Studium in Sibirien Sagaalganar! Sagaan haraar!

Buddhistische Gesänge, endlose Steppe, Holzhäuser mit blauen Fenstern - in Burjatien erlebte Andreas Stocker, 23, Russland einmal anders. Der DAAD-Stipendiat, der gerade im sibirischen Irkutsk studiert, beging den Jahreswechsel nach dem Mondkalender: ein seltsames Fest bei minus 35 Grad Kälte.


Freitag: Die Lamas und der Scheiterhaufen

Haus, spartanisch: So wohnt die burjatische Mittelklasse
Andreas Stocker

Haus, spartanisch: So wohnt die burjatische Mittelklasse

Um 6 Uhr morgens erreiche ich Ulan-Ude, wo mich schon mein burjatischer Bekannter Aldar erwartet. Die Begrüßung ist kurz und herzlich. Bei minus 20 Grad Celsius und eisigem Wind verliert man nicht viele Worte.

Im nahe gelegenen Studentenwohnheim merke ich gleich, dass ich noch immer in Russland bin: Trotz Reservierung weiß hier niemand was von meiner Ankunft, das Wohnheim ist voll belegt. Aldar - was so viel heißt wie "Ehre" - schlägt vor, in der Stadt bei seinem Cousin zu übernachten.

Kurz vor 10 Uhr holt uns Aldars Mutter ab. Sie hat Teigbällchen dabei, mit denen wir uns das Gesicht abtupfen. Der Teig soll das Schlechte aufnehmen, den Körper vom Bösen reinigen. Auf ein Stück Papier schreiben wir unsere Wünsche und umwickeln damit den Teig. Im Iwolginskij Dazan, dem größten buddhistischen Kloster Russlands, findet am Abend die Reinigungszeremonie statt. Wir umrunden im Uhrzeigersinn das Klostergelände und drehen die am Weg aufgestellten Gebetsmühlen, bis wir zum Iwolga Tempel gelangen.

Lenin, Wladimir Iljitsch: Andreas Stocker und ein Großkopferter
Andreas Stocker

Lenin, Wladimir Iljitsch: Andreas Stocker und ein Großkopferter

Im Inneren des Tempels erinnert wenig an die beschauliche Ruhe, die ich noch im Herbst bei meinem ersten Besuch hier erlebt habe. Eine riesige Menschenmasse wälzt sich und zugleich mich durch den Raum. Ich bin froh, wieder an der frischen Luft zu sein, aber nicht lange - es hat minus 35 Grad Celsius. Ohne Handschuhe, den Fotoapparat stets griffbereit, warte ich eine Stunde auf die Lamas.

Als sie endlich aus dem Tempel kommen, bemerke ich, dass die Spitze meines Daumens erfroren ist. Die Lamas begeben sich zum Scheiterhaufen, auf dem sich jetzt die Teigbällchen befinden. Das Feuer wird entfacht, die Menschenmenge strömt auseinander. Man begibt sich zum Auto, ohne noch einmal zurück zu blicken: Ein Blick in die Flammen bringt Unglück.

Samstag: Der tote Mönch und das Karma

Nationalspeise, burjatische: Lecker Teigbällchen
Andreas Stocker

Nationalspeise, burjatische: Lecker Teigbällchen

Am Vormittag des ersten Februartages bekommen wir bei Dugarow Tschimit-Dorshi, buddhistischer Arzt und Freund der Familie, einen Privattermin. Worunter ich leide, will der Emtschi-Lama wissen und fühlt meinen Puls. Über 300 verschiedene Arten davon gebe es, meint er. "Man kann daraus den Zustand des Körpers spüren." Nach ein paar Worten auf Tibetisch beginnt seine Schülerin, Heilpulver in kleine Tütchen abzupacken. Als Tee solle ich es trinken, meint sie, dann werde das mit dem Daumen schon wieder.

Der Arzt legt eine Videokassette ein: "Das Wissen vom Heilen", ein Dokumentarfilm über tibetische Medizin vom Schweizer Franz Reichle, in dem auch der Emtschi-Lama mehrmals zu Wort kommt. Er zeigt mir Fotos ersten weltweiten Kongress für Tibetische Medizin in Chicago teilnahm 1998: Wie er hinter dem Rednerpult steht, Urkunden überreicht bekommt, mit dem Dalai Lama plaudert. Zu dem hat er engen Kontakt, schließlich war Dugarow von 1975 bis 1990 leitender Abt im Iwolginskij Dazan, neben Tibet das wichtigste Zentrum des lamaistischen Buddhismus.

Das Kloster ist auch unsere nächste Station, denn dort wird heute der Leichnam eines Mönches ausgestellt, der seine Schüler beauftragt hatte, ihn 75 Jahre nach seinem Tod auszugraben. Sein Leichnam ist einwandfrei erhalten und sitzt in seiner tiefroten Gebetskleidung mit orangefarbenem Tuch in einem Glaskasten. Lenin im Moskauer Mausoleum sieht bedeutend schlechter aus, trotz aller aufwendigen Maßnahmen zu seiner Erhaltung. Es liegt halt doch am Karma.

In seiner kleinen Holzhütte treffen wir Aldars Cousin Bair Dondukow. Er unterbricht sein Gebet und empfängt uns freundlich. Er strahlt eine unglaubliche Ruhe aus. Bair studiert seit drei Jahren im Kloster. Wir unterhalten uns über das Studium und die Schwierigkeiten des Buddhismus in Russland. "Aufgrund der Annäherung Chinas und Russlands ist die gegenwärtige Situation schwierig", meint er. Der Dalai Lama, zuletzt 1991 hier, bekommt schon seit einiger Zeit kein Visum mehr. Man wolle schließlich das mit Tibet verfeindete China nicht verärgern, so Bair.

Sonntag, Neujahr: Irgendwo im Nirgendwo

Als ich um 5 Uhr aufstehe, betet Aldar schon vor dem Hausaltar. Noch vor den ersten Sonnenstrahlen des neuen Jahres wollen wir auf der Straße den Gott Paldan Lchamo treffen. Er fliege in diesen Stunden über die Häuser und bringe jenen ein gutes neues Jahr, die frühmorgens aufgestanden seien, erklärt Aldar. Die Schlafenden halte der Gott für tot. Damit uns der Gott nicht übersieht, machen wir Feuer aus dem überall herumliegenden Müll. Aldar opfert Tee mit Milch und spricht ein Gebet.

Familie, farbenprächtige: Feier mit Familienanschluss
Andreas Stocker

Familie, farbenprächtige: Feier mit Familienanschluss

Nach einstündiger Busfahrt marschieren wir noch eine halbe Stunde durch die schneebedeckte Steppe. Aldar wohnt abgelegen. Von weitem sehen wir das neu erbaute Haus mit seinen typisch burjatischen blauen Fensterläden. Die Familie ist in farbenprächtige Nationaltrachten gekleidet: Aldars Vater Badma-Dorshi Dabäwitsch (Badma bedeutet so viel wie Lotusblume), seine Mutter Saran-Gerel Gutabbalowna (Saran steht für Mondlicht) und sein zwölfjähriger Bruder Schoi-Shamso Badmajewitsch (Schoi-Shamso heißt Meer der Bücher).

Zuerst gehen Aldar und ich zum Altar und drehen an der Gebetsmühle. Während Aldar betet, schaue ich mich um. Das Haus ist an einem Abhang gelegen und bietet einen atemberaubenden Blick über die endlose Weite der Steppe. Neben der Küche, die sich im Hauseingang befindet, besteht es nur noch aus einem großen Zimmer - zugleich Schlafzimmer für Kinder und Eltern, Wohnzimmer, Studierzimmer sowie Gebetsraum.

Telefon und fließendes Wasser gibt es hier nicht; einmal in der Woche bringt ein Lastwagen frisches Wasser. Ein kleines weißes Häuschen im Garten stellt sich als Toilette heraus. Ofen und Herd werden mit Holz beheizt, Birke natürlich. Die Familie gehört zur neu entstandenen Mittelklasse. Der Vater ist Zahnarzt, die Mutter arbeitet nicht - ein Zeichen des Wohlstandes.

Erst nach dem Gebet erfolgt die Begrüßung. Ich lege meine Arme unter die ausgestreckten Arme der Gastgeber als Zeichen meiner Wertschätzung den Ältern gegenüber und spreche die Worte: "Sagaalganar! Sagaan haraar!" Das bedeutet "Alles Gute zum Neujahr, zum weißen Monat." Wir setzen uns um den mit landestypischen Speisen beladenen Tisch, Wodka wird gereicht. Der Reihe nach erheben sich die Männer, Trinksprüche folgen: auf das Neujahrsfest, die Gesundheit, die Liebe und die Frauen. Dann wird gemeinsam die burjatische Nationalspeise Posi zubereitet, kleine Teigbällchen, mit Rindfleisch gefüllt.

Auf dem Heimweg begleitet mich die ganze Familie. Sie singen burjatische Volkslieder. Die Sonne steht schon tief am Himmel, taucht die schneebedeckte Steppe in glühendes Rot. In der Ferne vereinzelt kleine Holzhäuser mit rauchenden Kaminen. Ich blicke ein letztes Mal über die endlose Weite der Steppe, bevor ich in den engen Kleinbus einsteige. Und dabei wird mir eines klar: Mit Burjatien habe ich noch lange nicht fertig.

Von Andreas Stocker



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