Bachelor in Rekordzeit Mein Leben als Turbo-Student

Mit 15 begann er zu studieren, mit 21 Jahren machte Jakob Scharnowski seinen Master an der Ruhr-Uni Bochum. Kommilitonen, Bewerbungsgespräche - er war immer der Jüngste. Hier erzählt er, wie er klarkam.

Regelstudienzeit: Normalerweise dauert ein Bachelorstudium sechs Semester, ein Masterstudium vier
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Regelstudienzeit: Normalerweise dauert ein Bachelorstudium sechs Semester, ein Masterstudium vier

Aufgezeichnet von Franca Quecke


"Als ich das erste Mal auf dem Campus der Ruhr-Universität Bochum stand, war ich 15 Jahre alt, und alles kam mir unglaublich groß vor. Die Universität besteht aus über zwanzig Gebäuden, die alle größer sind als meine ehemalige Schule. Ich hatte mir vorher ein Video angeschaut, um den Raum rechtzeitig zu finden. Plötzlich war ich von so vielen Leuten umgeben, viel mehr als in der Schule. Das war schon beeindruckend.

Ich war immer gut in Mathematik. In der Schule hatte ich einen Lehrer, der mich sehr gefördert hat. Als ich ihn gefragt habe, ob ich neben der Schule noch mehr tun könnte, hat er mich an eine AG an der Universität Essen verwiesen. Dort habe ich zum ersten Mal erfahren, dass es möglich ist, während der Schule zu studieren. Durch eine Physik-Projektwoche bin ich an die Universität in Bochum gekommen - und geblieben.

Ich habe mein Studium bewusst zügig durchgezogen. Bis zum Abitur hatte ich zwei bis drei Vorlesungen, später dann fünf bis sechs. Einmal in der Woche als Schüler zur Uni zu gehen war für mich eine aufregende Erfahrung. Meine Vorlesungen waren immer am Freitag, den Schulstoff habe ich dann am Wochenende nachgeholt. Ich habe immer schon sehr schnell gelernt und konnte mir Dinge gut selbst beibringen, deshalb war das nie ein Problem.

Ich war immer sehr wissenshungrig

Kurz vor meinen Abiturprüfungen, nach meiner letzten Unterrichtsstunde, habe ich sogar mehr Vorlesungen besucht als vorher. Alles, was für meine Mathe- und Physik-Prüfungen relevant war, hatte ich schon im Studium gemacht. Und ich habe viel Nachhilfe vor dem Abitur gegeben, das hat mich auch gut vorbereitet.

Nach dem Abitur war ich dann Vollzeitstudent. Ich war immer sehr wissenshungrig und habe einfach viele Vorlesungen auf einmal belegt. Nicht jeder Kurs wird ja in jedem Semester angeboten. Wenn man die Gelegenheit bekommt, muss man sie auch direkt nutzen - wer weiß schon, wie lange man an der Universität bleibt. Im Semester habe ich wöchentlich ungefähr 40 bis 50 Stunden für die Uni gearbeitet.

Es war nicht immer einfach, überall der Jüngste zu sein. Wenn meine Kommilitonen feiern gegangen sind, konnte ich anfangs nie mit. Ich war ja noch nicht volljährig. Wegen meines Alters wurde ich auch öfter belächelt, vor allem in Bewerbungsgesprächen. Manchmal hieß es dann: "Jaja, lern erst noch ein paar Jahre was und komm dann wieder."

Eine Personalerin hat mal zu mir gesagt, dass die jungen Leute heutzutage alles so schnell machen würden und so ungeduldig seien, das fände sie gar nicht gut. Aber warum sollte ich mein Studium künstlich verlängern, wenn ich dazu keinen Grund habe? An der Universität war mein Alter in der Regel nie ein Problem. Durch G8 waren einige ja auch erst 17 oder 18 Jahre alt, also gar nicht so viel älter als ich.

Ich bin gut durchgekommen

Die Uni in Bochum ist zwar ein hässlicher Betonklotz, hat aber einen ganz eigenen Charme. Wenn man zum Beispiel auf der Rückseite des Mathegebäudes steht, gibt es da einen wunderschönen Ausblick auf weite Wiesen, auf den Kemnader See bis zu der Burg in Hattingen. Einmal, nach einer Party, stand ich auf dem Feuerschutzbalkon und die Sonne ist gerade untergegangen. Das war ein toller Moment.

Mein Studium hat mir eigentlich immer Spaß gemacht, ich bin gut durchgekommen. Aber natürlich hatte ich auch mal Vorlesungen, in denen der Stoff zu viel und zu schwierig war. Zweimal bin ich insgesamt durch eine Prüfung gefallen. Aufgegeben habe ich aber nie.

Am Anfang des Bachelors wusste ich noch nicht genau, was ich irgendwann einmal machen möchte. Im Studium habe ich mich dann hauptsächlich mit Wahrscheinlichkeitstheorie beschäftigt. Mit der Zukunft zu rechnen, den Zufall greifbar zu machen, das hat mich begeistert. Als wir in Mastervorlesungen Versicherungsmathematik gestreift haben, habe ich gemerkt, wie spannend ich das finde.

Mittlerweile bin ich 22 Jahre alt und arbeite bei einer Versicherung im Bereich "Betriebliche Altersvorsorge". Mein Alter spielt hier zum Glück keine Rolle. Im Team arbeiten wir alle miteinander, keiner schaut auf mich herab."



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