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Heike Wulf, 28, aus Paderborn studiert im achten Semester Umwelt-Ingenieurwesen in Lübeck


Frage: "Wie geht's?"

Heike: "Klasse!

Ich hab jetzt am Fraunhofer Institut in Oberhausen eine Stelle, wo ich meine Diplomarbeit schreiben kann."

"Machst du die nicht an deiner Uni in Lübeck?"

"Nee, dafür müssen wir Umwelt-Ingenieure raus, Versuche oder so was machen und darüber dann 'nen Bericht schreiben."

"Was wirst du machen?"

"Etwas mit Abfall, ich werde an einem Öko-Projekt in Chile mitarbeiten. Seitdem es dem Land wirtschaftlich besser geht, sammelt sich dort der Wohlstandsmüll. Der wird dann einfach zusammengepresst und auf ungesicherte Deponien geworfen. Eine ökologische Zeitbombe."

"Und was hast du damit zu tun?"

"Ich soll Vorschläge machen, wie man den ganzen Abfall besser verarbeiten oder vermeiden kann. Dafür fliege ich zwei Monate nach Chile, sammle Daten, bestimme die Müllmenge, die Zusammensetzung und so was."

"Im Müll der Chilenen wühlen, das reizt dich?"

"Erst war ich etwas skeptisch, ich hätte eigentlich lieber ein Projekt mit Versuchen gemacht. Aber dann habe ich mir gedacht: So eine internationale Aufgabe, die ist zwar schwieriger, aber auch viel interessanter. Das ist eine echte Herausforderung ­ und eine Chance für mich, wieder nach Südamerika zu kommen."

"Du kennst dich da aus?"

"Letztes Jahr hab ich ein Praktikum in einem Ingenieurbüro in Lima in Peru gemacht."

"Welche Aufgabe hattest du da?"

"Das Büro testete ein Verfahren, wie man aus dem Abwasser von Fischmehlfabriken Proteine und Fette wiedergewinnen kann. Ich musste dazu aus einer stinkenden, blutigen Masse Proben nehmen. Ökologisch sehr sinnvoll. Aber trotzdem eine ziemlich eklige Sache ..."

"Und wieso ausgerechnet Peru?"

"Ich hatte in Lübeck Spanisch gelernt und wollte in ein Land, in dem ich das sprechen kann."

"Das kann man auch in Spanien ..."

"... ich wollte aber unbedingt nach Südamerika."

"Klar, Tequila, Tortilla, Samba ..."

"Von wegen, als ich in Lima ankam, fand ich es furchtbar: laut, dreckig, schlechte Luft, keine Sonne, immer Nebel ­ echtes Rheumawetter."

"Und wie hast du es da ausgehalten?"

"Die Menschen sind alle sehr freundlich und hilfsbereit. Sie kümmern sich rührend um einen. So herzlich, dass es fast schon wieder nervt. Und sie sind schrecklich neugierig: Beim Bezahlen gucken sie dir ganz ungeniert ins Portemonnaie, und beim Telefonieren kriechen sie dir mit in den Hörer."

"Aber sonst hat dir alles gefallen?"

"Alles dauert in diesem Land, man ist stundenlang unterwegs, weil die Entfernungen so groß sind und die Busse nie pünktlich kommen, genauso wie die Menschen, mit denen man sich verabredet hat. Einmal habe ich nachts drei Stunden lang an einem Busbahnhof in Lima auf einen Kollegen gewartet."

"Was hast du gemacht?"

"Nichts. Man muss sich zwangsläufig dem Rhythmus anpassen. Das geht da eben nicht zack, zack. Das Lebenstempo ist ein ganz anderes als bei uns."

Aufgezeichnet von: Marion Schmidt



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