Studium in Absurdistan STiNE - eine Telenovela

Manchmal könnte man am Studium schier verzweifeln. Die Uni Hamburg etwa führte zum Wintersemester das Computersystem STiNE ein. Doch die neue Software offenbarte starke Macken. Andreas Terfloth hat sich sehr um STiNE bemüht - Protokoll eines Online-Flirts.


Uni Hamburg: Möge der Fortschritt mit ihr sein
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Uni Hamburg: Möge der Fortschritt mit ihr sein

Die Protagonisten der Telenovela:

STiNE: Eine junge Dame, die von 40.000 Studenten begehrt wird. Ich: Ein Student, der verzweifelt probiert, STiNEs Gunst zu erwerben. Start ins Wintersemester, ein Oktobertag - werden STiNE und ich je zusammenfinden ?

9.30 Uhr: Beschreibung auf der STiNE-Homepage: "Über STiNE können Studierende und Lehrende ihren Uni-Alltag schnell und effizient per Mausklick organisieren."

9.31: Kennung und Passwort eingeben.
9.36: Kennung und Passwort noch mal eingeben.
9.41: Kennung und Passwort noch mal eingeben, diesmal Groß- und Kleinschreibung beachten. "Fehler wegen Wartungsarbeiten. Schließen Sie den Browser und starten Sie die Seite erneut."

Wir haben leichte Anlaufschwierigkeiten, aber ich gebe ihr eine Chance.

9.50: Kennung und Passwort noch mal eingeben, diesmal Groß- und Kleinschreibung beachten. Ich bin drin. "Neues Passwort und Sicherheitsfrage eingeben."
9.52: "Fehler. Bitte neues Passwort eingeben."
Neues Passwort eingegeben.
9.54: "Fehler. Bitte neues Passwort eingeben."
Text gelesen: Passwort muss einen Großbuchstaben und eine Zahl enthalten.
9.55: Passwort mit Großbuchstaben und Zahl eingeben.
10.02: "Herzlich Willkommen Andreas Terfloth"

Ja, sie kennt mich! Wir sehen uns zum ersten Mal in die Augen. STiNE und ich, eine glückliche Zukunft liegt vor uns. Sie ist zwar langsam in allem, was sie tut, aber in einer Beziehung braucht man Geduld.

10.03: Text im STiNE-Infoheft: "Zu Beginn erhalten Sie eine E-Mail, über die Sie ihren STiNE- Account aktivieren können."
Anzeige auf der Startseite: "Sie haben keine neuen E-Mail-Nachrichten."

STiNE ist äußerst sensibel und zickig

Ich wage vorsichtig erste Kommunikationsversuche und klicke auf Anmeldung zu Veranstaltungen.

10.07: Ein großer Fehler. STiNE ist äußerst sensibel und reagiert zickig. "Wartungsarbeiten, bitte schließen Sie ihren Browser und starten Sie die Seite erneut."
10.15: Ich bin wieder auf der Hauptseite. Ich lasse mich von meinem ersten Versuch nicht abschrecken und klicke todesmutig auf Anmeldung zu Veranstaltungen.

10.18: Todesmutig war das richtige Wort. STiNE hat mich wieder versetzt. "Wartungsarbeiten, bitte schließen Sie ihren Browser und starten Sie die Seite erneut." Wer nicht hofft, wird auch nicht enttäuscht. Ich beschließe, mich dem defensiven Pessimismus anzuschließen.

10.25: Ich bin wieder auf der Hauptseite und drücke auf Anmeldung zu Veranstaltungen, und es passiert...
10.30: ...nichts. Demütig bin ich dankbar, dass ich diesmal nicht versetzt wurde. Ein eindeutiger Fortschritt in unserer Beziehung.
10.31: Nächster Versuch.
10.36: Und wieder nichts.

Ich konvertiere vom STiNE-Pessimisten zum Nihilisten und seufze mit Nietzsche: Die ewige Wiederkehr des Gleichen. STiNE ist nicht finalistisch, es gibt keinen Fortschritt und kein Ziel.

10.40: Wechsel des Browsers. Möge die Macht von Bill Gates mit mir sein.

10:45: Ich klicke auf Anmeldung zu Veranstaltungen, und es passiert...

10.48: …etwas! Ich werde nie wieder Mozilla einsetzen, außerdem demnächst die Anzeige "Nachrichten von Microsoft immer vertrauen" mit ja beantworten.

10.50: Es erscheint eine neue Seite: "Ihre persönliche Anmeldeseite wird derzeit für Sie aufgebaut, bitte aktualisieren Sie diese Seite."
10.51: Ich aktualisiere die Seite. "Ihre persönliche Anmeldeseite wird derzeit für Sie aufgebaut, bitte aktualisieren Sie diese Seite."
10.53: Ich aktualisiere die Seite. "Ihre persönliche Anmeldeseite wird derzeit für Sie aufgebaut, bitte aktualisieren Sie diese Seite."

Nette Abwechslung. Ein Freund ruft an. Er hat keine Zugangsdaten geschickt bekommen. Man muss ins Rechenzentrum fahren und die da ausdrucken. Ein toller Service der Uni. Sein frustriertes Fazit:"Man muss nur dran glauben, es ist gut für uns."

Ich überlege, vom Nihilismus zum STiNE-Agnostiker zu konvertieren. Ich leugne nicht, dass es STiNE gibt, aber ich will nichts mit ihr zu tun haben.

11.10: Immer noch kein Fortschritt. STiNE und ich beschließen, uns erst mal zu trennen. Wir scheinen nicht füreinander geschaffen zu sein. Eine Zwangsheirat durch die Univerwaltung ist aber vorgesehen.


Autor Andreas Terfloth, der so tapfer wie vergeblich mit dem Anmeldesystem rang, studiert an der Universität Hamburg im fünften Semester Germanistik und Theologie. Damit kann man Lehrer werden - sofern STiNE diesen schönen Plan nicht durchkreuzt.



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