder ihre Chefs an der Reihe. Und am Ende müssen die Kultusminister stets einstimmig entscheiden. Schert nur ein einziges der 16 Länder aus und votiert gegen einen bildungspolitischen Vorschlag, ist der gleich abgelehnt. Das macht die KMK zu einer der verzagtesten und verschnarchtesten Institutionen, die Deutschland aufzubieten hat.

Die Kultusminister selbst indes finden, dass sie mit ihrem Bologna-Papier schon viel erreicht haben - und jetzt andere am Zug sind. Sachsen-Anhalts Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz (parteilos) sieht vor allem ein Imageproblem: Dass der Bachelor in Deutschland als "unvollständiger" Abschluss wahrgenommen werde, müsse sich ändern. Die rheinland-pfälzische Wissenschaftsministerin Doris Ahnen (SPD) appellierte an die Wirtschaft, mehr Bachelor-Absolventen einzustellen. "Wir können für Akzeptanz werben, Akzeptanz schaffen kann der Arbeitsmarkt", sagte Ahnen.

Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) lobte die Kultusminister. "Die Beschlüsse der KMK werden den Bologna-Prozess maßgeblich vorantreiben und für mehr Akzeptanz bei allen Beteiligten sorgen", sagte Schavan. Die Proteste gegen die Studienreform hatte Schavan zum Bildungsstreik 2009 zunächst als "gestrig" bezeichnet.

"Die Kultusminister sagen nur anderen, was sie ändern müssen"

Entrümpelung der Studiengänge, mehr Austauschprogramme mit ausländischen Partnern, bessere gegenseitige Anerkennung von Prüfungsleistungen: Für all dies sind aus Sicht der Kultusminister die Hochschulen selbst zuständig. Mehr Geld soll es dafür nicht geben - auch nicht, wenn die Regelstudienzeit in einzelnen Studiengängen von sechs auf acht Semester steigt. Das bezeichnete Kai Gehring, bildungspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, als "fast schon zynisch".

Für die Hochschulrektorenkonferenz kritisierte die Vorsitzende Margret Wintermantel zu strenge Vorgaben der Länder in den Studienordnungen von Bachelor- und Masterstudiengängen. Eine genau festgelegte Mindestpunktzahl für den Masterabschluss, eine vorgeschriebene Länge von Abschlussarbeiten oder der Zuschnitt einzelner Lehrveranstaltungen sollten nicht von den Ministerien bestimmt werden, sondern den Hochschulen überlassen bleiben. Die Kultusminister sollten ihre "unerledigten Aufgaben" selbst angehen und die "Überregulierung zurücknehmen".

Unzufrieden zeigten sich auch Studentenvertreter. Als "ernüchternd und inhaltslos" bezeichnete der Freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften die Ergebnisse - die KMK sage wieder "nur anderen, was sie ändern müssen". Die Juso-Hochschulgruppen monierten, die Kultusminister bezögen sich nur auf Dinge, die "originär Aufgaben der Hochschulen" seien. Die Angst der Studenten, der Bachelor könnte zur Sackgasse werden, weil im Anschluss nicht genügend Master-Studienplätze bereitgestellt werden, interessiere die Minister dagegen nicht; den Übergang vom Bachelor zum Master habe die KMK "außen vor gelassen".

Auch die Bildungsgewerkschaft GEW und Vertreter der Linken kritisierten vor allem die fehlende Durchlässigkeit beim Übergang vom Bachelor- zum Master-Studium und galten das Potential der Reform für nicht genutzt. "Bis die Hochschulen das heute Verkündete in ihr Curriculum integriert haben, dürften noch mindestens zwei jahre vergehen", sagte Tobias Roßmann vom Asta der Humboldt-Uni Berlin, "dabei ist absehbar, dass nur ein Bruchteil der Probleme mit den Vorschlägen gelöst werden kann."

Mit Material von AP, DDP und dpa