Studenten in Stockholm Was, du bist nicht tätowiert?

Stockholm, die Hauptstadt der Tatöwierten: Selbst vermeintlich biedere Jura- und Medizinstudenten schmücken sich mit teils opulenten Tattoos. Acht von ihnen zeigen und erzählen, für welches Motiv sie sich entschieden haben.

Alexandra Stolz

Von Alexandra Stolz


Sie könnten die Entscheider der Zukunft sein und studieren Jura oder BWL. Kleidungsstil: seriös bis bieder. Knöpfen sie aber ihr Hemd auf, prangen dort riesige Anker, und Rosen kräuseln sich aus dem Hemdkragen. Tattoos findet man schon lange nicht mehr nur auf den Armen von Matrosen und Bikern, aber unter Juristen? Zumindest in Stockholm sind Tattoos unter zukünftigen Anwälten und Richtern so beliebt wie anderswo Krawatte und Perlenkette.

In Stockholm soll jeder Dritte zwischen 18 und 49 Jahren irgendwo ein Bildchen auf seinem Körper tragen, das ergab eine Umfrage des Stockholmer Magazins "Metro". Viele wollen damit zeigen, was ihnen wichtig ist, Familie oder Freundschaft beispielsweise: So steht die Rose auf dem Rücken für die Mama, der Schmetterling daneben für die Schwester. Auf SPIEGEL ONLINE zeigen acht schwedische Jura- und Medizinstudenten, wo sie ihre Tattoos verstecken und was diese bedeuten.

Pontus Zetterlund, 23, Psychologie, Schwede

Pontus Zetterlund hat keine Ahnung, was ihm da gerade in die Haut gestochen wird. Obwohl das Bild ihn sein Leben lang begleiten wird, hat er sein Schicksal in die Hände eines Freundes gelegt, der das Tattoo für ihn entworfen hat.

Mit dem Ergebnis kann Zetterlund gut Leben. "Ziemlich cool", sagt er. Sein Freund trägt das Bild mit den ineinander verschlungenen Händen genau an der gleichen Stelle als Zeichen für ihre Freundschaft.

Cibelle Broman, 21, Jura, Schwedin

Cibelle Broman hat sich in ihrem Studium auf Internationales Recht und Menschenrechte spezialisiert. Ihr Traum ist es, einmal bei den Vereinten Nationen zu arbeiten und die Welt ein bisschen besser zu machen. Ihre Tattoos hat sie extra auf ihrem Rücken versteckt, wo sie niemand unter ihrem Anwaltssakko vermuten würde. Sie stehen nicht für wilden Rock’n Roll, sondern für ihren Familiensinn.

Engel und Rose hat Broman ihrer Mutter gewidmet, die nach der Blume benannt ist. "Meine Mama ist die Königin meines Lebens", sagt Broman. Die Blumenpracht und Schmetterlinge links daneben sind für sie ein Symbol für den Charakter ihrer Schwester.

Matthew Olsson, 26, Wirtschaftswissenschaften, Schwede

Auch wenn ein Tattoo in Stockholm ungefähr so auffällig ist wie anderswo Perlenohrringe oder eine ungewöhnliche Tasche hat Matthew Olsson ganze fünf Jahre lang hin und her überlegt, bis er den Schritt über die Schwelle eines Tattoo-Studios wagte. "Man muss sich eine Weile dran gewöhnen, aber dann verschwindet das Tattoo plötzlich", sagt er.

Der grüne Pilz aus dem Computerspiel "Super Mario" erinnert Olsson an seine Kindheit. Tag und Nacht hing er da vor der Spielcasino. "Er ist zu einem Teil von mir geworden", sagt er.

Emelie Lindström, 24, Jura, Schwedin

Emelie Lindström wollte sich nicht einfach irgendetwas stechen lassen, das nur gut aussieht. Die Bilder, mit denen sie alt werden würde, sollten etwas bedeuten, einen tieferen Sinn haben. Deswegen ließ sie sich an drei Stellen die bedeutendsten Menschen in ihrem Leben einstechen.

"Wo das Leben beginnt und die Liebe niemals endet", steht auf dem Rücken von Lindström - eine Liebeserklärung an ihre Familie. Am linken Unterarm hat sie noch ein großes geschwungenes M. Es steht für "Murmur", den Namen ihrer Oma. Die war über diese Würdigung aber gar nicht erfreut. "Sie reagierte typisch wie die ältere Generation in Schweden: 'Kind, was hast du getan?’", sagt Lindström. Bereut hat sie ihre Entscheidungen aber nie.

Douglas Fored, 21, Jura, Schwede

Goldene Uhr am Handgelenk und Hemd. Unter der Kluft des Jurastudenten Douglas Fored verbirgt sich ein Bild, das Fored an schlimme Zeiten erinnert.

Bevor Fored sich in seine erste Juravorlesung setzte, ließ er sich einen Koi auf den rechten Oberarm tätowieren. "Er steht symbolisch dafür, dass man etwas überwunden hat", sagt er und denkt dabei an seine Schulzeit, in der er es nicht immer leicht hatte.

Elizabeth Becker, 21, BWL, USA

Eigentlich kommt Elizabeth Becker aus den USA, leben möchte sie aber am liebsten im hohen europäischen Norden. "Ich liebe Schweden", sagt sie. Wohl auch, weil es hier kaum jemanden juckt, ob man tätowiert ist oder nicht. Als ihre Eltern aus den USA ihr Tattoo sahen, waren sie nicht gerade glücklich. "In den USA hängt einem noch ein Stigma an, wenn man tätowiert ist", sagt Becker. Trotzdem: auf ihr Tattoo möchte sie nicht verzichten.

Das kleine Zeichen an ihrem Knöchel ließ sich Becker kurz vor ihrer Abreise nach Schweden stechen. Es ist eine Wikinger-Rune und eine Liebeserklärung an Stockholm.

Gustav Johansson, 26, Medizin, Schwede

Wie ein Medizinstudent sieht Gustav Johansson mit seinen langen Haaren nicht aus, auch seine Liebe für Tattoos wird zumindest von seinen deutschen Kommilitonen eher selten geteilt. Johansson kann gar nicht genug davon bekommen. Mit 19 Jahren erlebte er den ersten Nadelstich. Wie viele er bis jetzt davon hatte? "Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen", sagt er.

Viele seiner Tattoos gehen ineinander über, er ist ein Gesamtkunstwerk. Eine tiefere Bedeutung haben sie nicht. "Müssen sie ja auch nicht", sagt Johansson. Der große schwarze Rabe auf seiner Brust hat ihm eben einfach gefallen.

Jennie Beigrund, 20, Jura, Schwedin

Jennie Beigrund hatte schon lange den Wunsch, ihren Körper mit einer Tätowierung zu schmücken. Als sie 18 Jahre alt war, traute sie sich zum ersten Mal. Beigrund ist Individualistin, ihre Tattoos sind für sie die perfekte Möglichkeit, ihr Selbst auszudrücken. Außerdem geben sie ihr Halt in schlechten Zeiten.

Neben dem Anker auf den Rippen hat sie noch einen geschwungenen Schriftzug an der Seite ihres Fußes: "When nothing goes right, go left", steht dort. Beide Tattoos erinnern sie daran, dass das Leben nicht immer leicht daher kommt, es aber immer Auswege gibt.

 



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arrache-coeur 28.11.2014
1.
Tattoo - Puuh. Einige Leute aus meinem Bekanntenkreis hatten sich aus irgendwelchen Gründen für ein oder mehrere Tattoos entschieden. Fast alle wollten sie ein paar Jahre später wieder loswerden. Man muss ja nicht jeder Mode hinterherlaufen;-)
geotie 28.11.2014
2.
Tattoos sind nicht mein Fall, besonders wenn ich alt und grau bin und das was verschwommenes auf meiner Haut habe mit dem ich mich dann schon lange nicht mehr identifizieren mag. Einer meiner Bekannten hat sein Tattoo auf der Schulter schon das 3. Mal verschlimmbessert, aber er hält durch und fast die Hälfte seines Körpers seinen Wunschbildchen gewidmet.
lequick 28.11.2014
3.
Nur ein weiterer Schritt auf dem Weg zum totalen Hipster. Dieses "Phänomen" zieht sich auch bei uns durch alle Gesellschaftsschichten hindurch. Nicht nur das es abartig und hässlich aussieht, es ist auch noch ungesund. Mittlerweile ist es schwieriger Leute ohne Tattoos zu finden als mit, und die Gesellschaft findet es auch noch "cool". Selbst Blutspenden ist für mindestens für Monate zu unterbrechen, in manchen Ländern dürfen tätowierte gar kein Blut mehr spenden, weil dort die Vorschriften bei den Tattoos so lasch sind. Aber hey, Hauptsache "anders" sein wollen. Tattoos sind für mich nur ein Zeichen der Unsicherheit, der Schwäche und des Gruppenzwanges.
dschmi 28.11.2014
4. Tattoos sind langweilig...
Jeder hat sie... Der Daumen ist ausgelutscht... Ich versteh vor allem Frau nicht wieso sie sich eins machen lässt wenn die meisten es sich eh wieder entfernen lassen... Egal ob Zürich, Ulm, Augsburg oder München. Machen sie mal einen Termin aus zur Tattooentfernung, im Extremfall 3 Jahre Wartezeit (der Andrang ist riesig vor allem Frauen lassen es sich entfernen) + Zig Tausende Franken bzw Euro an Kosten... Man muss nicht auf jeden Zug aufspringen der gerade "in" ist...
metalslug 28.11.2014
5. Was ist das?
Was soll dieser Artikel? Bitte helfen Sie mir! Ich heb den Artikel gelesen, ich habe mir die Bilder angeschaut und den Inhalt versucht zu verstehen: Gebildete Menschen tragen Tattos in Skandinavien. Aha. Ob sie wohl auch Sex haben, um sich fortzuplanzen? Wer weiß das schon? SPON klärt sicher bald auf.
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