Studium im Rückspiegel Ach, hätt' ich doch ...

Hinterher ist man schlauer. Länger ins Ausland, nichts mehr aufschieben, früher ausziehen, noch mehr Partys feiern: Viele würden im Rückblick ihre Uni-Zeit gern ganz anders angehen. Verpasste Chancen, verspielte Freiheit - Studenten erzählen auf SPIEGEL ONLINE, was sie bereuen.

Im Uni-Alltag ergibt sich vieles von selbst. Solange der Student zwischen Hörsaal, Bibliothek und Labor umherhechtet, solange er noch von ausstehenden Praktika, Klausurterminen und Deadlines umzingelt ist, findet er wenig Zeit für Kontemplation. Erst wenn die letzte Klausur geschrieben und die allerletzte Fachschaftsparty gefeiert ist, kommt mancher ins Grübeln: Hab' ich denn in den letzten Jahren eigentlich alles richtig gemacht?

Und fragen kann man sich ja so einiges: War ich interessiert genug, habe ich den richtigen Schwerpunkt gewählt? Hätte ich abbrechen sollen, als mir danach war? Reichen drei Praktika? Sind zwölf zu viele? Hätte ich weniger feiern sollen - oder noch viel mehr? Habe ich etwas verpasst, weil ich nie in einer WG gewohnt habe? Und warum bloß habe ich mich damals eigentlich gegen das Auslandssemester in Schottland entschieden?

Für UniSPIEGEL haben sich Studenten in der letzten Phase ihres Studiums Gedanken gemacht, was sie an der schönsten Zeit ihres Lebens auszusetzen haben:

Lisa, 25 - mehr genießen, feiern, reisen

"Beim zweiten Mal würde ich während des Studiums so einiges anders machen. Ich habe die Entscheidung für Pharmazie nur zum Teil nach Neigung getroffen, den Rest machten die Zukunftschancen aus. Eigentlich hätte ich lieber BWL in Kombination mit Sprachen studiert. Da ist man bei der Jobsuche einfach flexibler.

Ich bereue auch, dass ich direkt nach dem Abi mit dem Studium angefangen habe. Ich hätte mir lieber ein halbes Jahr Zeit nehmen sollen, um in verschiedene Bereiche reinzuschnuppern oder einfach zu reisen. Work and Travel oder Au-pair. Wenn man mehr gesehen hat, kann man sich besser ein Urteil bilden, was man wirklich möchte.

Einer meiner größten Fehler war, dass ich die Semesterferien kaum zum Reisen genutzt habe. Wenn man erst fertig ist mit dem Studium, kann man das kaum noch.

Ich finde sowieso, dass man seine Studienzeit mehr genießen sollte. Schließlich geht es im Studium nicht nur ums Lernen. Man sollte auch was erleben, fürs Leben lernen sozusagen. Und dazu gehört auch das Feiern und Weggehen."

Lisa Schubert, 25, studierte Pharmazie und macht jetzt ein halbjähriges Apothekenpraktikum im Rahmen des Praktischen Jahres.

Andreas, 23 - früher in die eigene Bude

"Was ich am meisten bereue, hat nur indirekt mit dem Studium zu tun: die Tatsache, dass ich nicht früher ausgezogen bin. Erst im fünften Semester habe ich es von zu Hause raus geschafft. Das hat meine Selbständigkeit ganz schön gebremst.

Was ich andererseits nicht missen wollte, ist die Zeit des Zivildienstes. Diese Spanne zwischen Abi und Studium war gut zur Orientierung.

Manchmal denke ich, dass ich lieber etwas anderes studiert hätte, Architektur zum Beispiel. Aber ich habe meine Fachwahl auch von den Arbeitsmarktbedingungen abhängig gemacht.

Unzufrieden bin ich mit meiner Wahl aber trotzdem nicht. Elektrotechnik macht mir Spaß. Ich habe keine Praktika in den Ferien gemacht, dafür bin ich aber seit dem vierten Semester als Werkstudent tätig. Der Praxisbezug ist mir wichtig, darum studiere ich auch an einer Fachhochschule.

Insgesamt denke ich, dass man nicht alles so eng sehen und nicht zu ehrgeizig sein sollte. Die Zeit des Studiums kommt nicht wieder, da sollte man sich auch schon mal erlauben, über die Stränge zu schlagen. Da sind die meisten Studenten heute zu streng mit sich selbst."

Andreas Dorfner, 23, studiert an einer Fachhochschule Elektrotechnik im vierten Jahr. Nächstes Semester wird er seine Diplomarbeit schreiben, am liebsten in der Firma, in der er arbeitet.

Fabian, 26 - von Beginn an reinhängen

"Im Nachhinein hätte ich während des Studiums besser meine Sprachkenntnisse aufgefrischt. Ich hätte schon früh Kurse belegen sollen, vor allem Englisch, das ist für einen Volkswirtschaftler besonders wichtig.

Ansonsten habe ich mein Studium von Beginn an ganz gut durchgeplant. Ich wusste zum Beispiel immer, dass ich ein Auslandssemester machen will und ein oder zwei Praktika. Darum habe ich mich dann frühzeitig gekümmert. Nach dem dritten Semester habe ich ein Praktikum in New York bei einer Werbeagentur gemacht, im fünften Semester war ich dann in Oslo.

Man muss ja auch ein wenig auf den Lebenslauf achten. Eine Mischung aus dem, was man selber möchte und was von einem erwartet wird, ist gut.

Erstsemestern kann ich nur raten, sich von Beginn an reinzuhängen, weil gerade bei VWL eine große Konkurrenz herrscht. Irgendwie muss man es schaffen, sich von der Masse abzuheben."

Fabian Preis, 26, studiert VWL im achten Semester. Er bewirbt sich momentan bei Unternehmensberatungen.

Georg, 24 - alles ein bisschen lockerer sehen

"Ich bereue eigentlich wenig. Ich bin zufrieden mit der Fächerwahl, auch wenn es nicht sicher ist, ob ich mit meiner Kombination gute Jobchancen habe. Jeder sollte nach Neigung studieren, schließlich kann sich die Arbeitsmarktsituation schnell verändern. Und man kann im Studium nur gut sein, wenn es einem wirklich Spaß macht.

Ich bin froh darüber, dass ich viel neben der Uni gemacht habe. Praktika und Sprachkurse haben mir auch den Spaß am Lernen erhalten. Das Studium ist ja ziemlich vergeistigt - da tut es gut, zu sehen, wofür man das alles macht.

Außerdem wäre bei meinen Fächern ein Studium ganz ohne Praktika ziemlich blauäugig. Geisteswissenschaftler sind einfach weniger gefragt als zum Beispiel Maschinenbauer. Nach meinem Abschluss möchte ich gern bei einer öffentlichen Institution arbeiten, bei Behörden oder Verbänden. Zunächst wäre ich aber auch bereit zu einem Praktikum.

Was ich im Nachhinein anders gemacht hätte? Ich habe mir seit dem ersten Semester Gedanken zum Thema 'Fit in den Arbeitsmarkt' gemacht. Das hätte ich alles ein bisschen lockerer angehen können.

Außerdem hätte ich gern zwei statt nur ein Auslandssemester absolviert. Ich war in Italien. Der asiatische Raum hätte mich sehr interessiert, weil es ein anderer Kulturkreis ist und dort die Zukunft liegt. Darum lerne ich auch Chinesisch. Ich finde es ohnehin sehr wichtig, mehrere Sprachen zu können."

Georg Fichtner, 24, studiert Politikwissenschaft und im Nebenfach Jura und Ethnologie. Er schreibt gerade seine Diplomarbeit.

Sandra, 25 - ein Auslandssemester einschieben

"Es gibt schon ein paar Sachen, die ich an meiner Studienzeit bereue. Ich hätte meine Semesterferien mehr nutzen und einfach öfter wegfahren sollen. Ein Auslandssemester wäre auch nicht schlecht gewesen, und die ständigen Gedanken um einen Job beziehungsweise eine drohende Arbeitslosigkeit würde ich abstellen – das belastet einfach zu sehr.

Wenn man sich bemüht, klappt das mit einem Job schon. Ich habe dank einer Werkstudententätigkeit in einem Verlag jetzt auch ein Jobangebot für nächstes Jahr bekommen, wenn mein Studium zu Ende ist.

Zwischendurch habe ich mal mit meinem Studienfach gehadert. Das passiert wahrscheinlich fast jedem. Und die Frage 'Vielleicht doch besser Lehramt?' hat sich wohl jeder schon mal gestellt. Aber es gibt so viele interessante Fächer, wahrscheinlich ist bei einer geisteswissenschaftlichen Ausrichtung auch BWL im Nebenfach nicht schlecht.

Trotzdem bin ich mit voller Überzeugung an mein Studium gegangen, da ich zuvor schon eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten gemacht hatte und erst im Anschluss mein Abi nachgeholt habe. Ich wusste auf alle Fälle, dass da noch mehr kommen muss.

Allen Erstis rate ich, sich gleich zu Beginn anhand der Einstiegsliteratur einen guten Überblick über das Fach zu verschaffen und alle Infoveranstaltungen wahrzunehmen. Und ganz wichtig: Nachfragen, wenn man mal nicht Bescheid weiß – garantiert ist man nie der einzige, der nicht alles kapiert hat."

Sandra Drlje, 25, studiert Germanistische Linguistik im achten Semester, als Nebenfächer hat sie Neuere Deutsche Literatur und Psychologie. Sie schreibt an ihrer Magisterarbeit.

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