Studium in Äthiopien Wo die Armen in Blechkästen wohnen

Ein Zimmer zu sechst und keine Bücher: Das ostafrikanische Äthiopien macht es seinen Studenten nicht leicht. Trotz knapper Ressourcen werden im ganzen Land neue Hochschulen gebaut. Der deutsche Student Till Trojer lebte ein halbes Jahr in einem der ärmsten Länder der Welt.  

Katrin Rössler

Aus Addis Abeba berichtet Katrin Rössler


Auf dem Mittelstreifen einer zweispurigen Straße liegen Menschen. Einfach so. Sie schlafen. Vielleicht ist auch einer von ihnen tot. Manchmal kommt jemand und stößt sie mit dem Fuß an, um zu sehen, ob sie noch leben. Leprakranke betteln auf der Straße, am Rand stehen Blechcontainer auf kurzen Holzbeinen - typische Einzimmerappartements in Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens. Sie sehen aus wie Särge.

Für Till Trojer gehören diese Bilder zum Alltag. Der 24-jährige Student der Angewandten Afrikawissenschaften verbrachte das Wintersemester an der Universität Addis Abeba. Der Deutsche ist einer der ersten Studenten der Uni in Bayreuth, die hier ein Austauschprogramm absolvieren.

In kurzer, grüner Leinenhose sitzt Till vor dem "Lime Tree", dem Studentencafe auf dem Hauptcampus seiner Uni. Auf Amharisch, der äthiopischen Landessprache, bestellt er ein Wasser. Tills Amharisch ist so gut, dass er sogar noch einen kleinen Plausch hält. Er fühlt sich wohl in Äthiopien. "Die Menschen in Afrika haben mich in ihren Bann gezogen, mit ihrer Gelassenheit und ihrer offenen Art", sagt Till.

Der gebürtige Starnberger hat schon 14 afrikanische Staaten bereist. Und obwohl Äthiopien eines der ärmsten Länder war, hat es ihm das Heimatland des Kaffees besonders angetan. Gemeinsam mit seinem äthiopischen Freund Kume wohnt Till in einer Wohnung in der Nähe der Uni.

Sechs Studenten teilen sich ein Zimmer

In diesem Viertel leben nur Einheimische und auch sonst hat Till in Addis kaum Kontakt zu anderen Weißen. Im Monat kommt der junge Bayer mit 250 Euro aus, inklusive Miete. Davon kann er ins Kino gehen und an den Wochenenden Ausflüge ins Umland machen. Manchmal leistet er sich auch ein Jägerschnitzel im deutschen Biergarten von Addis Abeba.

Für äthiopische Verhältnisse führt er ein luxuriöses Leben. Viele seiner Kommilitonen verlassen den Campus kaum, weil sie sich das Leben außerhalb nicht leisten können. Auf dem Universitätsgelände sind sie mit dem Nötigsten versorgt, Unterkunft und Essen zahlt ihnen der Staat. Luxus ist da nicht drin: In den Wohnheimen teilen sich sechs Studenten ein Zimmer. Manchmal sind die Matratzen auf dem Boden die einzige Möblierung.

Zwar gibt es in Äthiopien keine Studiengebühren, aber oft übersteigen schon die Kosten für Bücher die finanziellen Möglichkeiten der Studenten. Üblich ist es, dass Eltern ihre Kinder mit umgerechnet zehn Euro im Monat unterstützen, aber manche können sich auch das nicht leisten.

Die finanziellen Nöte der Studenten sind auch für die Professoren nicht leicht zu handhaben, sagt der Deutsche Karsten Schlesier. Er ist Leiter des Lehrstuhls für Tragkonstruktionen an der Universität Addis Abeba und seit drei Jahren als Dozent in Äthiopien.

"Die einen fahren im neuen Toyota Jeep vor, die anderen können sich die Materialien für den Unterricht nicht leisten", sagt er. Da sei es in Klausuren schwierig festzustellen, welcher Student sich einen Taschenrechner aus Geldmangel mit einem Kommilitonen teilen muss und wer schlicht versucht zu täuschen.

"Jemand, der nichts hat, ist hier kein Außenseiter"

Das starke Gemeinschaftsgefühl unter den Studenten schätzt der deutsche Gastprofessor allerdings auch an den jungen Äthiopiern. "Jemand, der nichts hat, ist hier kein Außenseiter", sagt Schlesier. Manchmal wünscht er sich sogar mehr Widerspruch - besonders dann, wenn sich ihre Studiensituation verschlechtert.

Das war zum Beispiel 2008 der Fall, als sich die Zahl der Studenten auf dem Nordcampus plötzlich versiebenfachte und Chaos ausbrach. "An einer deutschen Uni wäre das so nicht hingenommen worden, aber die äthiopischen Studenten haben es einfach geschluckt", sagt Schlesier.

Der Versuch, Äthiopien durch mehr Hochschulabsolventen über Nacht in die Zukunft zu katapultieren, scheiterte. Der Grund: Die nötige Infrastruktur fehlte. Obwohl seitdem einiges verbessert wurde - zum Beispiel am Internetzugang, an der Ausrüstung mit Computern und Druckern oder auch am Zustand der Universitätsgebäude - besteht das Problem auch 2011 noch: "Das System hinkt nach", sagt Schlesier.

Auch außerhalb von Addis Abeba zeigt sich das: Im ganzen Land werden neue Universitäten gebaut, mit großer Unterstützung durch deutsche Entwicklungshelfer. An Ausstattung und qualifizierten Dozenten fehlt es aber.

Notizen aus dem Hörsaal sind das einzige Material zum Lernen

Für Austauschstudenten Till waren die äthiopischen Unterrichtsmethoden anfangs gewöhnungsbedürftig: Keine Seminare, nur Vorlesungen. Und es kam durchaus vor, dass der Professor den Stoff zwei Stunden lang einfach diktierte. "Es geht hier viel mehr darum, Wissen auswendig zu lernen, als eine eigene Meinung zu entwickeln und zu hinterfragen", sagt Till. An der Uni Addis Abeba hatte er Soziologie und Sozialanthropologie belegt.

Trotz des Frontalunterrichts seien die äthiopischen Studenten motivierter als in Deutschland: Wenn sich hier 90 Studenten in einen Raum quetschen, dann ist es für die Zeit der Vorlesung absolut ruhig, erzählt Till. Das sei in Deutschland anders. "Bei uns hat doch jeder Dritte während der Vorlesung einen Laptop auf dem Schoß und klickt bei Facebook herum."

Allerdings sind die Vorlesungen in Äthiopien auch wichtiger als in Deutschland. Oft sind die Notizen aus dem Hörsaal das einzige Material, mit dem die Studenten lernen können. Denn wer es zu Semesterbeginn verpasst, sich die Ausleihkarten für die Bibliothek zu besorgen, kann keine Bücher mit nach Hause nehmen. Und in der Bibliothek zu lernen, ist auch nicht angenehm, hat Till festgestellt. Denn es gibt keine einzige Toilette im Gebäude. Da hilft es wenig, dass die Bibliothek 24 Stunden geöffnet ist.

Mit diesen Besonderheiten des Studiums in Äthiopien hat Till im vergangenen Semester gelernt umzugehen. Mittlerweile sind die Prüfungen geschrieben und alle Hausarbeiten abgegeben. Bis Ende April bleibt er noch als Reiseführer für deutsche Touristen im Land, dann geht es zurück nach Deutschland. "Aber es wird kein Abschied für immer sein."

insgesamt 4 Beiträge
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waelder 30.03.2011
1. Äthiopien
Ich habe nicht 14 afrikanische Länder "bereist", jedoch in 9 Ländern in Afrika jahrelang gearbeitet. Unter anderem ein Jahr in Äthiopien (Einsatzorte: Addis Abeba, Bahir Dar, Awasa und Diri Dawa). Die Metallkästen, die aussehen wie "Särge" sind die nächtliche Unterkunft von Wachpersonal. Sie werden abends vor Tore und Einfahrten gestellt und dann schläft jemand darin. Der Zugang ist ohne Bewegen und damit Wecken des sich im Kasten Befindenden kaum möglich. Und es sind in Addis Abeba nicht deutlich mehr Bettler und Kranke zu sehen als in den meisten anderen Ländern südlich der Sahara. Das Elend der Verkrüppelten und Verstümmelten aus den langen Bürgerkriegen in Sierra Leone und Liberia (wo ich jeweils 1,5 Jahre am Wiederaufbau beteiligt war) ist weitaus schlimmer als alles, was ich in Äthiopien gesehen habe.
Akhwsem 30.03.2011
2. Ihre Reise in das Land der Blechsärge:
In der Regel wird der gemeine (Bildungs-) Tourist keine Leichen auf dem Mittelstreifen vorfinden, auch bei längerem Aufenthalt können diese Bilder nicht Alltag werden. Meist sind es Bettler und Tagelöhner, die nach ihrer Landflucht und der kalten Nacht im Hochland (Addis liegt auf ca. 2200m Höhe) im Gras des Mittelstreifens die Sonnenstrahlen nutzen um sich wieder aufzuwärmen. "Typische Einzimmerappartments" oder "Studentenbude" als Bildunterschrift zu Bild Nr. 4 ist nur bedingt lustig: Die Guards in den Blechkisten gehen tagsüber meist noch einer zweiten Tätigkeit nach, manche gehen zur Schule um ihre Chance auf einen besseren Job zu erhöhen. Die Jugend sieht Bildung als den Weg zum wirtschaftlichen Erfolg, zehntausende sind allabendlich nach Unterrichtschluss der Abendschulen auf dem Weg nach Hause auf den Strassen. In der Regel sind die Studenten-Unterkünfte mit Stockbetten ausgestattet, um möglichst viele Studenten pro Quadratmeter unterzubringen, Matratzen auf dem Boden sind die Ausnahme. Der Bau der Universitäten im ganzen Land hat, genauso wie der Bau von tausenden Kilometern Strasse, hunderten Health Centern und anderer Infrastruktur, wesentlich zur Entwicklung der ländlichen Gebiete beigetragen. Sicher ist Äthiopien nicht das afrikanische Muster-Ländle und hat noch einen sehr weiten Weg vor sich, aber ganz so schlimm wie im vom nachklingenden Kulturschock geprägten Artikel ist es sicher nicht. Reisen bildet, come and see. Mit freundlichen Grüssen aus Addis.
herbstfrau, 31.03.2011
3. Universitäten in Äthiopien
Ich war 2mal in Äthiopien und habe das Land auf eigene Faust bereist. Ich habe sehr viel Elend gesehen aber auch den Bildungshunger der Jugend kennengelernt. Die Studenten sind meistens sehr motiviert, aber das grosse Problem nach ihren Abschlüssen sind die fehlenden Arbeitsplätze .Leider fehlt immer noch eine gute wirtschaftliche Infrastruktur in diesem Land. Die fehlende Perspektive fördert leider die Auswanderung oder wird eines Tages zu grösseren Unruhen führen, die ja immer wieder schon von den jetzigen Machthabern mit Gewalt unterdrückt wird. Es reicht leider nicht, Bildung zu vermitteln und dann keine beruflichen Pespektiven in Aussicht zu stellen, von denen man auch leben kann.Es ist schade, das dieser Aspekt immer wieder übersehen wird.
blurps11 31.03.2011
4. Nicht alle Afrikaner sind Opfer...gibt auch einige Täter.
Zitat von waelderIch habe nicht 14 afrikanische Länder "bereist", jedoch in 9 Ländern in Afrika jahrelang gearbeitet. Unter anderem ein Jahr in Äthiopien (Einsatzorte: Addis Abeba, Bahir Dar, Awasa und Diri Dawa). Die Metallkästen, die aussehen wie "Särge" sind die nächtliche Unterkunft von Wachpersonal. Sie werden abends vor Tore und Einfahrten gestellt und dann schläft jemand darin. Der Zugang ist ohne Bewegen und damit Wecken des sich im Kasten Befindenden kaum möglich. Und es sind in Addis Abeba nicht deutlich mehr Bettler und Kranke zu sehen als in den meisten anderen Ländern südlich der Sahara. Das Elend der Verkrüppelten und Verstümmelten aus den langen Bürgerkriegen in Sierra Leone und Liberia (wo ich jeweils 1,5 Jahre am Wiederaufbau beteiligt war) ist weitaus schlimmer als alles, was ich in Äthiopien gesehen habe.
Dass die Äthiopier selbst jahrzehntelang den kleinen Nachbarn Eritrea unter Verwendung russischer und amerikanischer Waffen besetzt haben und dabei unzählige Gräueltaten begingen darf man neben den tollen Erfahrungen des reichen weissen Studenten auch mal erwähnen. Die hatten da unten sogar ihre eigene Herrenrassenideologie. Ich war vor ein paar Jahren mal in der Hauptstadt Eritreas ( eine lohnenswerte Erfahrung, schon der Anflug ist absolut surreal ) - in den Häusern dort steckt wahrscheinlich mehr Munition, als aktuell in den Depots aller Nato-Staaten zusammen. Solange sind die letzten Kämpfe auch noch nicht her...also bitte nicht übertreiben mit der Romantik. Hoffentlich machen es die aktuelle Generation der Äthiopier und die kommenden besser.
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