Studium in Indien Computergenies mit Powerpoint-Schwäche

Inder studieren atemberaubend flott. In Bangalore sind viele Wirtschaftsstudenten bereits fertige Ingenieure mit Erfahrung in der Computerbranche. Dafür leiern sie Präsentationen achtlos herunter. Volker Gehling staunte und bereiste von der IT-Hauptstadt aus den Subkontinent.


Ein Studentenleben in Bangalore kennt kein geregeltes Wochenende. Statt zu feiern, sitze ich an einem Samstagabend um 23 Uhr in einem kleinen Zimmer mit der indischen Wirtschaftselite von morgen und brüte über unserer Präsentation.

Um mich herum sitzen Idranil, Nitin, Vyoma und Debarun. Sie sind um die 25 Jahre alt und damit wenig älter als ich. Aber sie alle haben bereits ein Ingenieursstudium mit Auszeichnung abgeschlossen und in großen Firmen gearbeitet. Idranil hat mir gerade erzählt, dass er vor ein paar Jahren die Benutzeroberfläche meines Handys mitentwickelt hat.

Für ein Semester studiere ich am Indian Institute of Management in Bangalore, kurz IIMB. Bangalore liegt im Süden Indiens auf 900 Metern Höhe. Darum ist das Wetter trotz der subtropischen Breiten angenehm und die Mückenplage wenig ausgeprägt. Das Klima ist auch ein Grund, warum viele internationale IT-Firmen wie Microsoft, SAP oder IBM sich hier niedergelassen haben - Bangalore gilt als das Silicon Valley Indiens.

Vorfahrt hat immer der mit dem größten Motor

Die Stadt ist innerhalb der letzten Jahre viel zu schnell zu einer Sechs-Millionen-Metropole gewachsen. Planlos wurde jeder verfügbare Platz verbaut, Hochhäuser schießen direkt neben riesigen Slums aus dem Boden. Ein Mann liegt regungslos auf einem Müllberg direkt vor dem Campus der HSBC-Bank, die mit einem englischen Rasen aufwartet, der jedem Schlossgarten Ehre macht. Der blinde Kokosnussverkäufer öffnet mit einer Machete eine Kokosnuss - direkt vor dem McDonald's-Restaurant. Das ist Indien heute.

Landkarte: Von Bangalore ganz Indien bereist
DER SPIEGEL

Landkarte: Von Bangalore ganz Indien bereist

Auf dem an sich elitären Campus ist das Essen eher nicht eliteverdächtig, es gibt Reis mit scharfem Gemüse und scharfes Gemüse mit Reis. Deshalb fahren wir hin und wieder in die Stadt, um kontinentale Küche, Fast Food oder indische Haute Cuisine zu kosten - von phantastisch gewürztem Curry bis zum Rinderfilet. Die Kuh ist heilig, klar, aber in Bangalore kann man sie trotzdem essen.

Solche Ausflüge sind immer mit einer nervenaufreibenden Fahrt in der Motor-Rikscha verbunden. Verkehrsregeln und Angst scheinen Inder nicht zu kennen. Es wird gefahren, wo Platz ist, und wenn der Rikscha-Fahrer einen nicht mit auf ein Himmelfahrtskommando gegen die dreispurige Einbahnstraße nimmt, hat man wirklich Glück gehabt.

Umkippen kommt mit den klapprigen Gefährten hin und wieder vor, auch mal voll beladen mit sieben Austauschstudenten. Vorfahrt achten? Vorfahrt hat immer der mit dem größeren Motor und der lauteren Hupe. Vor lauter Smog ist die die Luft während der Rushhour zum Schneiden dick.

Einer von tausend schafft es an die Business-School

Der Campus aber ist eine wahre Oase - und eine kleine Stadt für sich. Das riesige Areal ist grün und bietet Sportanlagen, eine Post, zwei Banken, Cafés und Kioske. Im Gewusel der Riesenmetropole ist das Uni-Gelände ein Mikrokosmos, den viele indischen Studenten während des Semesters kaum verlassen.

Wer hier abschließt, hat es geschafft. Die Business Schools in Bagalore, Ahmedabad und Kalkutta sind die Kaderschmieden für Manager des Subkontinents. Jedes Jahr bewerben sich 200.000 junge Menschen, nur jeder Tausendste kommt durch. Das MBA-Programm dauert zwei Jahre und kostet knapp zehntausend Euro - ein Vermögen in einem Land mit einem durchschnittlichen Tageslohn von 2,50 Euro. Nur wenige Studenten haben reiche Eltern, die meisten nehmen zum Studieren einen Kredit auf.

Die indischen Studenten haben einen Arbeitsrhythmus, den ich von der TU München nicht gewohnt bin. Viele schlafen nur vier oder fünf Stunden, selbst nach rauschenden Partys lernen sie direkt weiter. Doch es lohnt sich. Später, heißt es, können sich die Absolventen die Jobs aussuchen.

Die Professoren sind alle in Europa oder den USA ausgebildet worden und orientieren sich in ihren Vorlesungen sehr an amerikanischen Eliteschulen. In jedem Kurs wird in Gruppen gearbeitet, die regelmäßig Aufgaben, business cases und Präsentationen abliefern müssen.

Leider geht es oft deutlich um Quantität. In PowerPoint-Präsentationen wird jeder Zentimeter der Folie ausgenutzt, und gilt ein Zeitlimit, spricht man einfacher schneller. So kommt es vor, dass meine Gedanken bei solchen Vorträgen abschweifen - zu den letzten Wochenend-Trips.

Der Adobe-Entwickler weckt mich aus Reiseträumen

Bangalore ist der ideale Startpunkt für Kurzreisen, alle hundert Kilometer ist Indien anders und neu. Ich war in der wunderschönen Tempelstadt Hampi und besichtigte die gewaltigen Granitfelsen mal vom Motorroller, mal vom Elefanten aus. In Kerala schwamm ich im indischen Ozean und genoss ein kühles Bier auf einem Hausboot in von Palmen umsäumten Kanälen und Seen.

Die absolute Freizeit-Krönung war aber der Treck im Himalaja. Eine Woche wanderten wir von einem kleinen Bergdorf zum nächsten, wurden zu einer lokalen Hochzeit eingeladen und verbrachten einen Tag mit einer tanzenden und trinkenden Dorfgemeinschaft. Am letzten Tag stiegen wir auf einen 5000 Meter hohen Berg - in dieser Höhe wird jeder Schritt zur Qual, aber der Ausblick machte die Mühe mehr als wett.

Mein indischer Kommilitone Nitin stupst mich mit dem Ellenbogen an und reißt mich aus meiner Traumreise. Die überfrachtete Präsentation ist vorbei. Ich muss zur nächsten Gruppenarbeit, Nitin zeigt mir den Weg. Vor seinem Managementstudium hat er was mit Computern gemacht, erzählt er mir.

Ob ich den Adobe Reader kenne, will er wissen. Klar, wieso denn? Den habe er mitentwickelt.

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