Studium in Burkina Faso Unter der Knute des Militärs

23 Euro pro Jahr betragen die Studiengebühren in Burkina Faso - ein Zehntel des Durchschnittseinkommens. Studenten und Dozenten müssen viele Ungerechtigkeiten in Kauf nehmen. Die Paderborner Philosophiestudentin Daniela Ringkamp, 22, beobachtete, wie die Regierung mit allen Mitteln die Wissenschaft unterdrückt.


Yams-Stand an der Straße: Eines der ärmsten Länder der Welt
Daniela Ringkamp

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Mehrere Wochen lang war Dieudonné Zaoua, 25, auf der Flucht. Mal schlief er bei Freunden, mal bei Verwandten. Zu Hause ließ er sich nicht blicken, denn dort hätte das Militär ihn aufgetrieben.

Dieudonné ist Anglistikstudent an der Universität von Ouagadougou in Burkina Faso, einem der ärmsten Länder der Erde. Außerdem ist er Mitglied der ANEB (Association Nationale des étudiants de Burkina Faso), einer linksgerichteten Studentenorganisation - und wer zur ANEB gehört, der hat es nicht einfach.

Mehrere Mitglieder wurden bereits vom Militär verhaftet, darunter auch Bertrand Medah, der ANEB-Präsident. Ihnen wird Sachbeschädigung und Aufwiegelung der übrigen Studenten vorgeworfen. Und wenn Dieudonné unvorsichtig ist, wird es ihm ähnlich ergehen. Von Anfang Oktober bis Ende Januar wurde an der Universität von Ouagadougou gestreikt.

Campus in Ouagadougou: Ständige Überwachung durch die Armee
Daniela Ringkamp

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Initiator des Streikes war die ANEB, die mit ihren Protesten auf die Erhöhung der Studiengebühren aufmerksam machen wollte. Noch vor einem Jahr lagen die Gebühren bei 7500 FCFA (11,50 Euro) pro Studienjahr, zu Beginn des Studienjahres 2002/2003 aber erhöhte die Regierung die Gebühren um 100 Prozent auf 15.000 FCFA (23 Euro).

Für die ANEB und die übrigen Studenten der Universität von Ouagadougou ist das jedoch nur der Höhepunkt einer langen Kette von Verschlechterungen, die Studenten wie Dozenten seit mehreren Jahren in Kauf nehmen müssen: Die Gehälter der Lehrenden bleiben aus, logistische Probleme wie die Verteilung von Unterrichtsräumen werden von der Verwaltung nicht angegangen, Seminare gestrichen und einzelne Fächer gar nicht mehr unterrichtet.

Burkina Faso: Die Zeitbombe tickt
DER SPIEGEL

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Auch die Struktur der Universität hat sich verändert: Gegen den Willen zahlreicher Lehrenden wurde im Oktober 2000 die Universität geschlossen und wieder neu eröffnet. Freie Wahlen gibt es jetzt nicht mehr, Schlüsselpositionen werden ausschließlich vom regierungstreuen Kanzler Alfred Traoré ernannt, der seinerseits von Blaise Compaoré, dem Präsidenten des Landes, eingesetzt wurde. Seitdem ist der Verwaltung jedes Mittel recht, um Bildung und Wissenschaft zu unterdrücken.

Das bekommen die Studenten der Universität von Ouagadougou fast täglich zu spüren: Ständig überwacht das Militär das Campusgelände, Studentenversammlungen werden gewaltsam aufgelöst, Studenten verletzt, andere verhaftet. Die Studenten reagieren mit Provokationen, Übergriffen auf Soldaten und weiteren Streiks, die vom Militär wiederum bestraft werden.

"Schande denen, die die Studenten aushungern"

Jean-Claude Naba, Dozent für Linguistik an der Universität von Ouagadougou, spricht vom "erklärten Willen der Regierung, das Bildungssystem zu zerschlagen und elitär zu machen". Um Kosten für die Bildung zu sparen, erhöhe der Staat die Studiengebühren, so dass es sich irgendwann nur noch die Reichsten leisten könnten, ihre Kinder auf die Universität zu schicken, so Naba, der mehrere Jahre in Deutschland studiert hat.

Jean Claude Naba
Daniela Ringkamp

Jean Claude Naba

Mit Besorgnis hat er die Veränderungen seit der Umstrukturierung beobachtet und sieht auch für die Zukunft keine Besserung der Verhältnisse. "Das Bildungssystem wird weiter kaputt gemacht werden", so seine Befürchtung. Und er geht noch weiter: "Die derzeitigen Veränderungen sind kein Problem der Universität mehr, sondern zu einer gesellschaftspolitischen Angelegenheit geworden." In den aktuellen Entwicklungen an der Universität sieht Naba einen Vorgriff auf gesellschaftliche Umbrüche: Was an der Universität begann, werde auch bald andere Bevölkerungsgruppen erreichen.

Schon heute gelingt es der Regierung nicht, die Probleme des Landes in den Griff zu bekommen. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 46 Jahren, das jährliche Pro-Kopf-Einkommen beträgt 230 Euro, nur 24 Prozent der Bevölkerung können lesen und schreiben, die Armut wächst. Längst haben nicht mehr nur die Intellektuellen den Eindruck, dass für den Staat Machtinteressen sehr viel wichtiger sind als das Wohlergehen des Volkes. Der Krieg in der Elfenbeinküste könnte noch dazu beitragen, dass sich die Stimmung im Land weiter aufheizt.

Landschaft in Burkina Faso: Wachsende Armut
Daniela Ringkamp

Landschaft in Burkina Faso: Wachsende Armut

Noch geht das Leben in Ouagadougou und den anderen Städten seinen gewohnten Gang. Doch Armut und Perspektivlosigkeit sind eine tickende Zeitbombe, die Blaise Compaoré irgendwann den Kopf kosten könnte. Denn die Bevölkerung hat nicht vergessen, dass Compaoré, damals Justizminister, 1987 den damaligen Präsidenten Thomas Sankara in einem Militärputsch umbrachte, um selbst an die Macht zu kommen. Seitdem wird Sankara, der in seiner Regierungszeit zahlreiche Reformen umsetzte, wie ein Heiliger verehrt; Compaoré dagegen bringen viele nur unterschwelliges Misstrauen entgegen.

Die Studenten an der Universität von Ouagadougou haben den Streik inzwischen ohne Ergebnis beendet, Dieudonné Zaoua ist nach Hause zurückgekehrt. Doch die ANEB schweigt nicht: "Honte à ceux qui affament les étudiants" - "Schande denen, die die Studenten aushungern", schwören sie weiterhin auf ihren Flugblättern.

Von Daniela Ringkamp




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