Studium in Bangalore Das ganze Indien

In Bangalore gibt es bessere Computerexperten als im Silicon Valley - aber auch Tausende von Straßenkindern, die von Müllresten leben. Um die kümmerte sich die Kölner Studentin Anna von Boeselager, 23. Und hörte oft die erstaunte Frage, warum sie für solche Kinder den ganzen Weg von Deutschland gekommen sei.


IT-Zentrum in Bangalore: Propere Fassade, dahinter Armut
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IT-Zentrum in Bangalore: Propere Fassade, dahinter Armut

Wenn deutsche Politiker von indischen Computerspezialisten schwärmen und sie mit "Green Cards" nach Deutschland locken wollen, denken sie meist zuerst an Bangalore. Die Sechs-Millionen-Stadt im Süden Indiens ist so etwas wie das asiatische "Silicon Valley" - mit einer boomenden Computerindustrie, mit Unternehmen aus dem Maschinenbau und der Flugzeugfertigung.

Beim Schlendern über die großen Einkaufsstrassen rund um die "Mahatma Gandhi Road" mit ihren "Pizza Huts" und westlichen Luxusgeschäften fällt es nicht schwer, die Worte des früheren indischen Premierminister Nehru zu glauben, der Bangalore als "Indiens Stadt der Zukunft" gepriesen hatte - zumal es für indische Verhältnisse auch noch eine ziemlich saubere Stadt ist, wegen der vielen Parks und der guten geographischen Lage auf einem Plateau. Das Klima ist daher recht mild, in der Stadt gibt es weniger Smog als in anderen großen Städten Indiens.

Straßenkind in Bangalore: Misshandelt und hungrig

Straßenkind in Bangalore: Misshandelt und hungrig

Aber es gibt auch eine andere Seite von Bangalore: Etwa 80.000 Kinder leben in Bangalore auf der Straße, auf den Bahnhöfen und Märkten oder in Slums. Um ein paar von diesen Kindern wollte ich mich kümmern, als ich nach dem Abitur für ein halbes Jahr in den Süden Indiens ging. Den Kontakt hatte ich über die Salesianer Don Boscos hergestellt. Der katholische Missionsorden hat seinen deutschen Hauptsitz in Bonn und betreut in enger Zusammenarbeit mit der Nichtregierungsorganisation "Jugend Dritte Welt" in Bonn viele Projekte für Straßenkinder auf allen Kontinenten.

In Bangalore unterhalten die Salesianer seit 1980 ein Projekt für Straßenkinder ganz in der Nähe des Bahnhofs. Mittlerweile bietet es neben dem Wohnhaus auch Ausbildungszenten an, mit Schreinerei, Näherei, Buchbinderei und einer kleinen Werkstatt. In einem dieser Zentren, wo Jungen von 5 bis 15 Jahren betreut werden, habe ich die meiste Zeit gearbeitet.

Kostenlose Ausbildung für die Kids

Morgens habe ich mich um Kinder gekümmert, die krank waren oder besondere Hilfe brauchten - sie zum Krankenhaus begleitet oder Wadenwickel bei Fieber gelegt. Nachmittags half ich, ein Programm für alle Kinder zu organisieren, zum Beispiel Spiele oder Malstunden. Die Straßenkinder brauchen kein teures Spielzeug, um stundenlange Wettkämpfe auf die Beine zu stellen - ein Ball oder ein kaputter Autoreifen genügen völlig.

Anna von Boeselager: Half dabei, für Kinder in Bangalore Zukunftsperpektiven zu schaffen

Anna von Boeselager: Half dabei, für Kinder in Bangalore Zukunftsperpektiven zu schaffen

Die meisten der Kinder sind von zu Hause weggelaufen, weil sie dort misshandelt wurden, nichts zu essen bekamen und daher zum Arbeiten weggeschickt wurden. Die Eltern haben oft gar keine Zeit oder keine Mittel, sich richtig um ihre Kinder zu kümmern.

Allerdings versuchen die Salesianer nicht, die Kinder, von denen viele erst kurze Zeit auf der Straße leben, zum Bleiben in ihrem Projekt zu überreden. Im Vordergrund steht die Idee, die Familien wieder zusammenzuführen und eine Zukunftsperspektive zu schaffen, mit der die Kinder sich ihr Leben durch einen Beruf finanzieren können.

Lobby für Kinder schaffen

Das gelang während der Zeit meines Volontariats auch in den meisten Fällen durch Gespräche und Vermittlung der Padres sowie angestellter Sozialarbeiter, die Christen oder Hindus sind. Wichtig ist vor allem, überhaupt ein Verständnis für die Bedeutung von Kinderbetreuung und den Nöten von Straßenkindern zu schaffen - nicht nur in den Familien, sondern auch in der Gesellschaft. Die Salesianer bemühen sich, durch öffentliche Aktionen und durch Presseberichte eine Lobby für Kinder zu schaffen. Dazu gehört oft genug die Schlichtung von Konflikten mit der Polizei. Denn die geht gegen Straßenkinder nicht gerade zimperlich vor.

Indien-Karte: Bangalore bildet das IT-Zentrum
DER SPIEGEL

Indien-Karte: Bangalore bildet das IT-Zentrum

Die täglichen Aktionen der Sozialarbeiter auf der Straße habe ich auch mitmachen können. Wir brachten zum Beispiel Kindern, die an den Bahnhofsgleisen hausten, Seife und Handtücher mitbrachten und halfen ihnen, sich und ihre Klamotten zu waschen.

Natürlich hat das Aufsehen erregt. Viele Inder haben mich gefragt, was ich denn in ihrer Stadt mache. Dass ich wegen der Arbeit mit den Straßenkindern den ganzen Weg von Deutschland auf mich genommen hatte, mochten sie kaum glauben - aber als sie mich dann im täglichen Einsatz sahen, hat ihnen das wohl doch irgendwie imponiert.

Beide Seiten von Bangalore

Das hat mich schon stolz gemacht, genau wie die Momente, wenn Kinder aus dem Projekt es geschafft haben, ihr Leben herumzureißen. Denn manche Straßenkinder kommen mit den Regeln und Einschränkungen der Betreuung nicht klar und hauen einfach ab. Umso größer ist deshalb die Freude, wenn einer der Ehemaligen mit stolz geschwellter Brust ins Projekt zurückkommt, weil er nach seiner Ausbildung einen Job gefunden hat. Und manchmal eine hübsche Verlobte noch dazu.

Projekt der Salesianer: Es geht auch ohne teures Spielzeug

Projekt der Salesianer: Es geht auch ohne teures Spielzeug

Nach den sechs Monaten hatte ich das Gefühl, wirklich beide Seiten von Bangalore gesehen zu haben - die propere, zukunftsweisende des indischen Silicon Valley, aber auch die oft unwürdige Welt der Straßenkinder. Von dem Bewusstsein für ihre Nöte habe ich mir einiges bewahrt. Nach meiner Rückkehr nach Deutschland bin ich dem Verein Bal Seva e.V. beigetreten, in dem ehemaliger Volontär der Salesianer Menschen versammelt, die Projekte für hilfsbedürftige Kinder in Bangalore organisieren wollen.

Wir haben schon eine Menge auf die Beine gestellt: Diavorträge über Indien, Partys oder Konzerte. Die Einnahmen gehen an Projekte der Salesianer und Nichtregierungsorganisationen in dieser Region. Für mich persönlich habe ich aber auch einiges mitgenommen - eine viel größere Gelassenheit gegenüber Hektik im Alltag etwa, auch das Gefühl, wie Menschen selbst in für uns sehr unwirtlichen Verhältnissen ihre Würde bewahren können. Und außerdem stand nach dem Volontariat mein Entschluss fest, in Köln Diplom-Pädagogik zu studieren und künftig mit Kindern zu arbeiten.

Von Anna von Boeselager

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