Studium in Thailand Kein Toast auf den König

Sein Auslandssemester führte direkt ins politische Chaos: Marian Schäfer studiert sechs Monate in Bangkok. In Seminaren gehen sich Königstreue und Regierungsanhänger fast an die Gurgel. Der Politikstudent erlebt eine Gesellschaft, durch die ein tiefer Riss geht.


Ein paar Apartments neben mir wohnt Mr. David. Eigentlich ist er Londoner durch und durch. Aber seitdem in Großbritannien die Wirtschaft den Bach runtergeht, wie er sagt, lebt der 43-Jährige lieber in Bangkok. In seiner Heimat fertigte er luxuriöse Wohnwagen. Aber wenn es keinen mehr gebe, der sich das leisten könne, werde auch die Arbeitskraft überflüssig.

Jetzt arbeitet Mr. David wie viele andere Europäer als Englischlehrer in einer privaten Schule in Thailand - und wenn er frei hat, gibt es Bier zum Frühstück. Er trinkt viel.

Mr. David hat nie studiert, keine pädagogische Ausbildung und sagt selber, dass er seinen Schülern nicht einmal wirklich erklären kann, was ein Verb ist. Aber darum geht es auch nicht. "Ich bin da, weil die Eltern sehen sollen, dass es europäische Lehrer gibt", sagt Mr. David. Außerdem garantiert er auch gute Noten für wenig Leistung. Und Bestnoten, wenn noch etwas zusätzliches Geld an die Schulleitung fließt.

Das "Mr.-David-Prinzip": Solange gezahlt wird, ist alles gut

Mr. David muss nur dasitzen, rauchen und Kaffee trinken. Er verdient das Doppelte seiner thailändischen Kollegen - für mehr Schein als Sein.

Thailand-Karte
DER SPIEGEL

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Für sechs Monate studiere ich nun am Institute of International Studies der Ramkhamhaeng Universität in Bangkok, die mit über 500.000 Studenten zu den größten Unis weltweit zählt. Der Standard ist geringer als in Deutschland. Dennoch ist das Institut auf dem großen Campus so etwas wie eine Insel des Anspruchs, auch dank der rund 100 internationalen Dozenten und der vielen Ausländer unter den 1500 Studenten. Ein deutscher Dozent erzählte, dass Ramkhamhaeng-Studenten nur ein paar Gebäude weiter Kurse bestehen, die gar nicht stattfinden.

Ich nenne es das "Mr.-David-Prinzip": Solange gezahlt wird, ist alles gut. Aber auch bei uns am Institut treffe ich allzu oft auf viel Naivität, eine Mischung aus fehlender Bildung (vielleicht eine Folge des "Mr.-David-Prinzips") und aus fehlender Übung im kritischen Nachdenken. Es wird nur selten hinterfragt oder gar kritisiert.

Alle lieben den König - aber warum?

Das zeigt sich auch in der Verehrung des Monarchen Bhumibol Adulyadej: Alle lieben den König - aber warum eigentlich? Auf diese Frage habe ich von Studenten noch nie wirklich eine Antwort bekommen.

Das Land des Lächelns ist zugleich ein Land des Zwiespalts und Bangkok der Inbegriff des Widerspruchs: Hier trifft die Moderne auch in Form brutaler Kommerzialisierung auf alte Tradition. Superreiche treffen auf auf Bettelarme, Gebildete auf Ungebildete, harte Gesetze auf haarsträubende Verordnungen.

In Autos zum Beispiel herrscht Gurtpflicht - aber nur auf den vorderen Sitzen. Und die Helmpflicht ist viel mehr ein Ein-Helm-pro-Motorrad-Gesetz, ganz egal, wie viele Menschen mitfahren.

Bangkok, die Stadt der Engel, spiegelt die Probleme des ganzen Landes wider: Nicht zuletzt aufgrund der starken Gegensätze steht Thailand momentan politisch gesehen am Abgrund, während sich Regierung und Opposition vor allem in Propaganda üben.

Alkoholverbot am Geburtstag des Königs

Die königstreue Oppositionspartei People Alliance for Democracy (PAD), also ausgerechnet die Allianz für Demokratie, würde die Demokratie am liebsten abschaffen. Und die People Power Party (PPP) möchte Thailand mit den Stimmen der Armen regieren. Das Verfassungsgericht stellte zumindest "Unregelmäßigkeiten" fest. Die PPP wird aufgelöst, dürfte unter anderem Namen und kleineren personellen Umbesetzungen aber wohl wieder an die Macht kommen.

Wo Kritik und Hinterfragen verpönt sind, fehlt es an Streitkultur samt Kompromissbereitschaft. Die Folgen kann man seit einigen Wochen auf den Straßen des Regierungsbezirks besichtigen. Auch in den Seminarräumen meines Instituts: Kürzlich stritten sich thailändische Studenten über die Rolle von PAD und PPP - und gingen einander beinahe an die Gurgel. Die Dozentin, eine Österreicherin, konnte das gerade noch verhindern.

Aber, haben mir einige Thais versichert, bald ist wieder alles gut. Schließlich hat am Freitag dieser Woche der König Geburtstag, dann werden die blutigen Demonstrationsbilder der Zeitungen von bunten Paradebildern abgelöst. Thailand aber wird so widersprüchlich bleiben wie bisher und wenig anders sein als zuvor. Außer dass Mr. David einmal einen Tag lang trocken bleibt. Alkohol ist nämlich verboten, wenn der König Geburtstag hat. Warum eigentlich?



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