Studium in Japan "Deine Kinder kommen mit fünf Augen zur Welt"

Jede Menge dumme Sprüche gaben Freunde Mansureh Boizard mit auf ihre Japanreise. Dennoch reisten sie und zwei Japanologie-Kommilitonen in das Katastrophenland - trotz Tsunami und Super-GAU in Fukushima. Angst haben die drei nicht. Die Japaner fürchten sich ja auch nicht.

Yvonne Geißler

Von Nadine Diehl


Sven, 22, kennt das Gefühl, wenn in Japan die Erde bebt. Wenn die Wände wackeln, Spiegel herunterfallen und auf dem Boden zerschellen. Er studiert seit vergangenem September an der katholischen Sophia-Universität in Tokio.

Kleinere Beben gehören zum Leben in der japanischen Hauptstadt - und als am 11. März die Häuser erzitterten, blieb Sven zunächst ruhig. Dann verließen sogar die Japaner fluchtartig das Gebäude in der Tokioter Innenstadt. Das kann kein normales Beben sein, dachte der Student, und folgte ihnen eilig. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, dass er gerade das stärkste Beben in der Geschichte Japans miterlebt hatte.

14.700 Menschen kamen durch das Erdbeben und den folgenden Tsunami an der japanischen Ostküste ums Leben, noch immer gelten mehr als 12.000 als vermisst. In der Folge kam es außerdem zu Störungen in mehreren japanischen Atomkraftwerken und zum Super-GAU im Reaktorkomplex Fukushima - ein Vorfall, so schlimm wie zuvor nur im ukrainischen Tschernobyl. Die Regierung hat die Umgebung 20 Kilometern um das Kraftwerk zum Sperrgebiet erklärt.

Trotz der Doppelkatastrophe ist in Tokio der Alltag weitgehend wieder eingekehrt. Aber etwas ist anders: Ausländer sind derzeit auf dem Campus selten zu sehen. Sven ist einer von nur 16 ausländischen Studenten. 160 sollten es eigentlich sein, doch sie kamen nicht. Zu groß sei die Angst vor der Atomkatastrophe und vor den Nachbeben.

Flüchtende Ausländer, enttäuschte Japaner

93 der 110 Stipendiaten des Deutschen Akademischen Austauschdienstes sind kurz nach der Katastrophe aus Japan ausgereist, sagt eine Sprecherin der Organisation. Ungefähr die Hälfte von ihnen sei mittlerweile zurückgekehrt, weil die meisten Teilreisewarnungen des Auswärtige Amts für Japan mittlerweile aufgehoben sind.

Die Japaner hätten zwar Verständnis dafür, dass so viele Ausländer das Land verlassen haben, oftmals sei die Abreise aber unschön verlaufen, sagt Sven. Manche verließen fluchtartig das Land ohne ihrer Firma Bescheid zu sagen. Seine japanischen Freunde hätten dafür wenig Verständnis: "In diesen Fällen sind die Japaner sehr enttäuscht. es sieht so aus, als würden die Ausländer Japan im Stich lassen."

Wirklich Angst habe er zu keinem Zeitpunkt gehabt, auch nicht nach dem Reaktorunglück in Fukushima. "Klar, war ich anfangs besorgt, weil ja niemand wusste, was nun mit dem Kraftwerk passiert und ob die Radioaktivität nach Tokio kommt", sagt er. Also habe er sich gründlich informiert. "Dann kam ich zu dem Schluss, dass für mich in Tokio keine Gefahr besteht."

An der Sophia-Universität arbeitet auch der Deutsche Sven Saaler. Der Geschichtsprofessor schätzte die Lage nach der Katastrophe anders ein als der Student Sven. Wegen der zweifelhaften Informationspolitik der Regierung und der zeitweise schlechter werdenden Versorgung in der Metropole habe er nach dem 11. März mit seiner Familie Tokio verlassen. Inzwischen sind die Saalers zurückgekehrt: "Das Leben hat sich wieder normalisiert", sagt auch Saaler.

Allerdings seien der Atomunfall und dessen Folgen für die Japaner "eine Art Tabu", sagt Saaler. "Wenn Zeitungen auch nur vorsichtig thematisieren, dass dort vielleicht für Jahrzehnte niemand mehr leben kann, gibt es sofort heftige Reaktionen der betroffenen Menschen."

Fukushima war nur einmal Thema einer Vokabelübung

In den ersten Tagen nach der Katastrophe hamsterten die Japaner noch Wasser. es kam zeitweise zu Versorgungsengpässen. Die Behörden ordneten sogenannte "Black Outs" in den Tokioter Außenbezirken an. Drei Stunden täglich sollte der Strom abgestellt werden, um Elektrizität zu sparen. Viele Japaner hätten sich aber sehr diszipliniert verhalten und seien den Auflagen sogar zuvor gekommen, erinnert sich Sven. "Viele Geschäfte haben früher geschlossen und ihre Beleuchtungen ausgemacht." Das habe das Stadtbild stark verändert, weil in Tokios Innenstadt sonst unzählige bunte Lichter leuchten und blinken.

Die Kölner Japanologie-Studentin Mansureh Boizard, 23, musste sich nach, Beben, Tsunami und Super-GAU entscheiden, ob sie ihr Auslandsjahr in Japan überhaupt antritt. Wenige Wochen nach der Katastrophe stieg sie ins Flugzeug nach Nagoya Stadt, ungefähr 650 Kilometer südwestlich von Fukushima.

Die Angst vor Radioaktivität sei weit weg, sagt die Studentin. Obwohl sie nah am Geschehen sei, redeten die Menschen viel weniger über den Atomunfalls als in Deutschland. Auch kenne sie niemanden, der Sicherheitsvorkehrungen trifft. "Alle essen immer noch das Gleiche, trinken das Gleiche, sogar Wasser aus dem Hahn." Im Japanischunterricht habe die Professorin nur ein einziges Mal über Fukushima und Atomkraft gesprochen. Eine Sprachübung mit Vokabeltraining, nichts weiter, sagt Boizard.

Auch Yvonne Geißler, 31, eine Kommilitonin von Boizard in Köln, ist seit sechs Wochen in Japan an der Tenri-Universität östlich von Nagoya. Wie ihre Mitstudentin hatte auch sie leise Zweifel, ob sie nach Japan reisen sollte, aber für beide gaben die Unis grünes Licht.

Geißler ist in diesem Semester die einzige Studentin aus Europa an ihrer Uni. Sie könne zwar nachvollziehen, dass viele Studenten ihr Auslandsjahr in Japan abgebrochen haben oder gar nicht erst anreisten. In Deutschland werde aber zu viel Panik verbreitet, sagt sie. Wer nicht wie sie vor Ort sei, könne sich "gar kein richtiges Bild über die Gefahr machen, die von Japan angeblich ausgeht".

Nervige Ratschläge von Freunden

Geißlers Eltern waren besorgt, hätten ihre Entscheidung für Japan aber akzeptiert. Anders erging es ihr mit Freunden und Bekannten. "In der Woche nach dem Erdbeben dem Reaktorunfall war es furchtbar." Teilweise habe sie gar nicht mehr ins Internet gehen wollen, "weil mich die Reaktionen richtig genervt haben", sagt sie. Am meisten ärgerte sie sich über den scherzhaft gemeinte Ratschläge wie "Vergiss nicht, einen Strahlenanzug einzupacken".

Auch Boizard erlebte solche Reaktionen, weil sie an ihren Reiseplänen festhielt. "Deine Kinder kommen mit fünf Augen zur Welt", "Du bekommst später Krebs", sagten Freunde und Bekannte. "Solche Sprüche haben mich echt aufgeregt, ich wollte einfach nur meinen Traum verwirklichen."

Alle drei Japanologie-Studenten sind Japan-Fans, fasziniert von Geschichte und Kultur des Landes. Geißler beeindruckt vor allem, wie die Japaner nach nationalen Katastrophe zusammenhalten - nach den Atombombenabwürfen im Zweiten Weltkrieg von Nagasaki und Hiroshima ebenso, wie jetzt nach dem Super-GAU von Fukushima. Und sie schätzt die Gastfreundschaft der Japaner. "Die Leute hier sind unglaublich nett, höflich und hilfsbereit. Sie bemühen sich und sind interessiert", sagt Geißler.

Studenten, die ein Japan-Semester planen, raten alle drei sich gut zu informieren. "Das sollte nicht nur durch die Nachrichten geschehen, sondern durch Japaner oder Studenten, die hier sind und einschätzen können, ob Gefahr in der jeweiligen Region besteht", sagt Geißler. "Es ist hier sicher", ergänzt der Tokioter Student Sven. "Aber wer sich emotional mit der Lage hier nicht anfreunden kann, sollte sich auch nicht hierher quälen."

mit Material von dapd



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Seite 1
Morten Hammerdahl 12.05.2011
1. Titel?
Zitat von sysopJede Menge dumme*Sprüche gaben Freunde Mansureh Boizard mit auf ihre Japanreise. Dennoch reisten sie und zwei Japanologie-Kommilitonen in das Katastrophenland - trotz Tsunami und Super-GAU in Fukushima. Angst haben die drei nicht.*Die Japaner fürchten sich ja auch nicht. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,760037,00.html
Lieber Spiegel, ich bin erstaunt über die Recherchetiefe. Der Artikel ist gut geschrieben und interessant. Aber dass es sowohl von Okinawa, als auch von Nagoya aus ca. 650 km bis zum Kernkraftwerk in Fukushima sein soll, irritiert mich als Japankenner. Nagoya ist - nach meinen letzten Informationen - 428 km Luftlinie und Okinawa 1.738 km von Fukushima entfernt. Warum solche einfachen Daten nicht geprüft werden, bleibt das Geheimnis des Verfassers. Journalistische Sorgfalt ist etwas anderes!! P.S. Nein, Nagoya liegt nicht auf Okinawa!
utada 12.05.2011
2. Japankenner?
Zitat von Morten HammerdahlLieber Spiegel, ich bin erstaunt über die Recherchetiefe. Der Artikel ist gut geschrieben und interessant. Aber dass es sowohl von Okinawa, als auch von Nagoya aus ca. 650 km bis zum Kernkraftwerk in Fukushima sein soll, irritiert mich als Japankenner. Nagoya ist - nach meinen letzten Informationen - 428 km Luftlinie und Okinawa 1.738 km von Fukushima entfernt. Warum solche einfachen Daten nicht geprüft werden, bleibt das Geheimnis des Verfassers. Journalistische Sorgfalt ist etwas anderes!! P.S. Nein, Nagoya liegt nicht auf Okinawa!
"The Distance between Nagoya and Fukushima (Fukushima) is : 430.28 kilometers (km). The approximately estimated travel/road distance can be around 494.82 km to 537.85 km." Quelle: http://distancecalculator.globefeed.com/ Will sagen: Luftlinie Nagoya - Fukushima sind ungefähr 430 km, richtig. Die tatsächliche travel distance, also die Anzahl von Kilometern, die man z.B. fährt, kann also bis ca. 540 km betragen. Das sind immer noch keine 650 km zum AKW Fukushima Daiichi, ABER: das KKW Fukushima Daiichi liegt natürlich nicht direkt in Fukushima-Stadt sondern lediglich irgendwo in Fukushima-Ken (Präfektur), eine Entfernung von bis zu 120 km von Fukushima-Stadt ist auch hier durchaus denkbar. Jedenfalls liegt meines Wissens Fukushima-Stadt AUSSERHALB der 20-30 km no-go-zone. Und (sagen wir mal) 110 km + ca. bis zu 540 sind 650 km zwischen Nagoya-Stadt und Fukushima daiichi genpaku (AKW Fukushima I). Okinawa kommt im Artikel überhaupt nicht vor - da haben Sie den Artikel einfach nicht aufmerksam genug gelesen. Ein Student studiert in Tokio, die Kölnerin mit dem persischen (?) Namen in Nagoya und die dritte Studentin etwas östlich in der Nähe von Nagoya. Studieren irgendwelche ausländischen Studenten an der/einer Uni in Okinawa?
utada 12.05.2011
3. Mein Fehler...
Zitat von utada"The Distance between Nagoya and Fukushima (Fukushima) is : 430.28 kilometers (km). The approximately estimated travel/road distance can be around 494.82 km to 537.85 km." Quelle: http://distancecalculator.globefeed.com/ Will sagen: Luftlinie Nagoya - Fukushima sind ungefähr 430 km, richtig. Die tatsächliche travel distance, also die Anzahl von Kilometern, die man z.B. fährt, kann also bis ca. 540 km betragen. Das sind immer noch keine 650 km zum AKW Fukushima Daiichi, ABER: das KKW Fukushima Daiichi liegt natürlich nicht direkt in Fukushima-Stadt sondern lediglich irgendwo in Fukushima-Ken (Präfektur), eine Entfernung von bis zu 120 km von Fukushima-Stadt ist auch hier durchaus denkbar. Jedenfalls liegt meines Wissens Fukushima-Stadt AUSSERHALB der 20-30 km no-go-zone. Und (sagen wir mal) 110 km + ca. bis zu 540 sind 650 km zwischen Nagoya-Stadt und Fukushima daiichi genpaku (AKW Fukushima I). Okinawa kommt im Artikel überhaupt nicht vor - da haben Sie den Artikel einfach nicht aufmerksam genug gelesen. Ein Student studiert in Tokio, die Kölnerin mit dem persischen (?) Namen in Nagoya und die dritte Studentin etwas östlich in der Nähe von Nagoya. Studieren irgendwelche ausländischen Studenten an der/einer Uni in Okinawa?
OK, Okinawa kommt im Artikel nicht vor, wohl aber in der Bilderstrecke. Und natürlich liegt Okinawa nicht 650 km von Fukushima entfernt, sondern mindestens 1000.... Sorry:-)
Morten Hammerdahl 12.05.2011
4. Jo - Japankenner
Zitat von utada"The Distance between Nagoya and Fukushima (Fukushima) is : 430.28 kilometers (km). The approximately estimated travel/road distance can be around 494.82 km to 537.85 km." Quelle: http://distancecalculator.globefeed.com/ Will sagen: Luftlinie Nagoya - Fukushima sind ungefähr 430 km, richtig. Die tatsächliche travel distance, also die Anzahl von Kilometern, die man z.B. fährt, kann also bis ca. 540 km betragen. Das sind immer noch keine 650 km zum AKW Fukushima Daiichi, ABER: das KKW Fukushima Daiichi liegt natürlich nicht direkt in Fukushima-Stadt sondern lediglich irgendwo in Fukushima-Ken (Präfektur), eine Entfernung von bis zu 120 km von Fukushima-Stadt ist auch hier durchaus denkbar. Jedenfalls liegt meines Wissens Fukushima-Stadt AUSSERHALB der 20-30 km no-go-zone. Und (sagen wir mal) 110 km + ca. bis zu 540 sind 650 km zwischen Nagoya-Stadt und Fukushima daiichi genpaku (AKW Fukushima I). Okinawa kommt im Artikel überhaupt nicht vor - da haben Sie den Artikel einfach nicht aufmerksam genug gelesen. Ein Student studiert in Tokio, die Kölnerin mit dem persischen (?) Namen in Nagoya und die dritte Studentin etwas östlich in der Nähe von Nagoya. Studieren irgendwelche ausländischen Studenten an der/einer Uni in Okinawa?
Immerhin bin ich die Strecke schon mehr als einmal selbst gefahren. Wenn sowohl Nagoya als auch Okinawa 650 km von Fukushima entfernt liegt, kann etwas nicht stimmen. Weiters: bei einem Reaktorunfall ist es wohl bezüglich der eventuellen Ausbreitung von Radioaktiven Partikeln unerheblich, wie lang die Strecke auf einer Strasse von Nagoya bis nach Fukushima ist. Interessanter und wohl eher von Relevanz ist die Luftlinie (Ausbreitung über das Medium Luft, nicht Strasse). Können Sie mir in diesen beiden Punkten zustimmen? Wenn Sie das tun werden Sie mir sicher auch zustimmen, dass der Artikel unsauber recherchiert wurde. Die Kilometerzahlen sind ungenau (resp. absurd), es wird nicht darauf hingewiesen, welchen Ort genau in Fukushima der Verfasser meint und am Ende wird es noch vergessen mitzuteilen, ob der Verfasser sich auf die Strassenkilometer oder die Entfernung "wie die Eule fliegt" bezieht. In allen Punkten also unsauber. Recherche sowie Angaben. Aber um das zu erkennen, muss man kein Japankenner sein. Man muss nur in der Lage sein, einen Routenplaner zu bedienen und richtige Einheiten anzugeben. Beides Dinge, die ich von einem guten Artikel erwarte. Sie nicht? Just for the record: Ihre "über den Daumen Entfernung Peilmethode" ist weder genau, noch bringt sie inhaltlich einen Mehrwert. Nochmal: Was hilft mir die Entfernungsangabe über die Strasse?! Den zweiten Passus haben Sie ja bereits selbst korrigiert. Den Hinweis mit dem aufmerkasamen Lesen gebe ich dennoch gerne postwendend zurück.
Morten Hammerdahl 12.05.2011
5. Japankenner?
Zitat von utadaOK, Okinawa kommt im Artikel nicht vor, wohl aber in der Bilderstrecke. Und natürlich liegt Okinawa nicht 650 km von Fukushima entfernt, sondern mindestens 1000.... Sorry:-)
Meinen Sie jetzt mindestens 1000 km über Strassen? Zumindest kann ich Ihnen sagen, dass es ziemlich genau 1.738 km Luftlinie sind. So wie ich es auch ursprünglich in meinem Post angegeben habe. Bin mal gespannt, wie Sie ihre "mindestens 1000 km" jetzt verargumentieren. Ist Ihrer Meinung also die Distanz über Land/Strasse kürzer als Luftlinie?
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