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09. August 2011, 09:00 Uhr

Studium in China

Tolerieren geht über Studieren

China ist gut für die Karriere und für Studenten, die das Abenteuer suchen. Für Christopher Rohmer war der Kuturschock beim Auslandstudium enorm, der Spaß aber auch. Die Eigentümlichkeiten der Chinesen machen tolerant, sagen China-Kenner. Und wer unpolitisch tut, kommt gut zurecht.

Als Christoph Rohmer sich vor zwei Jahren für einen einjährigen Studienaufenthalt in China entschied, da wollte er vor allem eines: "Einen Tapetenwechsel. Ich hatte gehört, dass das Leben dort komplett anders ist. Das hat mich gereizt", sagt er.

Heute ist Christoph Rohmer 28 Jahre alt und macht gerade sein Diplom als Wirtschaftsingenieur an der RWTH Aachen. Einen Master von der chinesischen Tsinghua-Universität in Peking hat er schon. Eine Rückkehr nach China kann er sich vorstellen, etwa um dort für ein deutsches Unternehmen zu arbeiten. Und dass er schon mal länger da war sei "natürlich ein klares Plus".

Ein Studienaufenthalt in China: Mit dieser Erfahrung wäre Christoph Rohmer vor zwanzig Jahren noch ein Exot unter den Studenten gewesen. Heute ist er einer von mindestens 1000 deutschen Hochschülern, die jedes Jahr nach China gehen - und es werden immer mehr. "China wird wirtschaftlich immer wichtiger", sagt etwa Peter Hartges, Koordinator für die China-Programme an der RWTH Aachen. Und auch er betont: "So ein Aufenthalt ist für Ingenieure ein klarer Karrierevorteil."

Am Anfang traute sich nur ein einziger Student - heute drängeln sie

An der RWTH Aachen kommen derzeit 50 Bewerber auf die jährlich 30 Plätze jährlich für das Programm an der Tsinghua-Universität. Das Doppelmasterprogramm startete vor zehn Jahren und wurde damals von den Bildungsministern von Deutschland und China initiiert, sagt Hartges. Die Studenten waren zu Anfang zögerlich. Im Jahr 2002 fand sich nur ein deutscher Student, der nach China wollte, 2004 waren es sechs, 2006 machten sich schon 13 Hochschüler auf den Weg. Abgebrochen hat bis heute keiner.

Dabei könnte der Unterschied zum deutschen Hochschulsystem kaum größer sein. Während in Rohmers Vorlesungen in Aachen mehrere hundert Personen sitzen, fand er in China Seminare mit nicht mehr als 30 Personen vor. Die Anwesenheit wurde am Beginn jeder Stunde kontrolliert, und während andere in Aachen in den Semesterferien Klausuren schrieben, musste Rohmer in China andauernd Hausaufgaben und Präsentationen abgeben. "Es ist viel verschulter dort", fasst er zusammen.

Unterrichtet wurde ausschließlich in englischer Sprache. Die Tsinghua-Universität ist die Kaderschmiede des Landes. In Rohmers Klasse war nur jeder Vierte ein Chinese. Vielleicht lag es daran, dass er mit den Chinesen in der Klasse nicht recht warm wurde. "Schwierig" sei es mit den chinesischen Kommilitonen gewesen, Freundschaften seien zu ihnen keine entstanden.

Kleiderordnung für die Klausur beachten

Annette Merker ist Sinologin und arbeitet seit zwölf Jahren am Eurasia Institute in Berlin. In Seminaren zur Interkulturellen Kommunikation coacht sie Asienbesucher für den relativ sicheren Kulturschock, auch Christoph Rohmer von der RWTH Aachen hat sie auf seinen Aufenthalt in China vorbereitet - in einem fünfstündigen Seminar. Dass es kaum möglich war, in dem Jahr chinesische Freunde zu finden, sei typisch. "Die deutschen Studenten bleiben in China oft außen vor", sagt Merker. "Die Kulturen sind diametral entgegengesetzt, und dazu kommt noch das Problem mit der Sprache."

Rohmer ging zwar zum Chinesischkurs, der Vorlesung in Produktionstechnik konnte er aber dennoch nicht ansatzweise in der Landessprache folgen. Merker schätzt, dass junge Leute die Sprache mindestens ein Jahr intensiv lernen müssen, um sie einigermaßen fließend zu sprechen, und im Anschluss ein Jahr dort leben sollten. Aber die fehlenden Sprachkenntnisse seien nur ein Hindernis, um in den, "inneren Zirkel" der Chinesen vorzudringen, sagt Merker.

Hinzu kämen noch die extremen kulturellen Unterschiede - und die fingen bei Hierarchien an. "Unsere Studenten sind individualistisch, freiheitlich und demokratisch aufgewachsen. Wir haben eine Streitkultur." China hingegen sei "eine Konsenskultur". Widerworte an der Uni seien indiskutabel. Die drei Ts - Taiwan, Tibet und Tiananmen - seien ebenso tabu wie politische Diskussionen. Und zu Seminaren und Prüfungen gelte für Studenten oft noch immer eine offizielle Kleiderordnung.

Wer sich für einen Studienaufenthalt entscheidet, sollte daher auf jeden Fall tolerant sein. "Empathie, Offenheit und Aushalten" seien wichtige Eigenschaften für Gaststudenten in China, sagt Merker. Aber auch wer nicht in die inneren Zirkel der Chinesen vordringe: Eine spannende Zeit werde es auf jeden Fall werden.

Studienkoordinator Hartges sagt, seine Leute kämen weltoffener und toleranter zurück. Sie sind sensibilisiert für andere Situationen und Ansichten. Christoph Rohmer sagt: "Ich würde es auf jeden Fall noch einmal machen. Es war bislang die aufregendste Zeit in meinem Leben."

Kristin Kruthaupt, dpa/ cht

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