Studium, sponsored by Papa Die Wohlstandskinder

Hartz IV? Von wegen: Taschengeld I. Ohne Unterstützung der Eltern könnten viele Studenten und junge Berufstätige heute kaum große Sprünge machen. Hatten es Vater und Mutter besser? Schon, aber die Nachwuchsakademiker von heute profitieren auch von ihrer Arbeit.

Von Tonio Postel


Ferdinand (*Namen von der Redaktion geändert) ist 29, er hat gerade seine Magisterarbeit in Politikwissenschaften abgeschlossen. Thema: Palästinensische Nicht-Regierungs- Organisationen (NGO). Ohne die 780 Euro seiner Eltern hätte er nach den Vorlesungen kellnern müssen. Morten, 27-jähriger Jura-Student, legt gerade ein Auslandssemester in Paris ein. Und damit er in der Stadt der Liebe auch mal den ein oder anderen Gin Tonic am Fuße des Eiffelturms schlürfen kann, schickt ihm der Vater 800 Euro monatlich. Thomas ist 28 Jahre alt und besucht eine Journalistenschule, an der er für seine eineinhalbjährige Ausbildung Geld vom Verlag bekommt. Das beschert ihm ein zartes Emanzipations-Erlebnis vom Sponsoring der Eltern - sie stecken ihm jetzt nur noch 200 Euro monatlich zu.

Kellnern: Für die Eltern noch an der Tagesordnung
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Kellnern: Für die Eltern noch an der Tagesordnung

Mit dem Auszug aus dem Elternhaus glaubten wir, endlich in der Selbständigkeit angekommen zu sein, endlich und endgültig zu den Erwachsenen zu zählen. Pustekuchen. Spätestens der monatliche Blick auf den Kontoauszug lässt uns unsanft in der Realität aufschlagen: Ohne das Geld der Eltern sähen wir ganz schön alt aus. Dabei würde man den geliebten Erzeugern gerne nicht mehr nur physisch auf Augenhöhe begegnen.

Ist es eine Charakterfrage, ob man mit Mitte 20 noch das Geld der Eltern verprasst? Hätten wir die hinausgezogene Jugend mit dem unausstehlichen Gefühl, immer noch ein Riesenbaby zu sein, verhindern können? Weniger zimperlich sein und die Ärmel aufkrempeln, richtig anpacken eben? Sicher, irgendwie würde man auch ohne Unterstützung über die Runden kommen und sich dabei wohler fühlen. Nur würde man dann auch schnell hochqualifiziert auf dem ersten Arbeitsmarkt landen, um überhaupt die Chancen für eine Anstellung zu wahren? Wohl kaum.

Am Rockzipfel der Eltern

Es heißt, die Generation der heute 20- bis 30-Jährigen sei diejenige, die am längsten vom Geld ihrer Eltern abhängen werde. Das jedenfalls behauptete kürzlich ein Leitartikler der Süddeutschen Zeitung. Schuld seien wieder mal die Politiker. Neben fehlenden Arbeitsplätzen würden sie nicht genügend Anreize schaffen, damit die jungen Erwachsenen ihr Leben in eigener Regie in Angriff nehmen. In Frankreich oder Finnland bekämen jene, die das Elternhaus verlassen, mehr Geld vom Staat als die, die zu Hause wohnen bleiben, argumentiert der Kommentator.

Laut der 17. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks erhielten 2003 fast 90 Prozent der "Normalstudenten", also ledige und nicht im Elternhaus lebende Studenten, in Deutschland durchschnittlich 435 Euro von Mama und Papa. Zwölf Prozent leben ausschließlich vom Geld der Eltern, elf Prozent kommen ganz ohne Unterstützung aus dem Elternhaus aus. Als angemessener Unterhalt für selbständige Studenten sind 600 Euro im Monat vorgesehen, die aber nur von 22 Prozent in Anspruch genommen werden.

Zum Vergleich: Im Wintersemester 1967/68 erhielten, laut der Erhebung "Das soziale Bild der Studentenschaft in der Bundesrepublik", ebenfalls herausgegeben vom Deutschen Studentenwerk, 41,4 Prozent der Männer und 31,1 Prozent der Frauen "weniger als 100 Mark" im Monat. 22,7 Prozent der Männer und 26,9 Prozent der Frauen bezogen "mehr als 300 Mark" monatlich. Immerhin 27,2 Prozent der Studenten kamen 1967 ohne Geld aus dem Elternhaus aus.

Jobben war früher an der Tagesordnung

Laut den Berechnungen der Deutschen Bundesbank über die Geldwertentwicklung, sind 300 D-Mark von 1967 mit einem heutigen Wert von rund 470 Euro gleichzusetzen. Die meisten Studenten von damals (41,4 Prozent der Männer und 31,1 Prozent der Frauen) würden heute also nur 156 Euro monatlich von den Eltern in Anspruch nehmen.

Meine Mutter, Jahrgang 1948, war bereits mit 22 - nach der Journalistenschule, ohne Studium - Redakteurin einer überregionalen Tageszeitung, also finanziell unabhängig. Drei Jahre später wurde sie Mutter, sieben Jahre darauf wuselten schon zwei Jungs um sie herum. Sie war verheiratet und stand auf ihren eigenen Füßen.

Damals, wird man heute sagen, war ja auch noch alles anders: Dank den Auswirkungen des Wirtschaftswunders gab es Arbeit für alle, besonders die gut ausgebildeten Arbeitssuchenden konnten sich häufig zwischen mehreren Job-Angeboten entscheiden. "Meine Mutter hätte nach ihrem Wirtschaftsstudium überall anfangen können", sagt Ferdinand, der Politikstudent.

Auf der anderen Seite gilt: Arbeiten neben dem Studium war für die damaligen Studenten offensichtlich selbstverständlicher als heute. Sind wir also fauler und verwöhnter als früher? "Wir sind eben Wohlstandskinder und profitieren von der harten Arbeit, die unsere Eltern geleistet haben", sagt Ferdinand. Vielleicht ist es wirklich so einfach.



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