Tattoos für Blinde Gib mir die Kugeln

Welchen Sinn haben Tattoos, wenn man blind ist? Keinen - außer man kann sie ertasten. Die Kunststudentin Klára Jirková hat Körperschmuck entwickelt, der unter die Haut geht. Bisher gibt es ihn allerdings nur auf dem Bildschirm.

Von Daniel Kastner


Blinde Menschen haben buchstäblich keinen Sinn für Tattoos. Sie sehen sie nicht - egal, ob die Tätowierung den Körper mit Bildern verschönern oder mit Parolen oder Namen ein Statement setzen soll. Zumindest bei den Statements ließe sich Abhilfe schaffen - falls ein Projekt der Prager Kunststudentin Klára Jirková jemals Wirklichkeit wird. Die 24-Jährige tüftelt an Tattoos in Blindenschrift.

Ihr Plan sieht so aus: Metallkügelchen werden unter die Haut gepflanzt und dabei so angeordnet, dass sie Buchstaben in Blindenschrift (Braille) ergeben. Die Idee mit den Kügelchen ist nicht ganz neu - ihr Einsatz als Blindenschrift wäre es dagegen schon. Klára schweben Implantate zum Beispiel zwischen Daumen und Zeigefinger vor. "Dort könnte man seinen Namen implantieren lassen, den das Gegenüber beim Händedruck liest", sagt sie.

Die Idee kam Klára im Sommer 2007, als sie ein Semester lang an der Universität der Künste (UdK) in Berlin studierte. Die UdK gab jedem Studenten ein Projekt auf. Einzige Vorgabe: Es sollte mit dem menschlichen Körper zu tun haben und mit Veränderungen daran. Klára nahm sich Steve Haworth zum Vorbild, einen US-Künstler, der alle möglichen Formen und Figuren unter die Haut pflanzt - Herzen, Ringe oder Sterne.

"Die Kügelchen sollen kein Trend werden"

Weil Klára noch keinen Arzt gefunden hat, der sich an die Implantate heranwagen würde, und auch noch kein Proband die Kügelchen testweise tragen möchte, gibt es bis jetzt nur computersimulierte Bilder, auf denen Braille-Buchstaben wie kleine Hubbel aus Hautabschnitten ragen. Ein bisschen sehen sie aus wie Pickel.

Welches Tattoo passt zu wem?
Robert Hörnig

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Viele Details muss Klára noch klären. Wie klein dürfen die Kügelchen höchstens sein, damit sie nicht unbemerkt durch den Körper wandern? Wie groß, damit man die Wörter noch lesen kann? Blinde Menschen "lesen" mit dem Zeigefinger, das setzt der Schriftgröße enge Grenzen. Sollen die Kügelchen ganz unter die Haut oder teilweise herausragen, ähnlich wie bei einem Eisberg?

Welches Material ist das beste? Klára tendiert zu Titan oder rostfreiem Stahl. Titan, so viel weiß sie schon, kann zumindest mit Knochengewebe verwachsen - die Implantate hielten dann also von allein. Klára ließ sich vor Jahren aus medizinischen Gründen Titanschrauben in die Wirbelsäule einsetzen, um ihr Knochengerüst zu stärken; daher weiß sie, dass der menschliche Körper das Metall verträgt.

Wenn die Schrauben in ein paar Wochen entfernt werden, will Klára ihren Arzt fragen, was er von ihrer Idee hält und ob man sie überhaupt in die Tat umsetzen kann. Einige ihrer Freunde würden über solche Implantate tatsächlich nachdenken - aber eben erst, wenn ihnen ein Arzt versichert, dass sie ungefährlich sind. Klára hat auch schon mit dem Betreiber eines Prager Tattoostudios gesprochen, aber der hat abgewunken.

Auch ein Gespräch mit dem Blindeninstitut steht noch an - Klára will nicht, dass ihre Idee als Gag verstanden wird, als Kunst am Blinden für Sehende. "Die Kügelchen sollen kein Trend werden", sagt sie. Klára selbst möchte sich kein Tattoo in Blindenschrift implantieren lassen. "Ich habe es nicht so mit Veränderungen am Körper", sagt sie. "Ich bin Künstlerin." Als gelegentliche Brillenträgerin wäre sie auch nicht auf Blindenschrift angewiesen.



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