Studium in Nordkorea Warme Fürsorge vom "Großen Führer"

Frontalunterricht, Ernteeinsätze und Zwangstraining für Giga-Sportveranstaltungen: Das Studium in Nordkorea ist skurril. Und wenn nordkoreanische Akademiker selbst mal ins Ausland dürfen, dann nur zu zweit - damit keiner dort bleibt.
Von Jeannette Goddar

Das Betreuungsverhältnis ist Weltspitze. Seit vier Jahren studiert Ri, 24, Germanistik an der Kim-Il-Sung-Universität in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang - und wird zusammen mit gerade einmal sechs Kommilitonen von ebenso vielen Professoren und einem DAAD-Lektor unterrichtet.

Das Studienprogramm ist ebenfalls bemerkenswert: Grass und Walser zum Beispiel, Pflichtlektüre eines jeden Germanisten weltweit, stehen weder im Lehrplan noch in den Regalen der drei Millionen Bücher umfassenden Nationalbibliothek. Zurzeit, sagt Ri, werde Lessings "Emilia Galotti" behandelt. Weitaus zeitgenössischer sind indes die deutschen Filme, die auf dem Programm stehen: "Die letzten Tage der Sophie Scholl" und das Nazi-Erziehungsanstalten-Werk "Napola" sind darunter.

Sprache: sehr gut. Selbstständiges Denken: mangelhaft

Wer wissen will, wie es an der Uni in Pjönjang läuft, der kommt an Armin Herdegen nicht vorbei. Er ist Lektor des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) und in dieser Funktion der einzige Deutsche, der an einer nordkoreanischen Universität unterrichtet. Vor eineinhalb Jahren ließ er sich vom DAAD anwerben – weil ihn die Ferne lockte, aber mehr noch, weil auch er wissen wollte, wie es sich in einem der abgeschottetsten Länder der Welt wohl studieren und lehren lässt.

Bis zu sechs Stunden pro Woche unterrichtet er nun jeden der vier Germanisten-Jahrgänge. Und er ist zuständig für alle Studenten, die – nach strenger Auslese durch die Kommunistische Partei - das Land aus wissenschaftlichen Gründen für eine begrenzte Zeit verlassen dürfen. Armin Herdegen testet ihr Deutsch, kümmert sich um Visa und vermittelt zwischen Wissenschaftsorganisationen und der nordkoreanischen Regierung.

Sprachlich attestiert er den meisten Studenten ein ziemlich hohes Niveau. Mit der Diskursfähigkeit ist es allerdings nicht so weit her. "Wissenschaftliche Diskussionen wie zuhause sind selten möglich. Selbstständiges Denken gibt es kaum. Niemand hat gelernt, kritisch zu hinterfragen."

Wo auch? Etwa die Hälfte ihrer 40-Stunden-Studienwoche verbringen die angehenden Germanisten mit ideologischer Schulung. Dann stehen die "Revolutionären Biographien" des sogenannten Großen Führers Kim Il Sung und des Geliebten Führers Kim Jong Il auf dem Programm - oder "Revolutionäre Geschichte". Mehrere Wochen im herbstlichen Ernteeinsatz sind für die Studenten ebenso normal wie der vorübergehende Abschied von der Uni, um für die nordkoreanische Massensportveranstaltung "Arirang" zu üben, die an großen Feiertagen im "Erste-Mai-Stadion" aufgeführt wird.

Am Ende des viereinhalbjährigen Lernens bekommen die Studenten dann eine Urkunde, auf der geschrieben steht, unter der "warmen Fürsorge des Großen Führers" hätten sie "den Status eines wissenschaftlichen Experten erreicht". Mit normaler wissenschaftlicher Ausbildung hat das nicht viel zu tun.

Gezielte Provokationen mit ungewissem Erfolg

Jede Vorlesung in Pjöngjang folgt strikten Regeln - und muss bei den Behörden angemeldet werden. Für ausländisches Lehrpersonal ist die Versuchung groß, den starren Lehrplan zu unterlaufen, sagt Bärbel Gutzat. Sie war im Jahr 2001 die erste DAAD-Lektorin in Nordkorea. Gern erinnert sie sich daran, wie sie es Jahr um Jahr geschafft hat, eine unangemeldete Stunde zu "Sprachlichen Merkmalen des Totalitarismus" anzubieten – natürlich im Rahmen der Geschichte der deutschen Sprache. "Da wurden die meisten ganz still," sagt sie, "es konnte ihnen kaum entgehen, wie nah nordkoreanische Führerkult-Rhetorik der Sprache der deutschen Nationalsozialisten ist."

Ob allerdings auch nur ein einziger Student von dieser Erkenntnis beeinflusst worden ist, steht auf einem ganz anderen Blatt. Denn fühlbare Opposition gibt es in Nordkorea nicht, auch nicht an der Universität. Schon die Frage sei falsch gestellt, sagt DAAD-Lektor Armin Herdegen: "Opposition setzt voraus, dass es mehr als eine Meinung gibt. Hier gibt es aber nur eine."

"Jeder Kontakt zur Außenwelt kann den Menschen nur gut tun", sagt Bärbel Gutzat. Wenn Nordkoreaner ausnahmsweise einmal ins Ausland dürfen, dann ist das eine ziemlich komplizierte Angelegenheit. Sie dürfen grundsätzlich nur zu zweit das Land verlassen und müssen sich auch im Ausland an derselben Uni einschreiben. Wieder und wieder wurden der Lektorin Teams vorgestellt, in denen der eine genügend wissenschaftliche Qualifikationen und Sprachkenntnisse mitbrachte, der andere nicht. Die Auslandsreise im Doppelpack führt dann auch im Gastland manchmal zu skurrilen Situationen. "Schon wenn nur der eine zum Geburtstag des Professors eingeladen wird, haben sie den Salat", sagt Gutzat. "Alleine dürfen sie nicht gehen – und einfach den anderen mitzubringen, verbietet ihre asiatische Höflichkeit."

Auch das Leben der Deutschen in Pjöngjang – das sind im Wesentlichen Mitarbeiter der Welthungerhilfe und der Vereinten Nationen, der Deutschen Botschaft, des Goethe-Instituts und des DAAD – ist nicht ohne praktische Probleme. Sie alle arbeiten unter ständiger Bewachung und sind streng abgeschirmt. DAAD-Lektor Herdegen hat zum Beispiel überhaupt keine privaten Kontakte zu Kollegen und deswegen noch nie eine nordkoreanische Wohnung von innen gesehen. Er weiß nicht, wie seine Kollegen leben und auch nicht, ob sie in den 22. Stock zu Fuß gehen, oder ob es in den nordkoreanischen Plattenbauten vielleicht doch Fahrstühle gibt.

Die Abschottung, sagt er, zerre zuweilen an den Nerven.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.