Attestaffäre in Stuttgart Studenten wollten sich vor Klausur drücken - Staatsanwaltschaft ermittelt

Sie sollen fingierte Krankschreibungen genutzt haben, um einer Klausur zu entgehen. Rund hundert Studenten sind deshalb ins Visier der Staatsanwaltschaft geraten - ebenso wie ein Arzt, der "Doc Holiday" genannt wird.

An der Universität Hohenheim wird wegen gefälschter Atteste gegen Dutzende Studenten ermittelt.
Marijan Murat/ DPA

An der Universität Hohenheim wird wegen gefälschter Atteste gegen Dutzende Studenten ermittelt.


Knapp ein Jahr nach massenhaften Krankmeldungen vor einer Prüfung an der Stuttgarter Universität Hohenheim ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen rund hundert Studenten. Das teilte ein Sprecher der Behörde am Mittwoch mit. Die Studenten stehen demnach im Verdacht, zu Unrecht ausgestellte Atteste benutzt zu haben.

Ihnen droht demnach eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr. Die Universität war stutzig geworden, als bei einer Klausur im Mai vergangenen Jahres Dutzende Studenten eine einstündige Prüfung abgebrochen und anschließend ähnliche Krankschreibungen vorgelegt hatten. Darin wurden ihnen meist "Kopfschmerzen in Kombination mit Sehstörungen oder Übelkeit und Erbrechen" attestiert.

Der Mediziner, der die Atteste ausgestellt hatte, ist in Hochschulkreisen offenbar als "Doc Holiday" bekannt. Gegen ihn laufen seit dem vergangenen Juli Ermittlungen. Laut Staatsanwaltschaft besteht der Verdacht, dass der Mann bis zu 145 falsche Gesundheitszeugnisse ausgestellt haben könnte. Die Zahl sei deshalb so hoch, weil einige Studenten mehrere Atteste von dem Mediziner bekommen hätten.

Die Behörde prüft den Angaben zufolge auch, ob der Arzt womöglich Geld für die Krankschreibungen erhalten hat. Ihm drohe eine Geldstrafe oder eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren.

Die Universität hatte zwischenzeitlich bereits Konsequenzen aus dem Fall gezogen und 33 der 37 fristgerecht eingereichten Prüfungsrücktritte nicht anerkannt. Für drei der betroffenen Studenten war damit das Aus ihres Studiums verbunden. Sie wurden aus dem Studiengang exmatrikuliert, weil es für sie der dritte und letzte Versuch war.

fek/dpa



insgesamt 29 Beiträge
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rhywden 06.06.2019
1.
Tja, da müssen wohl größere Stückzahlen an Land, bevor da mal die Staatsanwaltschaft tätig wird. Bei uns haben drei Schüler Arztatteste gefälscht. War der Polizei und der Staatsanwaltschaft sowas von egal...
Hans-Dampf 06.06.2019
2.
Im Artikel wird einerseits von Krankmeldungen (was im Sprachgebrauch die sogenannte Arbeitsunfähigkeisbescheinigung AU oder auch "gelber Schein" ist) und andererseits von Attesten (die inhaltlich weit über eine AU hinausgehen) geschrieben. Was denn nun? Stellte der Arzt Atteste aus (die i. d. R. Geld kosten) oder Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen?
carl.greuber 06.06.2019
3. Was daran soll denn justiziabel sein?
Der Fall beschäftigt mich beruflich als Vorsitzender des Prüfungsausschusses eines Massenstudienganges und ich frage mich ernsthaft, was daran die Justiz interessiert? Die beschriebenen Symptome rechtfertigen durchaus für jede Einzelperson einen Abbruch der Prüfung. Mit anschließender, sofortiger Attestierung durch einen Arzt sollte den Regularien der Universität genüge getan sein. Ich hoffe, die exmatrikulierten Studenten wehren sich rechtlich. Ich bin sicher, sie werden Recht bekommen. Ebenso wie der Arzt. Nicht alles, was sich ungerecht, nicht fair und nicht gehörig anfühlt, ist auch nicht legal. Die beschriebenen Symptome sind rein subjektiv. Weder ein Arzt noch ein Staatsanwalt hat die Möglichkeit hier zu prüfen, ob der Student lügt/gelogen hat! Was hätte der Arzt denn machen sollen? Dem zehnten Studenten sagen, nein DIR glaube ich nicht, weil neun andere schon dasselbe erzählt haben? Ist das Gleichbehandlung? Ist das eine individuelle Prüfung des Gesundheitszustandes? Dasselbe passiert täglich zigtausende Male für die Krankheitsmeldungen für den Arbeitgeber. Hier wird mal wieder nur heiße Luft produziert - von SPON und der Staatsawaltschaft. Schafft ein anderes Prüfungsrecht (wobei ich für dieses Problem auch keine Lösung aus dem Hut zaubern kann), dann könnte sich was ändern. Aber einen potenziell Unschuldigen bestrafen - wer weiss denn sicher, bei wem die Symptome nicht tatsächlich vorgelegen haben -, nur um die Volksseele zu befriediegen, das erschüttert mich.
metastabil 06.06.2019
4.
Zitat von carl.greuberDer Fall beschäftigt mich beruflich als Vorsitzender des Prüfungsausschusses eines Massenstudienganges und ich frage mich ernsthaft, was daran die Justiz interessiert? Die beschriebenen Symptome rechtfertigen durchaus für jede Einzelperson einen Abbruch der Prüfung. Mit anschließender, sofortiger Attestierung durch einen Arzt sollte den Regularien der Universität genüge getan sein. Ich hoffe, die exmatrikulierten Studenten wehren sich rechtlich. Ich bin sicher, sie werden Recht bekommen. Ebenso wie der Arzt. Nicht alles, was sich ungerecht, nicht fair und nicht gehörig anfühlt, ist auch nicht legal. Die beschriebenen Symptome sind rein subjektiv. Weder ein Arzt noch ein Staatsanwalt hat die Möglichkeit hier zu prüfen, ob der Student lügt/gelogen hat! Was hätte der Arzt denn machen sollen? Dem zehnten Studenten sagen, nein DIR glaube ich nicht, weil neun andere schon dasselbe erzählt haben? Ist das Gleichbehandlung? Ist das eine individuelle Prüfung des Gesundheitszustandes? Dasselbe passiert täglich zigtausende Male für die Krankheitsmeldungen für den Arbeitgeber. Hier wird mal wieder nur heiße Luft produziert - von SPON und der Staatsawaltschaft. Schafft ein anderes Prüfungsrecht (wobei ich für dieses Problem auch keine Lösung aus dem Hut zaubern kann), dann könnte sich was ändern. Aber einen potenziell Unschuldigen bestrafen - wer weiss denn sicher, bei wem die Symptome nicht tatsächlich vorgelegen haben -, nur um die Volksseele zu befriediegen, das erschüttert mich.
Der Herr Vorsitzende des Prüfungsausschusses möge sich nun mal folgendes Szenario vorstellen: die Abschlussprüfung ihres Studienganges beginnt. Die Prüflinge werden über den Prüfungsablauf informiert, und eventuelle Fragen zum Ablauf geklärt. Die Aufgabenblätter werden ausgeteilt und aufgedeckt, und die Prüfung beginnt. Nun stehen nach und nach ein Viertel der Prüflinge auf, um wegen plötzlichem Unwohlsein die Prüfung abzubrechen. Die Prüfungsaufsicht nimmt dies zur Kenntnis. Am nächsten Tag sitzen sie nun mit ihren Kollegen des Prüfungsausschusses zusammen, und haben einen Haufen Atteste vor sich liegen. Alle sind von demselben Arzt. Alle nennen einen von zwei Gründen: "Kopfschmerzen und Sehstörungen" oder "Erbrechen und Übelkeit". Wie sie schon richtig erkannten, bis auf das Erbrechen handelt es sich um recht subjektive Symptome, die ein Arzt schlecht nachprüfen kann. Normalerweise beträgt der Anteil an Prüfungsabbrüchen in ihrem Studiengang 1-2%. Dieses Mal sind es aber 25%. Wenn ihnen an dieser Stelle nicht irgendetwas merkwürdig vorkommt, sind sie recht naiv. Natürlich kann es hier auch mit rechten Dingen zugegangen sein, und das Zusammentreffen aller obigen Punkte war nur ein Zufall, wenn auch sehr unwahrscheinlich. Aber um sich darüber sicher zu sein zu können, dafür braucht es schon weitergehende Nachforschungen. Die hat die Universität Hohenheim auch betrieben, und erst nach diesen hat sie sich entschieden, einen großen Teil der Prüfungsrücktritte nicht anzuerkennen.
spon-1287218867247 06.06.2019
5. Reine Willkür
@ 3. Gebe ich ihnen völlig recht. Evtl. kann die Vergabe von Krankmeldungen bei diesem Arzt insgesamt mal untersucht werden, wenn da extreme Häufungen auftreten. Solange in den jetzt angeklagten Fällen aber alles "normal" gelaufen ist und da nicht gegen Geld krankgeschrieben wurde, ist es absurd, die Krankmeldungen nachträglich nicht anzuerkennen. Wo ist denn da die Rechtssicherheit für die Studenten? Sie halten sich an das vorgeschriebene Prozedere der Prüfungsordnung (PO) und dann fliegt man aus der Uni. Das ist reine Willkür. Wenn die Uni ein Problem mit Leuten hat, die oft krank werden, sollen sie die PO ändern und die Leute vorher darauf hinweisen, dass beim 3. mal ein Amtsarzt aufgesucht werden muss. Aber nachträglich die Regeln zu ändern, geht ja wohl mal gar nicht.
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