Ansturm auf die Hochschulen Vier von fünf Abiturienten wollen studieren

Mehr Abiturienten, mehr Studenten: Wer die Schule abgeschlossen hat, will an eine Hochschule - die Zahl der Erstsemester und Studierwilligen ist so hoch wie nie. Frauen entscheiden sich häufiger für eine Ausbildung als Männer.
Schüler mit Zeugnissen: Die große Mehrheit will gleich nach der Schule an die Uni

Schüler mit Zeugnissen: Die große Mehrheit will gleich nach der Schule an die Uni

Foto: A3462 Thomas Frey/ dpa

Aus dem Klassenzimmer direkt in den Hörsaal - für die meisten Abiturienten ist dieser Weg der attraktivste. 52 Prozent des Schulabschlussjahrgangs 2012 - und damit so viele wie noch nie - nahmen direkt nach dem Abitur ein Studium auf. 22 Prozent haben ein Studium sicher geplant, weitere sechs Prozent haben "wahrscheinlich" oder "alternativ" den Plan zu studieren. Damit ist für die große Mehrheit der deutschen Abiturienten ein Studium die erste Wahl zur beruflichen Ausbildung.

Damit liegt die sogenannte Brutto-Studierquote, also der Anteil eines Schulabschlussjahrgangs, der ein Studium mit hoher Wahrscheinlichkeit aufnimmt, abgerundet bei 73 Prozent. Berücksichtigt man noch diejenigen, die ein Studium in Erwägung ziehen, erhöht sich die Quote auf 80 Prozent. Dies zeigen Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW); für die Studie wurden mehr als 11.500 Schülerinnen und Schüler ein halbes Jahr vor und ein halbes Jahr nach dem Abitur befragt. (Lesen Sie hier die Studie als pdf .)

Seit mittlerweile zehn Jahren ist dieser Wert auf einem ähnlich hohen Niveau, mindestens drei Viertel der Abiturienten ziehen also eine akademische der beruflichen Ausbildung vor. "Von einem Studium versprechen sie sich in stärkerem Maße als von einer Berufsausbildung gute Berufsaussichten und ein hohes Einkommen", erklärt Projektleiterin Heidrun Schneider die Gründe für anhaltend hohe Studierwilligkeit.

Studienberechtigte ein halbes Jahr nach Schulabschluss: Die Studierquote im Zeitverlauf

Studienberechtigte ein halbes Jahr nach Schulabschluss: Die Studierquote im Zeitverlauf

Foto: DZHW

Für eine Berufsausbildung entscheidet sich dagegen nur ein Fünftel der Schulabsolventen: 19 Prozent hatten ein halbes Jahr nach dem Abitur bereits eine Ausbildung begonnen. Wer sich für eine Ausbildung entscheidet, tut dies laut Mitautorin Barbara Franke vor allem aus "Leistungsgesichtspunkten", also wegen mittelmäßiger bis schlechter Noten, aus dem "Wunsch nach baldiger finanzieller Unabhängigkeit" und der "Tatsache, dass das eigene Berufsziel kein Studium erfordert".

Mehr Frauen als Männer machen eine Ausbildung

Dabei entscheiden sich Frauen häufiger als Männer für eine Berufsausbildung. Mehr als jede vierte (27 Prozent) weibliche Studienberechtigte hat ein halbes Jahr nach dem Schulabschluss eine Ausbildung aufgenommen oder plant das. Von den Männern ist es nur rund jeder Fünfte (20 Prozent).

Kinder von Akademikern wählen deutlich seltener eine Ausbildung als der Nachwuchs von Nicht-Akademikern. So streben 29 Prozent der Studienberechtigten ohne akademischen Hintergrund eine Ausbildung an - von denen mit studierten Eltern ist es weniger als jeder Fünfte (18 Prozent).

Die knapp 30 Prozent der Absolventen, die ein halbes Jahr nach dem Abi noch keinen Studien- oder Ausbildungsplatz hatten, befanden sich laut der Umfrage in einer "Übergangsphase" und hatten sich zunächst für ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr, Jobs oder Praktika, einen Auslandsaufenthalt oder einen Bundesfreiwilligendienst entschieden. Ein Fünftel der Studienberechtigten gaben an, die Zeit zu überbrücken, weil sie wegen Zulassungsbeschränkungen auf einen Studienplatz in ihrem Wunschfach warten müssen.

Ihren akademischen Bildungsweg wollen viele auch nach dem Erststudium fortsetzen. 46 Prozent von denen, die sich für ein Bachelorstudium entschieden haben oder dies fest einplanen, haben den Master als weiterführendes Studium im Blick.

Derzeit studieren rund 2,5 Millionen Menschen in Deutschland, gut eine halbe Million nahmen im vergangenen Jahr ein Studium auf. Und das wird erst einmal so weitergehen: Bis zum Jahr 2019 rechnen die Kultusminister weiter mit rund 500.000 neuen Studenten jährlich. Erst danach sei ein allmählicher Rückgang auf 465.000 Studienanfänger im Jahr 2025 zu erwarten, teilten sie Anfang Mai in einer Prognose mit.

Forscher des privaten Berliner Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (Fibs) gehen sogar davon aus, dass bis zum Jahr 2025 die Zahl der Studienanfänger um ein Fünftel auf 406.500 sinkt (Aufsatz als PDF ) und korrigierten damit die Schätzung der Kultusministerkonferenz (KMK)deutlich nach unten.

Neben der hohen Studierwilligkeit gibt es auch weitere Gründe für die hohen Studentenzahlen: So hatte die Einführung des verkürzten Abiturs auf acht Jahre (G8) zur Folge, dass zuletzt in einigen Bundesländern zwei Jahrgänge auf einmal ihr Abitur geschrieben haben. Mehr als 370.000 Schüler haben im vergangenen Jahr ihr Abitur bestanden - so viele wie noch nie. Dementsprechend strömten deutlich mehr junge Menschen an die Uni. Auch die Aussetzung der Wehrpflicht hat dazu geführt, dass mehr Abiturienten ein Studium aufgenommen haben.

lgr/dpa