Portugals Riesen-WGs "Sie wollen uns aus dem Haus treiben"

Sie sind studentische Hochburgen, die der portugiesische Staat schleifen will: Die Mieten der Repúblicas sollen steigen, Privilegien wegfallen - darunter auch der eigene Kommunen-Koch. Nun formiert sich Widerstand.

Leon Ginzel

Aus Coimbra berichtet Leon Ginzel


Rodolfo, 25, ist wütend: "Das neue Mietgesetz zerstört uns!" Coimbra, zwischen Lissabon und Porto gelegen, lebt von seinen Studenten. Rund ein Viertel der 140.000 Einwohner sind an der ältesten Universität Portugals, der Universidade de Coimbra, eingeschrieben. Rodolfo ist einer von ihnen. Im vergangenen Semester hat er seinen Abschluss in "Moderne Sprachen und Literatur" gemacht.

Die República da Praca, eines der Studentenhäuser, war und ist sein Zuhause. "Ehrlichkeit, Solidarität und Gemeinschaftsinn", so umschreibt er die Werte, denen sich die Mitglieder verschreiben. Die Plätze in den Repúblicas sind begehrt, auch deshalb ist das Aufnahmeprozedere streng geregelt. Am Anfang ist man zunächst comensal, Anwärter. Erst nach einer gewissen Zeit und wenn ein Platz frei wird, darf man sich zu den residentes, den Mitgliedern, zählen und wird so ein Teil dieser besonderen Vereinigung, deren bewegte Geschichte bis weit ins 20. Jahrhundert zurückreicht. So führten im Coimbra der frühen siebziger Jahre vor allem die Studenten der Repúblicas die Proteste gegen das autoritäre Regime in Lissabon an.

Jetzt fühlen sie sich durch ein neues Mietgesetz bedroht. "Schon vor der Finanzkrise waren wir ein Dorn im Auge der Vermieter, aber da waren wir noch geschützt", sagt Rodolfo. "Jetzt, mit dem neuen Gesetz, können sie die Miete einfach erhöhen. Sie wollen uns aus den Häusern jagen."

Bislang genossen die Studenten Privilegien - etwa eigene Köche

Die Repúblicas sind noch immer weit mehr als reine Wohngemeinschaften. Die residentes der annähernd dreißig Häuser sind Teil des politischen Coimbra, ein sehr aktiver. Ihre geografische Lage spiegelt ihre politische Ausrichtung wieder: "Je näher ein Haus an der Universität liegt, desto politisch linker ist es", sagt Rodolfo. Doch seitdem die Finanzkrise das Land im Griff hat, ist auch die Existenz der Repúblicas bedroht.

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Das reformierte Mietgesetz ist der neue Feind. Bisher waren die Häuser geschützt: Alte Mietverträge und die Unterstützung des Sozialfonds der Universität garantierten niedrige Mieten und Privilegien - etwa einen eigenen Koch für jedes Haus. Doch das neue Gesetz der konservativen Regierung um Premier Pedro Passos Coelho und die allgemeine Kürzungspolitik stellen all das nun in Frage. Während die Studenten bislang fast kostenlos in den Häusern wohnten, soll die Miete durch neue Mietverträge nun auf rund hundert Euro pro Person steigen - zu viel für die meisten.

"In manchen Repúblicas mussten schon Mitglieder gehen oder der Koch entlassen werden", erzählt Rodolfo. Das neue Gesetz, auf Drängen der EU-Troika initiiert, die so den Immobilienmarkt neu beleben möchte, sieht außerdem vor, dass Mieter fristlos gekündigt werden können, sollten sie ihre Miete zwei Monate lang nicht gezahlt haben. Neben den Studenten betrifft dies vor allem alte Menschen, die die neuen Mietpreise von ihrer Rente kaum bezahlen können.

"Diejenigen, denen das Wasser fehlte, wurden nicht durstig"

Für die Repúblicas in Coimbra ist der Kampf gegen ihre Vermieter nicht neu. Anfang der neunziger Jahre fochten die Vorgänger Rodolfos in der República da Praca schon einmal einen Existenzkampf aus. Damals mussten sie anderthalb Jahre lang ohne fließend Wasser auskommen. Offiziell, weil die Rechnung zu spät beglichen worden war. "Aber im Grunde ging es dem Vermieter damals nur darum, uns mürbe zu machen und so aus dem Haus zu treiben", sagt Rodolfo. Geschafft hat er das nicht. Mit Unterstützung von Freunden und anderen Repúblicas gelang es den Studenten, die Blockade bis zu einem Gerichtsurteil zu überstehen, das ihnen dann schließlich recht gab.

Seitdem erinnert eine Inschrift im Wohnzimmer der República an diese Zeit. "Os que por falta de água nunca passaram sede" - "Diejenigen, denen das Wasser fehlte, wurden nicht durstig".

Jetzt, knapp 20 Jahre später, warnt ein Banner an der Außenfassade des Hauses Regierung und Vermieter: "Wir geben erst auf, wenn unsere Beine tot sind", steht dort auf Portugiesisch. Hilfe suchen sie bei alten Mitgliedern, die mittlerweile politische und gesellschaftliche Würdenträger sind - bislang erfolglos. "Wir versuchen, Geld durch Veranstaltungen zu sammeln, um uns über Wasser zu halten", sagt Rodolfo.

Hilfe könnte aus Paris kommen. Die dort ansässige Unesco hat die Universidade de Coimbra vor einigen Monaten zum Weltkulturerbe ernannt. Die Repúblicas hoffen nun, dass damit auch ihre Häuser einen Schutzpatron gegen die neuen Miet- und Sparpläne der Regierung gefunden haben. Solange das jedoch noch ungeklärt ist, kämpfen sie weiter für ihre Häuser.

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Seite 1
sponnerd 17.04.2014
1. ...
Zitat von sysopTMNSie sind studentische Hochburgen, die der portugiesische Staat schleifen will: Die Mieten der Repúblicas sollen steigen, Privilegien wegfallen - darunter auch der eigene Kommunen-Koch. Nun formiert sich Widerstand. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/studium-in-portugal-republicas-kaempfen-gegen-hohe-mieten-a-962418.html
Soll dieser Artikel Sympathie wecken mit den Bewohnern dieser Republicas? Dann wurde dieses Ziel bei mir klar verfehlt! Bislang scheint es sich bei den Bewohnern um staatlich sanktionierte Hausbesetzer mit unerhörten Privilegien zu handeln. Wenn selbst die nunmehr angestrebte erhöhte Miete nur 100 Euro im Monat kostet und da schon ein Koch inkludiert ist, waren das bislang wohl Zustände wie im Paradies. Vermutlich floss Milch und Honig aus den Wasserleitungen, aber wie finanzierten die Eigentümer der Häuser den Bau und Erhhalt derselben? Das die Ankunft auf dem Boden der Realität nicht schön ist, kann ich mir vorstellen. Aber die Studierenden sollten ihr Leben nicht mit einer schönen Illusion beginnen, sondern sich den Realitäten des Lebens stellen und zumindest einen kleinen Beitrag dazu leisten, wie jeder andere Mensch auch, der nicht praktisch kostenfrei wohnen und leben kann!
KlausP22 17.04.2014
2. bisher weniger als 100
Bisher kostet das also weniger als 100 Euro und ein Koch ist inklusive. Von so etwas träumen in anderen Ländern die Studenten nur. Wenn 100 Euro wirklich zu teuer sind, dann sollte halt etwas wie Bafög eingeführt werden, also ein Kredit, den der Student später zumindest in Teilen an den Staat zurückzahlen muss.
Algarve-Entdecker 17.04.2014
3. 40 Jahre...
Vor 40 Jahren, im April 1974, befreite sich die Bevölkerung Portugals in der Nelkenrevolution von der Herrschaft des Salazar-Regimes. Viele Studenten von Coimbra standen dabei in den ersten Reihen der Aufständischen. Vor 40 Jahren wehrten sich die Menschen in Portugal auch gegen die ungerechten Kriege, die Portugal in den Kolonien in Afrika führte. Die rechtskonservative Regierung Portugals heute hat die Bevölkerung des westlichsten europäischen Staates erneut unter Kontrolle. Und – wie vor 40 Jahren – erneut ist es die nicht-begüterte Bevölkerung, die Opfer für die Fehler der Regierungen der letzten Jahrzehnte bringen muss. Ganz widerspruchslos werden die Menschen in Portugal diese Situation nicht hinnehmen – hoffentlich.
huw00 17.04.2014
4. Erschreckend
Ein erschreckend asoziales Pack, diese portugiesischen Studenten. Woraus leiten sie das Recht auf ein Leben als Made im Speck ab? Naja, aber das werden wohl auch wieder die üblichen Verdächtigen sein: Abschluss in "Moderne Sprachen und Literatur". Was wird man damit? Taxifahrer, Sozialarbeiter oder Almosenempfänger? Scheinbar nicht die künftige Elite Portugals...
townsville 17.04.2014
5.
Wenn es sich der portugiesische Staat leisten könnte, studentisches Wohnen so zu finanzieren, wäre das natürlich toll. Es ist aber kaum zuzumuten, dass das Land sich derartigen Luxus leistet und dabei durch Hilfen aus EU-Ländern gestützt wird, die dabei ihren Studierenden derartiges nicht bieten können. Zumal, und das muss man auch mal sagen, diese Wohnheime kein wirkliches "offenes Projekt" sind, wo jeder die gleichen Chancen hat, sondern ein hierarchischer Zirkel, der sehr genau nach politischer Passform die begehrten Plätze vergibt. So eine Art linker Burschenschaftshäuser...
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