Neue Stellen für Forscher Mit 1000 Professuren gegen die Unsicherheit

Viele promovierte Wissenschaftler sind jahrelang befristet angestellt - ohne zu wissen, ob sie jemals eine Professur erhalten. Ein neues Förderprogramm soll Abhilfe schaffen.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU)
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Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU)


Tausende wissenschaftliche Mitarbeiter hangeln sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten. Sogar promovierte Wissenschaftler bangen jahrelang einer festen Professur oder Dozentenstelle entgegen. Nur ein Drittel der Wissenschaftler, die sich habilitieren, bekommt eine solche Stelle. Für die Akademiker heißt das, in ständiger Unsicherheit zu leben; nie zu wissen, wie es weitergehen wird.

Dieser Praxis soll nun entgegengewirkt werden - zumindest ein bisschen. Am Freitag hat die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz (GWK), ein Zusammenschluss aus Bund und Ländern, ein neues Förderprojekt beschlossen, mit dem Wissenschaftlern eine unbefristete Anstellung in Aussicht gestellt wird. So soll es von 2017 bis 2032 ein mit insgesamt rund einer Milliarde Euro ausgestattetes Förderprojekt für den wissenschaftlichen Nachwuchs geben. Dieses soll bundesweit 1000 sogenannte Tenure-Track-Professuren garantieren.

Entfristung bei erfüllten Erwartungen

In dem in den USA schon länger üblichen Tenure-Track-Verfahren qualifizieren sich Promovierte für eine Lebenszeit-Professur. Erreichen sie die mit der Uni vereinbarten Ziele in Forschung und Lehre, wird ihre Stelle nach etwa sechs Jahren entfristet.

In Deutschland sollen die Tenure-Track-Professuren nach Auslaufen des Programms von den Ländern dauerhaft weiterfinanziert werden. Die Ministerpräsidenten und Bundeskanzlerin Angela Merkel müssen dem Programm am 16. Juni noch zustimmen - das gilt allerdings als reine Formsache.

Die Bildungsgewerkschaft GEW kritisierte: "1000 neue Stellen sind gut - aber sie decken den Bedarf an den Hochschulen nicht. Wir brauchen 5000 zusätzliche Tenure Track-Professuren", sagte der stellvertretende GEW-Vorsitzende und Hochschulexperte Andreas Keller. "Das Programm, kann nur der Anfang sein. Es bleibt nicht nur quantitativ hinter dem tatsächlichen Bedarf zurück."

Keller forderte zudem: "Bund und Länder sollten eine Entfristungsoffensive im akademischen Mittelbau starten, damit die Daueraufgaben in Forschung und Lehre auf Dauerstellen erledigt werden können."

550 Millionen Euro für mittelgroße Unis und Fachhochschulen

Mit einer zweiten Initiative, dem Wettbewerb für "Innovative Hochschulen", sollen zwischen 2018 und 2027 kleine und mittelgroße Universitäten sowie Fachhochschulen mit 550 Millionen Euro bezuschusst werden. Die Bedingung: Ihre Arbeit muss für Wirtschaft oder Gesellschaft besonders relevant sein, entscheidend sind Kooperationen und Transfer.

Das Programm "Innovative Hochschule" hatte Wanka im Gezerre um die Exzellenzinitiative ins Spiel gebracht - um auch einen bisher oft im Schatten stehenden Wissenschaftssektor langfristig zu fördern. Der Bund übernimmt 90 Prozent der Kosten, den Rest gibt das Land, in dem die jeweilige Hochschule ihren Sitz hat.

"Die zwei Millionen Euro pro Jahr, die eine Hochschule erhalten kann, sind wohl als kleines Trostpflaster für diejenigen gedacht, die bei der Exzellenzinitiative zu kurz kommen oder ohnehin chancenlos sind", sagte der Grünen-Forschungspolitiker Kai Gehring. "Allerdings wird nur ein Bruchteil der rund 230 staatlichen Hochschulen am Ende zum Zuge kommen. Denn es stehen nur 550 Millionen Euro verteilt auf zehn Jahre zur Verfügung - etwa genauso viel, wie die Exzellenzinitiative jährlich kostet."

Vor vier Wochen hatten sich Wanka und ihre Länder-Kollegen in der GWK geeinigt, Spitzenforschung in Deutschland mit gut einer halben Milliarde Euro pro Jahr dauerhaft zu stärken.

385 Millionen Euro sollen in 45 bis 50 sogenannte Exzellenzcluster, also Verbundforschungsprojekte fließen. Weitere 148 Millionen Euro gehen als zweite Förderlinie an acht bis elf profilierte Exzellenz-Universitäten oder auch Hochschulverbünde. Das Nachfolgeprojekt der Exzellenzinitiative, für die seit 2006 schon rund 4,6 Milliarden Euro ausgegeben wurden, soll ebenfalls Mitte Juni von den Regierungschefs der Länder und der Bundeskanzlerin abgesegnet werden.

kha/dpa



insgesamt 53 Beiträge
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doke969 23.05.2016
1. Stellen, aber welcher Art?
Stellen im öffentlichen Dienst sind aktuell nur gut (und damit motivierend) bezahlt wenn es Beamtenstellen sind. Die Schere zwischen Angestellten und Beamten ist soweit geöffnet worden, dass es zukunftsverachtend ist. Entweder werden alle Forschenden und Lehrenden in Dauerstellen an Universitäten beamtet, oder, noch besser, das gesamte System wird auf Angestelltenbasis umgestellt wie in Schweden. Wirklich gute Leute, und die sollten nicht nur Lehrer an Schulen sondern auch an Hochschulen sein, lockt man nur mit anständiger, grundgesetzkonformer Bezahlung.
spezialdm 23.05.2016
2. Sie lernen es nie...
Warum verhalten sich alle im Bildungsministerium so als wäre Mittelbau so etwas wie ein eitriger Ausschlag? Dort muß es die Veränderung geben, nicht einfach viel Geld für neue Professuren. Das ändert an der Situation kein Stück! In allen anderen Bereichen akzeptiert man es wenn nicht jeder Mitarbeiter CEO/Chef werden will. In der Wissenschaft geht man immer noch davon aus. Das jemand im Mittelbau als wissenschaftlicher Mitarbeiter/Teamleiter glücklich sein kann, scheint in den Köpfen der Verantwortlichen ausgeschlossen.
rvanpelt 23.05.2016
3. Ganz einfach, ...
Zitat von spezialdmWarum verhalten sich alle im Bildungsministerium so als wäre Mittelbau so etwas wie ein eitriger Ausschlag? Dort muß es die Veränderung geben, nicht einfach viel Geld für neue Professuren. Das ändert an der Situation kein Stück! In allen anderen Bereichen akzeptiert man es wenn nicht jeder Mitarbeiter CEO/Chef werden will. In der Wissenschaft geht man immer noch davon aus. Das jemand im Mittelbau als wissenschaftlicher Mitarbeiter/Teamleiter glücklich sein kann, scheint in den Köpfen der Verantwortlichen ausgeschlossen.
... weil jemand, der NICHT Professor werden will, nicht aus dem "Richtigen Holz geschnitzt" sein KANN. Eitle Egozentriker sehen halt ueberall nur eitle Egozentriker, daher diese Unterstellung durch die Politik.
nochnbier 23.05.2016
4. Herumdoktern an Symptomen
Was soll dieser Unfug nun wieder? Es gibt genügend betroffene, die Dank des unsinnigen WissZeitVG vom Berufsverbot bedroht oder bereits betroffen sind. Und, es wird den "regulären" Professoren nicht in den Kram passen, weil nun 1000 hinzukommen, die an die Fleischtöpfe der DFG-Fördergelder drängen. Denn unter "erfüllten" Erwartungen wird meist Erfolg beim Einwerben von Drittmitteln verstanden - Lehre und was da geforscht wird spielen da meist gar keine Rolle mehr. Auf einen "Neuen", kommen dann gleich wieder 2-5 prekär und befristet beschäftigte Doktoranden für die es nach Abschluß der Promotion in der Wirtschaft keine Verwendung gibt. Welch' blinder Aktionismus ...
musorki 23.05.2016
5. tenure-track
das sollte sie mal dem geneigten und in den professoralen unterschieden nicht so bewanderten leser erklären. hilfsprofessuren oder juniorprofessuren, wie man sie in deutschland nennt, müssen nach 6 jahren evaluiert -von den werten kollegen- werden. sie sind finanziell auf dem untersten niveau der besoldung und ihnen wird neben forschung und lehre auch noch eine menge anderer aufgaben draufgepackt, auf die die platzhirsche keine lust haben. natürlich erwartet man auch erfolgreiche drittmittel einwerbung. das ist einfach daneben!
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