Techno-Professor Ronald Hitzler "Nach 30 Jahren Teebeutelschwenken einfach tanzen"

Was ist Techno? A: Spaßkultur? B: ein politisches Phänomen? C: Kommerz? Oder D: eine säkulare Liturgie? Nach Antworten suchen nicht nur Berliner Bürokraten oder Karlsruher Verfassungsrichter, sondern auch Wissenschaftler - und der Soziologe Ronald Hitzler ist immer mittendrin.

Techno beschäftigt die Forschung. Bereits 1995 erschien die Philosophie-Doktorarbeit "DJ Culture" von Ulf Poschardt. Und fast zur gleichen Zeit holte Ronald Hitzler sich den ersten Satz dröhnender Ohren, als er sich unter die Raver-Szene mischte. Jetzt hat der Dortmunder Soziologe, 51, einen Reader veröffentlicht: "Techno-Soziologie. Erkundungen eine Jugendkultur".

UniSPIEGEL ONLINE: Ist die Techno-Ära nicht längst vorbei?

Ronald Hitzler: Die Hoch-Zeit ist vorbei, zumindest bis auf weiteres. Techno hat die neunziger Jahre geprägt und eine ganz bestimmte Mentalität exemplarisch zum Ausdruck gebracht: Spaßkultur. Aber nicht im trivialen Sinne, so wie wir sie inzwischen haben, sondern in einem ambitionierten, auch abenteuerlichen und mitunter etwas riskanten Sinne.

UniSPIEGEL ONLINE: Spielen Sie auf den Drogenkonsum an?

Hitzler: Nein. Man kann zwar nicht über Techno reden, ohne über Drogen zu reden. Aber es ist katastrophal, wenn man sofort und vor allem über Drogen redet. Dann versteht man etwas Grundlegendes nicht. Techno ist eine eigene Welt. Und die hat nur wenig mit den Sensationsfilmen zu tun, die nur die "Exoten des Alltags" zeigen, mit möglichst viel Haut, Nabelpiercing und dicken Titten.

UniSPIEGEL ONLINE: Was ist Techno dann?

Hitzler: Ein komplexes kulturelles Phänomen mit einem Zentrum - Musik. Ohne Musik existiert kein Techno. Techno ist aber auch ein kultureller Ausdruck von etwas, was man sehr diffus als Zeitgeist bezeichnen kann. Ein Angebot, das auf die Bedürfnislage trifft, gemeinsam etwas sehr Individuelles zu tun. Das wird verständlich vor dem Hintergrund der vorhergehenden Protestgeneration. Meine Kollegin Michaela Pfadenhauer bringt das gut auf den Punkt: Nach 30 Jahren Teebeutelschwenken wollten die Leute einfach mal tanzen. Die Laberkultur war ausgelutscht.

UniSPIEGEL ONLINE: Also ist Techno doch nur Spaßkultur?

Hitzler: Wir sehen Techno als zutiefst politisches Phänomen. Das Politische ist das Beharren darauf, sein eigenes Leben zu leben. Sehr postmodern: Ich mache es, weil ich es mache! Die vorhergehende "Protestgeneration" hatte ja auch ihren Spaß. Jede Demo ist ein Heidenspaß! Aber immer legitimiert durch den Bezug auf den so genannten Ernst der Lage, das Elend der Welt. Was immer man getan hat in diesen Protestgenerationen, man musste es erläutern können. Die Technos aber haben keine Auskunft gegeben!

UniSPIEGEL ONLINE: Und das soll schon politisch sein?

Hitzler: Die Technos haben sich den gegebenen Verhältnissen verweigert, aber auch dem Protest gegen die gegebenen Verhältnisse. Das war neu. Wir verknüpfen Politik mit verbaler Kommunikation. Hier aber haben wir eine praktische Politik, die nicht Auskunft gibt. Im Grunde lässt sich das Verdikt, Techno sei nicht politisch, nur halten, wenn man sagt: Politisch wird etwas dadurch, dass es als politisches Wollen kommunikativ expliziert wird. Und nicht dadurch, dass es gemacht wird.

UniSPIEGEL ONLINE: Als 51-jähriger Professor sind Sie nicht gerade der typische Raver. Wie war Ihr erster Rave?

Hitzler: Studierende haben mich dazu verführt. Ich hatte zunächst fürchterliche Angst. Ich ging mit sehr viel Unverständnis rein, mit Vorurteilen, die samt und sonders nicht bestätigt wurden. Nach elf Stunden kam ich aus meinem ersten großen Rave und war völlig konvertiert. Fasziniert von dem, was da vor sich geht.

UniSPIEGEL ONLINE: Was bringen diese persönlichen Erfahrungen der Forschung?

Hitzler: Die Technoszene ist eine prototypische Szene. Ein sozialstrukturell relevantes Phänomen. Eine Gesellungsform, die sich zur Vergemeinschaftung anbietet, wenn Individualisierung greift. Wenn die Leute nicht mehr durch Traditionen festgebunden sind, dann sind das fast ideale Formen, Gemeinschaft zu bilden.

UniSPIEGEL ONLINE: Was ist denn die "Technoszene"?

Hitzler: Die Raver, die Macher... viele. Genau dazu erheben wir neuerdings auch standardisierte Daten und haben beim Dortmunder Mayday dieses Jahr eine Parkplatz-Befragung gestartet. Die Studenten haben die Raver interviewt, jetzt werten wir 450 Fragebögen aus. Parallel dazu wird die Techno-Organisation "Partysanen" den Fragebogen auf ihre Homepage stellen.

UniSPIEGEL ONLINE: Sie bezeichnen Ihren Forschungsansatz als "ethnografische Lebensweltanalyse". Was heißt das?

Hitzler: Wir selber sind die Generierungsinstrumente. Ich mache Erfahrungen, die ich nicht über Interviews herausbekomme. So bekommen wir "Daten". Wie die Phänomenologen. Und wir sprechen mit den Leuten, beobachten und studieren Dokumente - CDs, Platten, Flyer, Homepages. Das sind die klassischen Verfahren der Ethnografie.

UniSPIEGEL ONLINE: Steht die Technoszene inzwischen vor dem Aus?

Hitzler: Zurzeit findet eine Transformation statt. Die Technoszene altert. Vor allem in der Macherebene sind sehr viele zwischen 30 und 40, auch darüber.

UniSPIEGEL ONLINE: Hat die Kommerzialisierung den Niedergang beschleunigt?

Hitzler: Nein, der Kommerz steckt von Anfang an im Techno. Von mythischen, illegalen, scheinbar spontanen Partys abgesehen ist der ganze Spaß-Techno zwangsläufig kommerziell. Die Leute wollen gute Sounds, gute Partys, und das kostet Geld. Mayday, Love Parade, Nature One, Rave and Cruise zu organisieren heißt, das ganze Jahr zu arbeiten. Eine Million Leute, 50 Lastwagen à 25 Meter Länge, ein Zentralaufbau - wenn man sich klarmacht, was das logistisch und finanziell bedeutet, dann kann man nicht naiv sagen: Wir wollen keinen Kommerz.

UniSPIEGEL ONLINE: Ihre Bilanz nach mehrjähriger lebensweltlicher Ethnografie?

Hitzler: Zum Kulturphänomen "Techno" können wir mit Westbam sagen: Die Revolution ist gelungen! Techno ist durchgesetzt und diffundiert längst in alle möglichen Kulturbereiche hinein. Auch die Love Parade ist Teil der Berliner Sommerkultur. Die können sich gar nicht leisten, das abzuschaffen. Techno war - von den immer problematischen Drogengeschichten abgesehen - sehr erfolgreich.

Das Interview führte Britta Scholtys

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