Tarot-Typologie der Professoren Narr, Herrscher und Teufel am Rednerpult

Sie machen sich lächerlich, quälen ihre Zuhörer, ignorieren das Vortragsthema: Im Wintersemester beginnt die Prozession der Professoren, die auf Kongressen, Konferenzen, Tagungen sprechen. Im Hochschulmagazin "duz" erklärt Professor Thomas Hoeren seine Kollegen - in einer Tarot-Typologie.
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Professoren als Redner: Tarotspiel der Tagungspilger

Foto: Königsfurt-Urania Verlag / A.E Waite & P.Colman Smith

Tagungen, Tagungen, Tagungen - schon machen sich Karawanen auf, um im Dienste der Rezeptionsästhetik, der Ugaritforschung, der Narratologie in Wien, Zürich oder Marl zu dozieren. Was solche Konferenzen bringen, hat sich mir nie richtig erschlossen. David Lodge hat es in seinem Grundlagenwerk "Schnitzeljagd" auf den Punkt gebracht: "Die moderne Tagung ähnelt der Pilgerfahrt des christlichen Mittelalters insofern, als sie den Teilnehmern Gelegenheit bietet, alle Freuden und Zerstreuungen des Reisens zu genießen, während sie allem Anschein nach strikt auf Weiterbildung erpicht sind."

Doch die "Weiterbildung" entpuppt sich bei näherem Zuhören als mehrtägige Bußübung: Gelangweilt hört man Vorträge, die vom Blatt abgelesen oder mit Powerpoint an die Wand geworfen werden (Walter Jens hat zu Recht die Rhetorik-Abneigung deutscher Wissenschaftler kritisiert). Noch künstlicher wird das Zuhören dadurch, dass die Vorträge später zu allem Unglück auch noch in den gefürchteten Tagungsbänden erscheinen.

Das Dösen, Starren, Herumlungern endet schlagartig mit der im Tagungsprogramm angesetzten "Diskussion". Hier erwachen deutsche Professoren aus ihrer Mumienstarre und werden zu Männern. Über Jahrzehnte habe ich versucht, die dabei auftretenden Phänotypen zu klassifizieren und bin dabei auf eine erstaunliche Parallele zu den Trumpfkarten des Tarotspiels gestoßen. Der Leser mache den Lackmustest und lege die nun folgende Typenlehre bei Konferenzbesuchen neben sich.

Lesen Sie hier weiter, indem Sie auf die Tagungstarotkarten klicken oder die Überschriften, lernen Sie Narr, Hohepriesterin, Herrscher und Co. kennen - vielleicht kommen Sie Ihnen bekannt vor...

Der Narr - Hat den Vortrag längst vergessen, wenn er zur Frage anhebt

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Da ist der Narr. Er steht für Unbeschwertheit und Sorglosigkeit. Wenn er sich zur Frage erhebt, hat er den Vortrag schon längst vergessen. Er möchte einfach etwas fragen, dabei sein, seine Lebendigkeit allen demonstrieren. Meist geht das inhaltlich schief. Die Frage geht völlig am Thema vorbei, hat nichts mit dem Gehörten zu tun. Aber der Narr nimmt es gelassen. Dabei sein ist alles. Ganz besonders häufig tauchen Narren dort auf, wo die Diskussion mitprotokolliert wird. Denn hier gewinnt, wer redet - egal was. Für die Spesenabrechnung und die Nachwelt ist jede dümmliche Aussage recht, um bloß ins Protokoll zu kommen.

Die Hohepriesterin - Neigt zur Härte und ist nicht lustig

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Die Hohepriesterin ist der einzige Frauentypus in unserer Tarotrunde. Frauen zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie bei Konferenzen schweigen. Wenn sie überhaupt einmal eine Frage stellen, dann jungfräulich-schüchtern mit einer Körperhaltung, die nur eines ausdrückt "Tut mir nicht weh!". Doch dieses Rollenbild wandelt sich. Statt der Schatten-Frau tritt häufiger die Herrscherin als die Hohepriesterin auf. Sie hat es geschafft, in die Männerdomäne aufzusteigen - und das gibt ihr auch das Recht, mit Mondsichel und Tiara als Über-Mutter aufzutreten. Sie neigt zur Härte (gerade auch anderen Frauen gegenüber) und ist definitiv nicht lustig (dafür war ihr Werdegang zu hart). Auf ihre Frage hat sie sich daher vor der Tagung genauestens vorbereitet, durch Lektüre der Abstracts und Prüfung des wissenschaftlichen Werdegangs des Referenten.

Der Herrscher - Man möge ihm untertänigst zuhören

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Der Herrscher ist meist Tagungsleiter oder Moderator. Er nutzt seine Rolle geschickt, um zu zeigen, wer hier Herr im Haus ist. Hatte man ihn nicht gerufen, um zu präsidieren? Dann möge man ihm auch untertänigst zuhören. Denn er hat viel zu sagen. Nachdem er zwangsläufig dem minderbegabten Redner hat Raum und Zeit einräumen lassen müssen, platzt er voller Mitteilungsbedürfnis - auch wenn dadurch die zeitlichen Vorgaben der Tagung gesprengt werden (über deren Einhaltung der Herrscher ja selbst wachen sollte). Im übrigen taucht der Herrscher auch bei Tagungen auf, bei denen Fragerechte nach Anciennität verteilt werden (so etwas gibt's tatsächlich noch, etwa in der Rechtswissenschaft). Denn da sollen die Jungen gefälligst den alten Doyens zuhören.

Der Einsiedler - Fragt eher assoziativ, das Vortragsthema ist ihm egal

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Der Einsiedler lebt in einem Paralleluniversum, um einen Star-Trek-Terminus zu benutzen. Er hört aus einer Rede nur assoziativ einzelne Reiz-Worte heraus, die den Einstieg in seine Welt ermöglichen. Seine Fragen haben deshalb nichts oder nur sehr wenig mit dem Vortrag zu tun und sorgen meist für Erstaunen oder Verzweiflung bei Referenten und Zuhörern. Oft findet sich dieser Typus übrigens bei Tagungen mit französischer Beteiligung. Zur dortigen Wissenschaftskultur scheint es zu gehören, als Disputant das Vortragsthema gänzlich unbeachtet zu lassen. Der Übergang zum Narr ist fließend. Nach einem unverfänglichen Einstieg ("Ich möchte nur kurz auf das von Ihnen gewählte Stichwort Uterusforschung eingehen") folgt ein halbstündiges Co-Referat: "Ich arbeite zwar nicht über den Uterus, sondern über die Prostata. Lassen Sie mich daher ein wenig über die Ergebnisse meiner Prostata-Forschung berichten."

Der Gehängte - Hat gefühlt schon über alles geschrieben

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Der Gehängte ist ein androgyner Typus. Er ist zutiefst depressiv und hat mit dem Leben gedanklich längst Schluss gemacht. Aus seiner Sicht hat er schon vor Jahren alles geschrieben und gesagt und versteht nicht, wieso jemand noch einmal darüber berichtet - ohne ihn zu erwähnen. Er wähnt sich immer und überall als Plagiatsopfer und verdächtigt die ganze Zunft entweder der Ignoranz oder des Ideendiebstahls. Seine Frage ist daher resignativ-kurz: "Das entspricht alles schon meinem Aufsatz im Southampton Journal of Osteopathy 1969." Oder: "In meinem Grundlagenwerk zur Poetologie habe ich den von Ihnen erwähnten Begriff der Dekonstruktion bereits herausgearbeitet." Deutlicher wird er in der Kaffeepause: "Hier gibt's nichts Neues unter der Sonne. Alles schon dagewesen."

Der Teufel - Hasst die jugendliche Potenz seiner Kollegen

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Der Teufel ist meist ein älterer Hochschullehrer, der es sich zur besonderen Aufgabe gemacht hat, jüngere Kollegen und Kolleginnen auf den Prüfstand zu stellen. Sein Lebensgefühl ist - ähnlich wie das des Gehängten - eher depressiv. Wie Sam, der Adler aus der Muppet Show, akklamiert er überall den Niedergang der Wissenschaftskultur und einen Siegeszug des Banalen. Verhasst ist ihm vor allem die jugendliche Potenz mancher Kollegen, die er deshalb durch fiese Detailfragen desavouieren möchte: "Könnten Sie Ihre Überlegungen noch kurz im Lichte der BGH-Entscheidung vom 4. November 2011 vertiefen? Wie interpretieren Sie den Begriff der Treuhand in Leitsatz 2 dieser Entscheidung? Sie werden doch die Entscheidung sicherlich kennen, oder?" Besonders perfide wird es dann, wenn niemand diese Entscheidung kennt, weil es die Entscheidung gar nicht gibt (habe ich selbst schon als Zuhörer bei einer Tagung erlebt).

Der Turm - Stilisiert persönliche Fragen zum Schicksals-Fall

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Der Turm durchlebt im Tarotspiel drastische Veränderungen und stürmische Zeiten. Daher drängt es ihn bei Tagungen innerlich, seine persönliche Frage, seinen Schicksalsfall loszuwerden. Bei solchen Türmen beliebt sind vor allem juristische Konferenzen; dort meldet er sich wie folgt zu Wort: "Herr Professor, ich habe da gerade etwas erlebt. Mein Mietvertrag wurde mir gestern gekündigt, weil ich meinen alten Hund mit ins Haus genommen habe. Geht das denn so einfach?" Oder (beliebt bei Anwälten): "Ich habe da gerade einen Fall bei Gericht. Wenn ich den mal kurz schildern dürfte: …?"

Und so ähneln sich Tarot und Tagungen auf ganz verblüffende Weise. Noch mehr Figuren sind denkbar, auch Mischcharaktere. Das Forschungsprojekt ist nicht abgeschlossen. Die Teilnahme daran ist jederzeit möglich.

Dieser Text erschien im Hochschulmagazin "duz" .

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