Studium in Schottland Moo Bar, Meer und Mäusespeck

Eines Tages packte Carmen Eller ein großes, altmodisches Gefühl: das Fernweh. Die Bamberger Studentin wählte für ihr Auslandsstudium Schottland, ein Land, zu dem ihr außer Seemonstern, Schottenröcken und schlechtem Wetter nicht viel einfiel. Das sollte sich bald ändern.


Carmen Eller auf Wandertour: Spontan verliebt in Schottland

Carmen Eller auf Wandertour: Spontan verliebt in Schottland

Das Abenteuer Schottland beginnt nicht mit Karriereberatern oder Fotos aus dem Hochglanzreiseführer. Es beginnt mit Fernweh, der großen Sehnsucht nach dem Unbekannten. Ich lese Berichte über die Auslandssemester anderer Bamberger Studenten und weiß kurze Zeit später: Mein Ziel heißt Edinburgh. Für ein Jahr möchte ich ans Meer und dorthin, wo 450.000 der rund fünf Millionen Schotten leben.

Die University of Edinburgh gehört zu den beliebtesten Studienorten in Großbritannien. Über 1500 Dozenten lehren hier, und von den rund 18.000 Studenten stammen 3000 aus dem Ausland. Doch das internationale Flair und die guten Studienbedingungen haben ihren Preis: 750 Pfund kosten meine Kurse.

Rushhour, Dudelsack, Möwen - die Stimmen Edinburghs

Eines Tages sitze ich um 7 Uhr morgens am Frankfurter Flughafen. Und bin ein Nervenbündel. Wenige Minuten nach der Landung schaukele ich dann in einem schwarzen Oldtimer-Taxi hinter bordeauxfarbenen Doppeldeckerbussen durch die schottische Hauptstadt.

Neugierig betrachte ich meine neue Welt hinter der Wagenscheibe und erlebe Liebe auf den ersten Blick. Majestätisch erhebt sich das Schloss über der Einkaufsmeile Princes Street. Die zahllosen schmalen Kamine auf den Häusern gaben Edinburgh im 19. Jahrhundert seinen Spitznamen: Auld Reekie, altes Rauch-Schlötchen. Stadt, Sprache und Menschen - plötzlich ist alles neu, alles anders. Es gibt keine bessere Antwort auf das Fernweh.

Das Gehupe der Rushhour, die Melodie eines fernen Dudelsacks und das Gekreische der Möwen bilden die Stimmen der Stadt. Die Luft riecht nach Hopfen, ein Aroma, das der Wind aus den Brauereien in die Straßen trägt. Edinburgh steckt voller Kontraste. Prachtvolle viktorianische Viertel sind umgeben von trostlosen Wohnsiedlungen mit hoher Arbeitslosigkeit. Wenige Kilometer außerhalb der Stadt liegt die Heimat von Klonschaf Dolly; Edinburgh ist aber auch bekannt für Probleme mit Drogen und Aids.

Leckere Spezialitäten: Pommes an Essig

Die ersten Wochen sind wie Urlaub. Vieles, von dem ich sonst nur träumen konnte, gehört plötzlich zu meinem Alltag: Besuche in großen Kunstgalerien, Pubs für jeden Tag des Jahres, lange Spaziergänge am Meer. Die banalsten Dinge werden wieder spannend: Pommes gibt es mit Essig, in der heißen Schokolade schwimmt Mäusespeck.

Highlands: Raue Schönheit
Carmen Eller

Highlands: Raue Schönheit

Das Semester beginnt für mich mit dem ersten Bissen des Nationalgerichts Haggis und einem "ceilidh". Hinter dem Zungenbrecher verbirgt sich ein wilder Tanzball mit traditionellem Gefiedel und fliegenden Kilts. All das gehört zur "Freshers' Week", der Einstiegswoche für Uni-Neulinge. Sieben Tage voller Workshops, Partys und Informationen rund ums Studium. Eine wunderbare Gelegenheit, erste Kontakte zu knüpfen. Die Uni bietet nicht nur eine riesige Auswahl an Fächern, sondern auch ein buntes Freizeitprogramm. Studieren mit Scheuklappen ist hier unmöglich.

Auf dem Jahrmarkt der Uni-Clubs bin ich vom Angebot völlig erschlagen. "Möchtest du schottische Tänze ausprobieren?" fragt mich eine Studentin und wedelt mit einem Faltblatt. Einige Stände weiter wirbt ein Engländer mit schwarzen Nasenringen für die Abende des Goth Clubs.

Lasst fliegen den Kilt, Jungs

Soll ich meditieren lernen, schottisch tanzen oder gar einen Heißluftballon fahren? Über 170 Clubs gehören zur Studentenvereinigung der Universität. Nachmittags sind die Würfel gefallen. Ich bin Mitglied der Zeitungsgruppe und schließe mich der Film- und Highland-Gesellschaft an.

Kilt: Trägt Mann sogar in der Disco
Carmen Eller

Kilt: Trägt Mann sogar in der Disco

Das Uni-Jahr in Schottland besteht aus drei "terms". Bei Fragen zu den Kursen hat jeder Student als Ansprechpartner einen "Director of Studies". Das Studium ist straff organisiert, Vorlesungen werden häufig durch Tutorien ergänzt. In meinen Kursen über schottische Literatur, Ethnologie und Filmgeschichte muss ich statt langer Hausarbeiten kurze Essays schreiben.

Erzähle ich von Deutschland, denken meine Kommilitonen beim Stichwort Bayern meist an drei Dinge zuerst: Bier, Berge und "black forest". Einmalig ist der schottische Patriotismus. Man witzelt gerne über die ungeliebten Engländer und erzählt stolz von der rauen Schönheit der Highlands und Islands. Ein wichtiges Symbol des Nationalgefühls ist der Kilt. Er gilt als ausgesprochen elegant und wird keineswegs nur für fotohungrige Touristen aus dem Schrank geholt. Manche jungen Männer lassen ihn sogar in der Disco fliegen.

Das Nachtleben Edinburghs genieße ich am liebsten in der urigen "Moo Bar". Der "scottish way of life" ist undenkbar ohne die Pub-Kultur. Nirgendwo kann man besser Englisch lernen als in diesen öffentlichen Wohnzimmern mit ihren ausgesessenen Sofas. Wer je versucht hat, einen alkoholisierten Schotten zu verstehen, weiß das.

Das Leben in Edinburgh hat auch meinen Alltag in Deutschland verändert: Ich habe heute Freunde aus aller Welt, trinke Kakao mit aufgelöstem Mäusespeck. Und bei Regen bekomme ich keine trübe Stimmung, sondern Fernweh.

Von Carmen Eller



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