Fotostrecke

Studieren in Singapur: Niemals stehenbleiben

Foto: Mark Sauer

Studium in Singapur Fast wie Deutschland, nur schneller

Spießerhauptstadt Singapur? Bei seinem Auslandssemester im südostasiatischen Stadtstaat lernte Pascal Geschwill, dass seine Mitstudenten ganz schön unter Druck stehen. Beim abendlichen Partyspaß aber nehmen sie es mit den berüchtigten Verboten nicht immer so genau. 

"Bist du schon 21? Wenn ja, dann kannst du ja ins Casino gehen." Den Tip, den mein Betreuer an der Nanyang Technological University in Singapur zur Begrüßung für mich parat hat, kommt mir erst mal merkwürdig vor. Er erklärt mir, dass er selbst als Einwohner Singapurs im Gegensatz zu mir knapp 60 Euro Eintritt zahlen müsse, um sein hart verdientes Geld auf den Kopf hauen zu können. Mein Auslandsbafög ist zwar nicht hart verdient, aber knapp bemessen. "Ja, mal sehen", antworte ich deshalb zögerlich.

Mein Fach heißt hier Biomedical Engineering und ist dem Bachelor-Studium in Applied Life Sciences an der FH Kaiserslautern ähnlich. Der Campus der Uni am westlichen Stadtrand von Singapur gleicht im Prinzip einer deutschen Kleinstadt.

Das liegt nicht nur daran, dass dort mehr als 30.000 Studenten eingeschrieben sind, sondern, dass es dort auch alles gibt, was man braucht: Supermärkte, Restaurants und ein riesiges Sportzentrum mit Schwimmbad und Fußballfeld. Auf den Badminton-Feldern spielen sie hier allerdings Sepak Takraw, einer Art Volleyball mit dem Fuß. Gestohlen wird auf dem Campus ganz sicher nichts, dafür sorgt der Sicherheitsdienst. Es fehlen eigentlich nur noch die Dönerbude um die Ecke oder ein schöner Biergarten, der zum Abkühlen in der feuchten Hitze einlädt, um sich wie in Deutschland zu fühlen.

In der Stadt merke ich dann schon, dass ich nicht daheim bin. Chinesen, Inder, Malayen und Europäer strömen durch die Straßen. Und die Alltagssprache Singlish eine vereinfachte Form von Englisch, ist allgegenwärtig. Auf korrekte Grammatik oder Höflichkeitsfloskeln wird dabei konsequent verzichtet.

Tagsüber experimentieren, nachts lesen

Beim Mittagessen in einem der Hawker Centres, den großen Esshallen mit ihren vielen Garküchen und Fastfood-Ständen, wird das besonders deutlich. "What you wan, lah?", nuschelt mir eine Chinesin von einem Stand zu und wirkt schon ein wenig genervt, als ich mehr als zwei Sekunden darüber nachdenke, was ich essen will. Ich zeige auf ein Schild mit einer Schüssel Nudeln, woraufhin sie fragt: "Heaven ear or tay awey?" Erst nach mehrmaligem Nachfragen begreife ich, dass sie wissen will, ob ich mein Essen mitnehme.

In Singapur muss alles schnell gehen. Oder am besten noch schneller. Essen, trinken, schlafen, lernen, trainieren. Nur keine Zeit verlieren. Auch spät abends kann man auf dem Campus immer noch ein paar Ehrgeizlinge hinter ihren Laptops kauern sehen, tagsüber machen sie dann ein Nickerchen auf einer der Bänke. Die Mentalität, sich ständig zu Höchstleistungen zu zwingen, um nicht unterzugehen, hat hier sogar ein eigenes Wort: Kiasu. Ein umgangssprachliches chinesisches Lehnwort, das wörtlich übersetzt "Angst vor dem Verlieren" bedeutet.

"Ein Wissenschaftler muss tagsüber experimentieren und nachts lesen", das ist eine der Lieblingslosungen eines Laborkollegen, der gerade seine Doktorarbeit abgegeben hat und nun nach einem anständigen Job sucht. Um sich in Singapur durchsetzen zu können, braucht man offenbar sehr viel mehr Hartnäckigkeit, Ausdauer und Ehrgeiz als in Deutschland. Die Konkurrenz ist gewaltig und wer nicht ständig auf sich aufmerksam macht, verpasst den Sprung auf die Karriereleiter. "Eigentlich will ich nicht für 2200 Singapur-Dollar (ca. 1200 Euro) arbeiten gehen, aber nur mit dem Doktortitel es wird schwer, viel mehr zu bekommen", erzählt mir eine andere Laborkollegin von ihrer Jobsuche. Während einheimische Akademiker es hier schwer haben, werden Europäer mit Hochschulabschluss hier wie Könige behandelt.

Knutschen, würgen, Schlägereien

Obwohl sehr viele Studenten unter dem Kiasu leiden, blicke ich komischerweise beim Gang über den Campus fast nur in fröhliche Gesichter. Eines der vielen Rätsel, das mir der kleine Inselstaat aufgibt.

Die strengen Gesetze und das harte Durchgreifen der Behörden des Stadtstaats sind legendär. Nicht umsonst gibt es den Spruch "Singapore is a fine city" - wobei fine sowohl mit "fein" als auch mit "Geldbuße" übersetzt werden kann. Doch das ist völliger Quatsch, wie ich schon nach wenigen Tagen feststelle, als ich einen vollen Aschenbecher direkt unterhalb eines Nichtraucherzonenschilds stehen sehe. Für das Rauchen einer Zigarette wären dort eigentlich 1000 Singapur-Dollar (rund 570 Euro) fällig.

Drei Grundsätze sollte man aber in jedem Fall beachten, wenn man in Singapur überleben will:

  • die Umwelt nicht verschmutzen;
  • niemanden allzu lange von der Arbeit abhalten - auch wer freundlich lächelt, ist stets sehr beschäftigt und in Eile;
  • und am allerwichtigsten in proppenvollen Straßen oder Einkaufszentren: niemals stehenbleiben.

Nachts auf dem Clarke Quay, der größten und schicksten Bar- und Clubmeile des Landes im Hafen, hat man ebenfalls nicht gerade den Eindruck, dass die Singapurer es mit den Vorschriften allzu genau nehmen. Gerade habe ich für umgerechnet 5,70 Euro ein mickriges "Tiger"-Bier erstanden, da wird auf den Sitzen einer Bar auch schon heftig geknutscht und vor dem Club gegenüber fängt eine Schlägerei an.

Beides ist in der Öffentlichkeit eigentlich tabu. Dann entblößt sich neben mir ohne Vorwarnung auch noch eine junge Frau und macht obszöne Gesten in Richtung der ihr entgegengestreckten Smartphones. Wird man von einer hübschen Dame angesprochen, sollte man hier ein wenig aufpassen. Nicht unwahrscheinlich, dass es entweder eine Prostituierte, ein Mann, oder beides ist.

Gegen Morgen auf dem Heimweg hört man dann des Öfteren ein gequältes Würgen von Singapurern, die es mit dem Feiern etwas übertrieben haben. Natürlich ein klarer Verstoß gegen Grundsatz Nummer eins.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.