Studium in England Mit 33.000 Euro Schulden ins Berufsleben

Englische Universitäten haben ihre Studiengebühren fast verdreifacht. Über 4500 Euro pro Jahr müssen die Studenten inzwischen blechen. Erstsemester wie Max Dovedale, 20, haben Angst, dass sie noch Jahrzehnte auf einem Schuldenberg hocken werden.

Von Anna Regeniter, Manchester


Max Dovedale, 20, ist seit September an der Bolton Universität in Nordengland eingeschrieben, um Fotografie zu studieren. Vor einem Jahr noch hätte er 1175 Pfund pro Jahr für dieses Privileg zahlen müssen, inzwischen sind es nun satte 3000 Pfund, umgerechnet rund 4570 Euro. Denn seit diesem Studienjahr dürfen englische Hochschulen bis zu 3000 Pfund pro Jahr von ihren Studenten verlangen - und bis auf acht Universitäten nehmen auch alle die Höchstsumme.

Studienanfänger Max: "Mir wird ganz schlecht beim Gedanken an die Schulden"
Anna Regeniter

Studienanfänger Max: "Mir wird ganz schlecht beim Gedanken an die Schulden"

Der dreijährige Bachelor-Kurs wird Max also allein an Studiengebühren insgesamt rund 13.700 Euro kosten. Zusammen mit weiteren Krediten, um Unterkunft und Verpflegung zu finanzieren, wird er in drei Jahren voraussichtlich um die 33.000 Euro im Minus sein. "Mir wird ganz schlecht bei dem Gedanken, wie viele Jahre es dauern wird, das abzuzahlen. Wenn ich endlich wieder schuldenfrei bin, bin ich wahrscheinlich Mitte 50", klagt Max.

Zwar jobbt er an drei Abenden pro Woche als Kellner in einem Pub, aber der straffe Bachelor-Stundenplan lässt nicht viel Zeit zum Verdienen: "Die täglichen Seminare und Vorlesungen sind ja alle anwesenheitspflichtig, und schon jetzt muss ich ein Essay nach dem anderen schreiben. Da bleibt nicht viel Zeit zum Arbeiten." Einer Umfrage der Natwest Bank zufolge planen mittlerweile 87 Prozent aller britischen Studenten, sich während des Studiums mit einer Nebenbeschäftigung über Wasser zu halten.

Rückgang der Studienanfänger-Zahlen

Befürworter der Gebührenerhöhung argumentieren, die neue Regelung sei sowohl für arme als auch reiche Studenten gerechter: Bei der früheren Jahresgebühr von 1200 Pfund habe die Regierung weitere 1800 Pfund pro Kopf dazuzahlen müssen, um die realen Kosten des Studiums zu decken. Nun zahlten die Reichen die Gesamtsumme, weshalb mehr Geld bleibe, um Ärmere zu unterstützen. "Das neue System verteilt Geld von den Reichen, die ihre Studiensubventionen verlieren, an die Ärmsten, die Stipendien bekommen", sagt Nicholas Barr, Wirtschaftsprofessor an der London School of Economics.

Stipendien erhält aber nur ein Bruchteil der Studenten, der Großteil geht leer aus. Der ärmere Mittelstand, der den größten Teil der Studentenschaft ausmacht, ist finanziell am stärksten betroffen. Das schlägt sich schon jetzt in fallenden Erstsemesterzahlen nieder: 13.000 Studenten weniger haben sich in diesem Studienjahr an englischen Universitäten eingeschrieben - ein Minus von 4,5 Prozent zum Vorjahr. Der Anteil jedes Jahrgangs, der in England ein Studium aufnimmt, ist mit 43 Prozent zwar deutlich höher als in Deutschland (35,5 Prozent). Doch Premier Tony Blairs Ziel, bis 2010 die Hälfte aller Schulabgänger an Universitäten zu sehen, scheint durch die Gebührenerhöhung unerreichbarer als zuvor.

"Das Beweismaterial ist unwiderruflich - die Gebührenerhöhung schreckt Leute vom Studium ab", sagt Sarah Tether, die Bildungsbeauftragte der Liberal Democrats. "Die Minister müssen diese fehlgeschlagene Maßnahme, die eine solch negative Auswirkung auf Studentenzahlen hat, unbedingt noch einmal überdenken."

"Das ist doch nur ein Bier im Pub"

Angeline Jones, die 2005 ihren Bachelor in Englischer Literatur abgeschlossen hat, glaubt, dass die Zahlen in den nächsten Jahren noch weiter sinken werden: "Wenn ich heute entscheiden müsste, mich auf 25 Jahre zu verschulden, nur um ein dreijähriges Studium zu absolvieren, wäre die Antwort ohne Zögern: Nein. Am meisten ärgert mich, dass die Politiker, die uns das eingebrockt haben, selber damals keinen Pfennig für ihr Studium haben zahlen müssen."

Die englische Regierung jedoch stellt die Gebühren als eine Art Akademikersteuer dar. Weil die Gebühren erst nach Beendigung des Studiums über einen langen Zeitraum hinweg abgezahlt werden müssen, seien sie eher mit der Einkommensteuer als normalen Schulden zu vergleichen.

Bildungsminister Alan Johnson erboste im Frühjahr viele, als er sagte, die wöchentlichen Rückzahlungen von 5,20 Pfund über viele Jahre hinweg seien ja nicht viel mehr als der Preis eines Bieres im Pub. "Und in Amerika senden viele Akademiker ihren ehemaligen Unis ihr ganzes Leben lang Geldspenden. Die Amerikaner haben zu Recht eingesehen, dass ein großer Teil ihres Erfolgs auf ihrer Universitätsbildung basiert, und sie deshalb etwas an ihre ehemaligen Ausbilder zurückgeben."

Nicht alle Universitäten kassieren die Maximalgebühr von 3000 Pfund. Acht hauptsächlich jüngere Universitäten wie die Leeds Metropolitan University stemmen sich gegen den Trend. Die Hochschule verlangt für sämtliche Kurse nur 2000 Pfund pro Jahr und verzeichnet dieses Jahr einen Anstieg an Bewerbungen, während der etablierte Lokalrivale Leeds University weniger Erstsemester hat als im Vorjahr.

Bessere Lehre als in Deutschland

Doch Leeds Metropolitan bleibt eine Ausnahme, und Studenten sind besorgt, dass Abschlüsse von den "Billig-Institutionen" von künftigen Arbeitgebern nicht ernst genommen werden. "Die Regierung hatte vorgehabt, dass es Kurse in allen Preisstufen geben solle, aber die Universitätsleiter hatten Angst, dass niedrige Gebühren mit schlechter Qualität gleichgesetzt würden", erklärt Nick Foskett von der Southampton Universität. Seine Einschätzung: "Wenn die Regierung keine Maximalgebühr von 3000 Pfund gesetzt hätte, hätten sich wahrscheinlich viele Institutionen für eine geringere Gebühr entschlossen."

Kaum ein Student erhofft vom Preisanstieg auch eine Verbesserung der Lehrqualität, denn das Geld wird dringend für längst überfällige IT-Ausrüstung, Modernisierungen von Studentenwohnheimen und Bibliotheken gebraucht. Und doch sind die Studienbedingungen in England insgesamt besser als in Deutschland: Unterrichtet wird in kleinen Seminargruppen. Jeder Student hat einen Tutor, der einen persönlich durch das Jahr begleitet; die Ferienzeiten sind viel Kürzer als in Deutschland.

"Es ist fast, als wäre man wieder an der Schule", erzählt Max Dovedale. "In den meisten Seminaren sind nur um die 15 Leute, so dass man sich unmöglich einfach zurücklehnen und entspannen kann. Und wenn ich Probleme mit Hausarbeiten oder Essays habe, sind meine Professoren immer zur Stelle - sie haben viel Zeit für uns."

Mit englischem Understatement fügt er hinzu: "Aber das ist ja auch richtig so, denn wenn ich am Ende viele tausende Pfund im Minus bin und dazu nur einen schlechten Abschluss schaffe, dann wäre das doch ziemlich traurig."

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