Südafrika Da muss man doch was tun

Als Kind machte Jan Bildhauer mit seinen Eltern Urlaub in Südafrika. Als Zivi kam er zurück, um Waisenkindern zu helfen - und als Student hat er nun dort die Hilfsorganisation "Go Ahead!" aufgebaut. Für den 24-Jährigen gibt es keine stärkere Waffe als Bildung, um die Welt zu verändern.

Reuters

Ein Knäuel aus Lumpen ist der Fußball. Zehn kleine Jungs rennen barfuß hinter ihm her, als ginge es um ihr Leben. Sie jauchzen und jubeln, wenn ein Tor fällt. Das Spielfeld ist die sandige Straße in einem Vorort von Johannesburg. Es ist das Jahr 1994, Jan Bildhauer ist acht Jahre alt und mit seinen Eltern in Südafrika, ein Urlaub in einer anderen Welt. Er beobachtet das Fußballspiel aus dem Mietwagen heraus. Jan denkt, damals schon, darüber nach, wie wenig diese Kinder haben. Wie sie leben. Da müsste man was tun.

Elf Jahre später. Jan Bildhauer ist wieder in Südafrika und tut etwas. Er wickelt ein Kind: Windel aufmachen, wegschmeißen, Po saubermachen, Po einpudern, neue Windel anlegen, zumachen. Das Mädchen ist acht Monate alt und eine Aidswaise. Bildhauer absolviert seinen Zivildienst im Ausland.

Seine Wirkungsstätte für elf Monate war das Valley of 1000 Hills nahe der Stadt Durban. Das Hilfsprojekt heißt "God's Golden Acre" und ist ein Kinderdorf für Waisenkinder. Hier herrscht Armut. Es fehlt an medizinischer Versorgung, es fehlt an Know-how, es fehlt an Bildung. Da müsste man was tun, noch mehr tun, denkt Jan Bildhauer.

Am Ende gründet er, der Student, eine NGO, eine Nichtregierungsorganisation. Und beweist, dass Unmögliches geht, wenn der Wille nur stark genug ist.

"Go Ahead!"

Elfmal war Bildhauer im südlichen Afrika. Es hat ihn nicht losgelassen. Zusammen mit fünf anderen ehemaligen Helfern gründet er im Mai 2007 den gemeinnützigen Verein "Go Ahead!". Er will den Kindern in der Region zu besserer Bildung verhelfen.

"Wir sind allesamt junge Menschen, die selbst aktiv werden wollten", sagt Bildhauer, der inzwischen Global Management in Bremen studiert, eine Mischung aus Betriebswirtschaft und interkulturellen Sozialwissenschaften.

Bildhauer ist 24 Jahre alt, hat rotblondes Haar, trägt Jeans und gestikuliert großräumig. Er will begeistern. Der Mann verkörpert eine Mischung aus linken Parolen ("Eine andere Welt ist möglich") und BWLer-Kalkül ("Rechnen wir das noch mal durch"). Er sagt: "Etwas verändern zu helfen bringt mir große Befriedigung." Helfen kann offenbar Menschlichkeit und Eigennutz vereinen.

Dass sich wirklich etwas erreichen lässt, merken Bildhauer und seine Mitstreiter während ihrer Zeit als freiwillige Helfer. Nachdem er die Babys und Kleinkinder betreut hat, wechselt er in ein Bauteam, das Häuser für Aidswaisen und die übriggebliebenen Familienangehörigen, meist die Großmütter, errichtet. Er schwitzt, es ist eine üble Schufterei. Schließlich wird er in der Verwaltung eingesetzt, als Freiwilligen-Koordinator beantwortet er E-Mails, berät, gibt Leuten Tipps, die sich für einen sozialen Dienst im Ausland interessieren. "Das war schon ein bisschen eintönig", sagt Bildhauer.

Jan Bildhauer ist ein Getriebener

Am Ende bekommt er sein eigenes Projekt. Es gibt eine Musical-Gruppe im Kinderdorf mit Namen "Young Zulu Warriors". Die Idee: diese Gruppe auf Tournee nach Europa zu schicken. Die Freiwilligen kontaktieren die Eltern, Politiker und den Rotary-Club. Alle helfen. Und es klappt, die Young Zulu Warriors touren für vier Wochen durch Deutschland und die Niederlande. Dabei kommen 50.000 Euro aus Spenden und Eintrittsgeldern zusammen. Mit dem Geld sind die Schulgebühren für die Kinder und die Musikakademie von God's Golden Acre für ein Jahr gesichert.

Aber Bildhauer ist ein Getriebener, die Probleme in Südafrikas armen Regionen nehmen ihn gefangen: In manchen Gegenden und Städten beträgt die Rate an HIV-Infizierten bis zu 30 Prozent, die Arbeitslosigkeit liegt im Schnitt bei 20 Prozent, die Schulen sind schlecht. Als Bildhauer im Sommer 2006 nach Deutschland zurückkehrt und sich an der Hochschule Bremen einschreibt, ist ihm längst klar, dass er etwas Konkretes anstoßen, eine eigene Organisation gründen will. Es ist die Geburtsstunde von "Go Ahead!".

Das Konzept des Vereins: Spenden sammeln und weitergeben an Bildungsprojekte in Südafrika, Uganda und Namibia. "Wir können garantieren, dass 100 Prozent der Gelder ankommen, weil wir nur ehrenamtliche Mitarbeiter haben", erklärt Bildhauer. "Bei uns fallen keine Verwaltungskosten an."

Die Organisation finanziert vor allem ein "Learning Center". In Ergänzung zum Schulbesuch erhalten hier mehr als 400 Aidswaisen soziale und psychologische Betreuung, Hausaufgabenhilfe und Freizeitangebote. "Das sind Kinder, für die sich sonst niemand interessiert", sagt Bildhauer. 115.000 Euro hat "Go Ahead!" seit 2008 in das Learning Center investiert.

Englischunterricht plus warme Mahlzeiten für Vorschulkinder

Hinzu kommt das Vorschulprogramm. Es vermittelt in vier Einrichtungen Lernkompetenz und Englisch, die Unterrichtssprache in den südafrikanischen Ländern. "Es ist ganz wichtig, dass die Kinder in der Vorschule eine warme Mahlzeit bekommen, weil viele ein Zuhause haben, in dem sie das nicht erwarten können", erklärt Bildhauer.

Für all das sammeln er und mittlerweile über 400 Mitglieder von "Go Ahead!" Geld. 250 000 Euro haben sie seit Bestehen des gemeinnützigen Vereins zusammenbekommen. Die Zuwendungen kamen vor allem von privaten Spendern.

Und es gibt prominente Unterstützung. Der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu ist begeistert vom Engagement der Studenten aus Deutschland: "'Go Ahead!' ermöglicht der nächsten Generation hier in Südafrika große Chancen." Die Schauspielerin Cosma Shiva Hagen fungiert als Botschafterin für "Go Ahead!". "Bildung ist die einzige Waffe gegen Armut und Ungerechtigkeit", sagt sie. Die Politiker Heide Simonis und Siegfried Kauder, außerdem der deutsche Entwicklungshelfer und Pfarrer Stefan Hippler stehen hinter dem Projekt.

Daheim in Deutschland haben sich inzwischen zehn Hochschulgruppen gegründet, außerdem eine im amerikanischen Princeton. Die Gruppen veranstalten Workshops und Podiumsdiskussionen an Unis und Schulen, in denen es stets darum geht, wie durch Bildung Chancen in Afrika entstehen.

Bild von Nelson Mandela im WG-Zimmer

"Die Uni leidet manchmal unter meinem Lebenswandel", sagt Bildhauer. Es macht ihm wenig aus: Oft bekommt er Mitschriften von Kommilitonen, wenn er statt in der Vorlesung mal wieder in Afrika war. Auch sonst wird ihm geholfen: Der gebürtige Schwarzwälder ist mittlerweile Stipendiat bei der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. "Da legen sie ja höchsten Wert auf Ehrenämter. Ohne 'Go Ahead!' wäre ich wohl nicht aufgenommen worden." Außerdem lerne er bei seinem Engagement wichtige Fertigkeiten fürs spätere Arbeitsleben wie Mitarbeiterführung, Rhetorik oder die Gestaltung von Präsentationen.

Wenn Bildhauer nicht in Afrika ist, wohnt er im Bremer Viertel mit zwei Frauen in einer WG. Ein Altbauzimmer, vier Meter Deckenhöhe, 15 Quadratmeter. An der Wand hängt ein Bild von Nelson Mandela mit dem Zitat: "Education is the most powerful weapon to change the world" (Bildung ist die stärkste Waffe, um die Welt zu verändern). Die Mädels in der WG interessieren sich für Bildhauers Arbeit. Überall, wo er hinkommt, versucht Aktivist Bildhauer, Gleichgesinnte zu rekrutieren, sei es an der Uni, sei es, wenn er bei einem Flashmob mitradelt, der dazu dient, den Verkehr in der Innenstadt von Bremen lahmzulegen.

Zu Bildhauers Hobbys gehört intensives Feiern. Sein Ausgleich, wenn er so viel unterwegs ist. Dann trinkt er gern mal ein paar Bier mehr und tanzt wie ein Berserker. Mittlerweile gibt es "Go Ahead!"-Partys, die bei Bremens Studenten zu Muss-Terminen avanciert sind. Der Erlös eines solchen Abends: 500 bis 700 Euro. Manchmal kann man auf ganz angenehme Weise die Welt retten.



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Sejma 18.05.2010
1. Sinnfrei
Ein selten sinnfreier Beitrag, von dem man aber bei SPON in letzter Zeit immer mehr liest. Was will uns der Autor sagen? Ein Student xyz engagiert sich hingebungsvoll fuer ein Projekt in opn. Aha. Ach, und nebenbei wirft das Projekt noch ein bisschen persoenliche Rendite ab. Wie schoen. Noch jemand im Hamsterrad, der glaubt, etwas besonderes zu sein. Im Lebenslauf des Autors erfaehrt man dann, dass auch der Autor ein Stipendiat der dt. Wirtschaft war. Vielleicht sind sie ja sogar Freunde? Dann sollten sie vielleicht ihre Kommunikation auf fb beschraenken und nicht lange Artikel schreiben, die eher in die Lokalredaktion gehoren. Und wozu muessen wir erfahren, dass der Herr XZY auch mal ein Bier zu viel trinkt und dann wie ein Verrueckter tanzt? Das persoenliche Engagement in allen Ehren, ich schaetze es durchaus, aber um daraus einen lesbaren Artikel zu machen, haette das ganze etwas tiefgruendiger sein muessen und nicht wie ein verkapptes Motivationsschreiben.
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