Tausch dich reich Vom Autogramm zum Auto

Ein Kanadier brachte es in 14 Tauschgängen von der Büroklammer zum Eigenheim. Kann ich auch, sagt Max Raschke: Der Osnabrücker Student will einen Kleinwagen - er begann mit einer Autogrammkarte. Zwischenstand: ein Tischgrill plus Sixpack. Wer bietet mehr?

Max Raschkes Fahrrad hat einen Platten. Ein Auto hat er nicht. Noch nicht. Deswegen fährt der 22-jährige Student mit dem Bus zur Mensa der Fachhochschule Osnabrück. Mit einem Stapel Flyer in der Hand huscht er an der Schlange vorbei, denn essen will er hier heute nicht. Max flitzt durch die Tischreihen. Nach einer Viertelstunde liegt auf jedem Tisch ein lila-schwarzer Flyer. In Weiß steht drauf: "Von der Karte zu ner Karre". Genau das ist sein Plan.

Wie bekomme ich ein neues Auto, ohne dafür zu bezahlen? Der Osnabrücker Student will keins knacken, sondern tauschen. So soll's gehen: Man nehme eine Autogrammkarte des Ex-Fußballprofis Ansgar Brinkmann und tausche so lange, bis ein Auto daraus wird. "Eigentlich ist es ja schon unrealistisch. Zumindest wenn man nicht weiß, was bei mir inzwischen schon alles passiert ist", sagt Max.

Auf die Idee kam er nicht ganz von selbst - er wurde inspiriert durch Kyle MacDonald. Im vergangenen Jahr schloss der arbeitslose Kanadier, 26, den Deal seines Lebens ab - mit viel Anlauf: Auf seiner Website bot er eine rote Büroklammer zum Tausch an. Er erhielt dafür zunächst einen Füllfederhalter, tauschte den gegen einen Türknauf, kam dann unter anderem zu einem Campingkocher, Stromgenerator, Motorschlitten, Lastwagen, Plattenvertrag, einem Nachmittag mit Altrocker Alice Cooper… bis ein Regisseur ihm eine Filmrolle im Tausch für eine Schneekugel der Band Kiss anbot.

Kyle im Glück, 14 Mal getauscht bis zum Haus

Und die sollte am Ende jemand in Kipling erhalten: Die 1200-Einwohner-Gemeinde in der Provinz Sasketchavan schenkte Kyle MacDonald dafür ein zweistöckiges Landhaus. "Wir wollen Spaß haben", sagte die Bürgermeisterin zur Begründung. Und für Spaß hatte MacDonald mit seinen Talkshow-Auftritten reichlich gesorgt. Nach 14-fachem Tausch im Laufe eines Jahres zog er prompt nach Kipling und kündigte an: "Ich werde dieses Haus niemals verkaufen."

Kyle MacDonald wiederum hatte sich durch das Spiel "Größer und besser" inspirieren lassen, bei dem Kinder von Tür zu Tür ziehen und ihre Spielzeuge geschickt zu tauschen versuchen. Die Grundidee erinnert auch an das gute alte Märchen "Hans im Glück" der Gebrüder Grimm: Als Lohn für die Lehrjahre erhält Hans einen Goldklumpen und tauscht so lange (ein Pferd, eine Kuh, ein Schwein, eine Gans), bis er nur noch zwei Steine hat - und sie in einem Brunnen versenkt. Das Missgeschick stört ihn nicht groß, er sieht sich von allem materiellen Ballast befreit und kehrt heim: "So glücklich wie ich gibt es keinen Menschen unter der Sonne."

Max Raschke will es lieber umgekehrt märchenhaft, von arm nach reich. Und eine Autogrammkarte von Ansgar Brinkmann ist ja nicht nichts - Brinkmann, Spitzname "Der weiße Brasilianer", kickte bei gefühlt 82 Vereinen inklusive Bielefeld und ist seitdem mindestens in ganz Ostwestfalen weltberühmt, außer durch seine Eskapaden von Fahrerflucht bis Körperverletzung auch durch denkwürdige Sprüche (legendärer Dialog bei McDonald's: "Ich habe gerade 800 Mark für Schampus ausgegeben und immer noch zwei Millionen auf dem Konto", sprach Brinkmann zu einem Gast. Der antwortete: "Dann leg doch mal 20 Mark für eine anständige Frisur hin").

Schrottautos zählen nicht

Ein durchaus starkes Angebot also für den Anfang. Und seine Flyer sollen Max Raschke helfen, weiter in Richtung Auto zu kommen. Student Aiko Schmale, 23, schaut von den Pommes hoch, liest den Flyer und schüttelt den Kopf. "Interessantes Unternehmen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das klappt. Die Steigerung von einer Autogrammkarte zum Auto ist einfach zu groß."

Die Autogrammkarte hat Max inzwischen hinter sich gelassen. Im August ging seine Webseite Studikarre.de online; der Wirtschaftsinformatik-Student Torsten Spille, 24, unterstützt Max bei seinem Tauschplan und hat ihm die Seite gebaut. Die Tauschkette kam in Schwung: die Autogrammkarte gegen eine Mensa-Tasse. Die Mensa-Tasse gegen einen Tischtennisschläger. Den Tischtennisschläger gegen einen Tischgrill und einen Sechserpack Bier.

Als erstes Auto wurde ihm sogar schon ein 18 Jahre alter Opel Corsa angeboten. "Die Besitzerin hat an ihrem Auto gehangen und wollte nicht, dass es in die Schrottpresse wandert." Deswegen bot sie Max den Opel zum Tausch an. Aber der lehnte schnöde ab. Empörenderweise sagte er sogar Nein, als ein SPIEGEL-ONLINE-Redakteur ihn mit einem roten Renn-Honda (Baujahr '88, inklusive Klappscheinwerfer, Ledersitze und kaputter Zylinderkopfdichtung) zu locken versuchte.

Man muss dran glauben

Also geht die Aktion weiter. Für den vierten Tausch sondiert Max gerade die Angebote. Für den Tischgrill hat er derzeit die Wahl zwischen fünf Tauschobjekten. Welche? Das verrät er nicht: "Sonst wird es ja eine Art Versteigerung, das möchte ich nicht. Die Leute sollen selbst auf gute Ideen kommen." Nur soviel: Ihm wurde schon ein Müsliriegel und ein Laptop angeboten.

"Langfristig versuche ich Dinge zu ertauschen, die einen Liebhaberwert haben - und ich will unsere Webseite bekannt machen", erklärt Max. "Mein Ziel ist, dass es sich irgendwann lohnt, darauf zu werben: Ein Autohaus schenkt mir ein Auto, im Gegenzug steht sein Name auf Studikarre.de ."

In der Osnabrücker Mensa sind die Tische mit Flyern gepflastert. Den Rest packt Max in den Rucksack. Die braucht er noch. Die verteilt er noch in den Mensen in Oldenburg, Hannover und Bielefeld. Sein WG-Mitbewohner Philip Engler, 21, hilft mit, obwohl er den Kettentausch für "moralisch fragwürdig" hält: "Andere Menschen arbeiten hart dafür, sich ein eigenes Auto leisten zu können." Trotzdem findet er, dass die Aktion einen gewissen Reiz hat. Bis spätestens zum Sommersemester 2008 möchte Max es geschafft haben. "Dann könnte ich mir zum Studienende selbst ein Auto schenken. Das wäre doch was..."

Jetzt steigt er aber erstmal in den Bus und fährt nach Hause - sein Fahrrad flicken.

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