Techno-Attacke Fiese Bässe für Rembrandt und van Gogh

Kerstin Kracht setzt Gemälden schwer zu: Sie beschallt sie mit Technomusik, rüttelt und schüttelt sie heftig durch. Das macht die Berliner Doktorandin so lange, bis die Farbe von der Leinwand blättert. Ihr Zerstörungswerk hat einen guten Zweck: Sie will kostbare Bilder retten.
Von Sandra Ketterer

Angefangen hat alles in einer Klimakammer in Amsterdam. Der Fußboden des immer gleich temperierten Raums war mit Malerfolie abgedeckt, an einer Holzwand hingen drei Ölgemälde, einen Meter davor stand eine riesige Musikanlage mit Boxen und Verstärker. Hier stopfte sich Kerstin Kracht jeden Tag Stöpsel in die Ohren, drehte die Techno-Musik bis zum Anschlag auf - und kontrollierte einmal pro Stunde, ob schon Farbe vom Bild gefallen war.

Das war 2004 während eines Praktikums beim Institut für das kulturelle Erbe der Niederlande.

Zurzeit schreibt Kerstin Kracht, 28, an der Technischen Universität Berlin ihre Doktorarbeit. Sie untersucht, welche Auswirkungen mechanische Schwingungen auf jahrhundertealte Ölgemälde haben. Inspiriert hatte sie dazu das Praktikum in den Niederlanden. Damals ging es um die möglichen Schäden an wertvollen Bildern, verursacht durch Techno-Konzerte, die auf dem Platz vor dem Rijksmuseum und dem Van-Gogh-Museum in Amsterdam stattfanden. "Nach sechs Versuchswochen ist tatsächlich die Farbe von der Leinwand gekommen", sagt Kracht.

Blättert Farbe von jahrhundertealten Gemälden, wird das richtig teuer, denn der Schaden ist schwer, manchmal auch gar nicht zu reparieren. Doch nicht nur wummernde Bässe versetzen die alten Bilder in Schwingungen, sondern auch ein Transport. Für Museen, die anderen Ausstellern einen Van Gogh, Rembrandt oder ein anderes wertvolles Bild ausleihen, ist es wichtig, den Zustand des Bildes vor seiner Reise per Schiff oder Flugzeug einschätzen zu können. Doch bisher gibt es keine Methode, mit der festgestellt werden kann, wieviel Vibrationen ein Bild noch verträgt.

Bislang durchleuchten die Bildanalysten die Gemälde, um Schatten zu finden, die auf eine Ablösung der Farbe hindeute. "Zu unsicher", sagt Kracht, darum arbeitet sie an neuen Techniken, mit denen sich der Verfall bestimmen lässt.

Der Shaker schüttelt vermeintlich alte Schinken

Ihre Testobjekte im Institut für Lacke und Farben in Magdeburg: Zwölf 30 mal 40 Zentimeter kleine Leinwände. Die spannt Kracht in ein Gestell, an das ein sogenannter Shaker angeschlossen ist, ein kleines Gerät, das die Leinwände vibrieren lässt. Dabei werden die Bilder an 81 Punkten von einem Laser auf Veränderungen abgetastet. Am Ende stehen, so hofft sie, Parameter, mit denen Restauratoren berechnen können, wie belastbar ein Bild noch ist.

Ein Gemälde von heute wird natürlich mit anderen Farben gemalt als damals. Also wandte sich die Diplomingenieurin an einen Dozenten für Maltechnik der Berliner Universität der Künste. Der mischte eigens für sie Leim und Farben nach alter Technik. Auf die Versuchsbilder wurden dann Leimschichten, weiße Grundierung und teilweise mehrere Farbschichten aufgetragen. Die teure Technik für die Versuche konnte ihr betreuender Professor aus seinem Etat nicht aufbringen, bis 2010 wird das Projekt jetzt aus dem europäischen Fond für Regionalentwicklung mitfinanziert.

Der Versuch besteht aus 15 Messperioden, jedes Bild wird für 24 Stunden in einem klimatisierten Raum gehörig durchgeschüttelt. Kracht verfolgt die Messungen per Internet. "Zwischen den Messperioden werden die Gemälde immer drei bis fünf Wochen lang künstlich gealtert", sagt Kracht. Dazu kommen sie in einen Ofen und werden bei Temperaturen von 80 bis 100 Grad Celsius getrocknet.

Fast allein unter Männern

In ihrem Fachgebiet, der mechatronischen Maschinendynamik, war die Studentin der physikalischen Ingenieurswissenschaft eine von zwei Frauen unter 20 Kommilitonen. Benachteiligt gefühlt habe sie sich trotz der Überzahl der Männer nie. Ein paar Grundregeln halfen ihr durch den Forscher-Alltag: "Jeder Mann denkt von sich selbst, er sei der Beste." Wolle man einen Mann überzeugen, gehe das am besten "mit rationalen Argumenten und nicht mit emotionalen Ausbrüchen". Auch dürfe sie Kritik nicht persönlich nehmen. Kerstin Kracht fühlt sich stets ernst genommen.

Dabei war ihr Weg in die Physik nicht vorgezeichnet. "Nach der zehnten Klasse habe ich Physik abgewählt, weil man da so viel auswendig lernen musste", sagt Kracht und lacht. Doch sie sei vorbelastet, denn ihr Vater sei Maschinenbauer. Als kleines Kind habe sie immer zugesehen, wenn er am Auto geschraubt habe. Bei der Studienwahl entschied sie sich dann erst für den "Wirtschaftsingenieur". "Zu viel Physik habe ich mir wegen der fehlenden Grundkenntnisse nicht zugetraut und Wirtschaft kann ja jeder", erinnert sich Kracht an ihre damaligen Gedanken und lacht noch mehr. Dass Wirtschaft doch nicht jeder kann, erkannte sie nach drei Semestern und sattelte um. 2007 zeichnete die TU Berlin ihre Abschlussarbeit als die beste Diplomarbeit einer Studentin in den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern aus.

Jetzt macht sie Pläne für weitere Forschungen. Im Sommer will sie in Zusammenarbeit mit dem Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen Berlins Schwingungen in den Ausstellungen messen, während die Besucher durch die Räume gehen. "Die werden dann im Labor auf der Shaker-Anlage simuliert. Damit werden meine Dummys den realen Belastungen im Museum ausgesetzt", sagt Kracht. Eine Idee für ein Anschlussprojekt an ihre Doktorarbeit hat sie auch schon: "Um mit meinen Daten arbeiten zu können, brauchen die Restauratoren ja ein Messgerät" - und das fehlt noch.

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