Erstsemester mit Heimweh Ausziehen!

Das Wintersemester hat begonnen, Zehntausende Erstsemester feiern den Start ins neue Leben, weit weg von den Eltern. Von wegen! Viele Studenten wohnen noch zu Hause, viele andere leiden unter Heimweh. Warum nur?

Jan Philip Welchering

Anna-Lena Lang erinnert sich noch gut, wie sie sich fühlte auf dem Weg in ihr neues Leben. Ihr Vater und ihre beste Freundin hatten sie an diesem Tag im Oktober 2013 zum Fernbus gebracht und sie noch einmal fest gedrückt.

Dann stieg sie ein und entfernte sich immer weiter von ihrem Heimatort Deberndorf, einer 738-Einwohner-Gemeinde in Bayern, in der die Telefonnummern noch vierstellig sind und es nach Kuhstall riecht. Ab diesem Abend würde sie als Medizinstudentin in Berlin leben, einer Metropole mit 3,5 Millionen Einwohnern. Ohne die alten Freunde, ohne Oma und Opa - und ohne ihre Eltern.

Anna-Lena, 19 Jahre alt, freute sich zwar auf ihr Medizinstudium. Aber im Bus Richtung Hauptstadt fühlte sie sich auch allein und verletzlich.

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    Ausgabe 5/2014

    Mama ruft an!
    Wenn Eltern klammern und Studenten Heimweh haben

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Sechs Stunden später zogen die ersten Plattenbauten Berlins am Fenster vorbei, eine weitere halbe Stunde später hielt der Bus dann am zentralen Omnibusbahnhof nahe dem Messezentrum. Anna-Lena wuchtete ihren großen Rucksack auf den Rücken und ging zur S-Bahn-Station. Sie musste nach Charlottenburg, wo sie die ersten Nächte bei einem Bekannten schlafen wollte, bevor sie dann in ihre neue WG ziehen würde.

Sie hatte sich vorher genau angeschaut, welche Linie sie nehmen musste, doch sie erwischte trotzdem den falschen Zug und erreichte eine halbe Stunde später den S-Bahnhof Ostkreuz, der am anderen Ende der Stadt liegt.

"Das fängt ja gut an", dachte sie.

Als Anna-Lena ihr Heimweh ansprach, lachten die Kommilitonen

Es gibt kaum einen anderen Tag im Leben, der so einschneidend ist wie der, an dem man von zu Hause auszieht. Es ist ein Tag, der viele Chancen mit sich bringt und viele neue Freiheiten - aber auch Unwägbarkeiten und mögliche Probleme.

Es gibt junge Menschen, die den Abschied geradezu herbeisehnen, die es genießen, endlich auf eigenen Füßen zu stehen und keine Fragen mehr zu hören wie: "Wann kommst du denn nach Hause?" Es gibt aber auch welche, für die der Auszug aus dem Elternhaus kein Abenteuer ist, sondern eine Last.

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Ganz privat: Studenten zeigen Ihre Zimmer
Anna-Lena telefonierte in den ersten Wochen jeden Abend mit Mutter und Vater. Sie sehnte sich danach, gemeinsam mit ihnen zu Abend zu essen und sich darüber auszutauschen, was den Tag über passiert war. Als sie das einmal ganz offen bei einem Treffen mit neuen Kommilitonen ansprach, stieß sie auf Unverständnis und Gelächter. "Heimweh?", fragte einer ungläubig. "Warum das denn? Und wonach?" Nur eine Griechin, die zum Studium nach Deutschland gekommen war, konnte das nachempfinden. "Die wurde dann meine Verbündete", sagt Anna-Lena.

Wer Heimweh offenbart, zeigt Schwäche - und gerät schnell in den Verdacht, ein "Mama-Kind" zu sein, untauglich für die Freiheit und ein wildes Studentenleben. Kein Wunder also, dass sich viele dieses Gefühl nicht eingestehen wollen - und schon gar nicht in großer Runde darüber reden.

40 Prozent der Studenten leben noch zu Hause

Tatsächlich leide aber ein großer Teil der Hochschüler an Heimweh, sagt Stefan Grob vom Deutschen Studierendenwerk. Der stellvertretende Generalsekretär berichtet, dass die psychologischen Beratungsstellen der Organisation Tausende Studenten beraten, deren größtes Problem nicht Arbeitsstress oder Leistungsdruck sei - sondern die Sehnsucht nach früher, als alles viel einfacher war und Mutter und Vater stets zur Stelle waren, wenn mal etwas schiefging.

"Es fällt vielen schwer, in ein neues Leben zu starten", sagt Grob - was man auch daran sehe, dass von den 22- bis 25-Jährigen laut der bekannten Shell-Jugendstudie noch 40 Prozent bei den Eltern leben. Hinzu kämen all diejenigen, die nur einen halben Abschied nehmen.

Eine Untersuchung des Studierendenwerks offenbarte, dass 65 Prozent der Erstsemester an einer Uni in dem Bundesland eingeschrieben sind, in dem auch die Eltern wohnen - wohl in erster Linie, um am Wochenende bequem nach Hause fahren zu können.

Weil das einigen noch nicht reiche, werde oft auch noch über WhatsApp oder Skype "eine Standleitung nach Hause" unterhalten, glaubt Grob. "Wir empfehlen allen Studierenden, die ihr Studium aufnehmen, ein bisschen auf Abstand zu gehen - und besser den Waschsalon zu nutzen, statt die dreckigen Klamotten zu Mama und Papa zu tragen." Grob weiß, dass das im Einzelfall Überwindung kostet - besonders dann, wenn die Eltern zum Klammern neigen.

Ein bisschen Abstand tut gut

Viele Mütter und Väter kompensieren die neue Leere, die sie nach dem Auszug des Kindes verspüren, mit einer Flut von E-Mails, SMS und Telefonanrufen - die oft ausgerechnet dann eingehen, wenn man gerade mit den Kommilitonen und neuen Freunden unterwegs ist. Wie war dein Tag, wird dann gefragt. Isst du genug? Und wann kommst du mal wieder zu Besuch? Wir haben dich doch schon drei Wochen nicht mehr gesehen! Das alles erschwert dem Nachwuchs anzukommen - und kann die Beziehung zu den Eltern im schlimmsten Fall deutlich beeinträchtigen.

Dass ein bisschen Abstand zu den Eltern guttun kann, weiß auch Christian Hecker, der in Augsburg Sozialwissenschaften studiert. Früher habe er oft mit seinem Vater gestritten: "Wir hatten ein schwieriges Verhältnis", sagt der 20-Jährige. Jetzt sei das anders.

Als er noch zu Hause wohnte und sein älterer Bruder Jan zu Besuch kam, tischte Christians Vater immer groß auf, mit Vorliebe spanische Paella. Dazu gab es Bier, zumindest für den Vater und den ältesten Sohn. "Ich hingegen", sagt Christian, "musste geradezu darum betteln, auch ein Glas zu bekommen. Obwohl ich längst 16 war."

Als er nun während des ersten Semesters auf Heimatbesuch war, hatte sich offenbar etwas verändert: Sein Vater ging an den Kühlschrank und stellte ihm kommentarlos ein kühles Kölsch hin. Danach führten sie ein lockeres, gutes Gespräch. Offenbar sah sein Vater jetzt nicht mehr nur den Jungen in ihm, den man beschützen muss - sondern den Mann.

Der Umzug nach München kostete das Ruhrpottkind Überwindung

Christian genießt sein neues Leben in Augsburg, es habe ihn "viel selbstständiger" gemacht. Es falle ihm nun leichter, auf Menschen zuzugehen. "Früher war ich meist mit denselben Freunden zusammen", sagt er. "Heute sind es viele Freundesgruppen - mal treffe ich die einen, mal die anderen." Das sei "ein Gewinn" - und wäre unmöglich gewesen, wenn er in der Nähe seiner Heimatstadt studiert hätte und am Wochenende immerzu mit den alten Kumpels rumgehangen hätte.

Nele van Dormalen, aufgewachsen in Dortmund, hat sich vor einigen Wochen von den Eltern und ihren Schulfreunden trennen müssen, um ein Lehramtsstudium in München aufzunehmen. "Wir aus dem Ruhrpott sind ja eigentlich genau das Gegenteil von den Bayern", glaubt sie. München, da dachte sie vor allem an Schickeria, an das Oktoberfest und an Mario Götze, den der FC Bayern ihrem Lieblingsverein Borussia Dortmund "geklaut" hat, wie Nele sagt. "In diese Stadt zu gehen, hat mich schon einige Überwindung gekostet", sagt sie, ohne Ironie. Allerdings wollte sie gern mit ihrem Freund zusammenwohnen, der als Berufssoldat bei der Bundeswehr in München stationiert wurde.

Der Abschied vom Elternhaus und der Heimatstadt fiel ihr trotzdem schwer, aber Nele tat alles, um anzukommen in der Stadt. Schon vor dem Uni-Start schlenderte sie durch den Englischen Garten und sah all die jungen Menschen, die auf der Wiese am Eisbach saßen und Bier tranken. Sie bemühte sich, neue Leute kennenzulernen - und hatte dabei auf Anhieb großen Erfolg. "Die Menschen in München sind viel offener, als ich erwartet hatte", sagt sie. Sich einzuleben kann relativ schnell gehen: Man muss sich nur bemühen - und darf nicht allzu oft zurückschauen.

Und plötzlich hat man ein zweites Zuhause

An einem Tag im September ist Anna-Lena Lang, die Neu-Berlinerin, auf Heimatbesuch in Deberndorf. Sie spaziert durch die leeren Straßen und kann zu jeder Ecke etwas erzählen. Lang grüßt jeden Passanten, weil sie jeden kennt - sogar den verschrobenen Mann, der am Dorfrand wohnt und eigentlich nur mit seinem Hund spricht. Gleich geht es zurück nach Hause, wo Mutter und Vater anlässlich ihres Besuchs aufwendig gekocht haben.

"Es ist schön, mal wieder hier zu sein", sagt Anna-Lena. Aber sie freut sich auch darauf, wieder zurück nach Berlin zu fahren.

Sie genießt es jetzt, neue Menschen kennenzulernen, die Stadt zu erkunden und jeden Tag ein bisschen selbstständiger zu werden. "Würde ich zum Beispiel in Erlangen studieren, also in der Nähe von Deberndorf, wäre ich dauernd bei meinen Eltern und würde bei denen auf dem Sofa rumhängen. Es wäre dann auch gar nichts Besonderes mehr", sagt Anna-Lena. 500 Kilometer Entfernung von zu Hause - das fühle sich inzwischen wie die perfekte Entfernung an.

Nach dem Auszug bei Mama, ist vor dem WG-Casting:

  • Nico Semsrott
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abby_thur 17.10.2014
1. Albern
Das sind volljährige Menschen, wie lange wollen die sich denn noch an ihre Eltern klammern?
jujo 17.10.2014
2. ...
Unsere Tochter begann frühzeitig sich abzunabeln und zu emanzipieren, schon zu Schulzeiten, (Schüleraustausch nach Australien.) Mit Beginn ihres Studiums haben wir dann auch angefangen uns von ihr zu emanzipieren (!) Was nichts anderes bedeutete ihr klarzumachen, das wir nicht mehr immer und jederzeit zu ihrer Verfügung stünden. Da hatte sie dann ihr aha Erlebnis.
colinchapman 17.10.2014
3. wir werden immer unselbständiger
Viele Menschen kommen mit den zusätzlichen Freiheiten und der zunehmenden Eigenverantwortlichkeit nicht zurecht. Wir leben in einem Land mit zunehmender Vollkaskomentalität. Da paßt das Hotel Mama perfekt dazu.
Boesor 17.10.2014
4.
speziell der Umzug vom Dorf in die Großstadt ist sicher erstmal eine große Umstellung und ein bisschen Heimweh sicher nicht ungewöhnlich oder gar bedenklich.
shardan 17.10.2014
5. Warum?
1. Hotel Mama GmBh (für "Geh mir Bier holen") ist so bequem, 2. Erwachsen werden tut nun mal stellenweise auch weh, 3. Viele Eltern können nicht loslassen.
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