Jahrestag an der Garissa-Uni in Kenia Wie man nach einem Massaker studiert

Wut, Angst, schlimme Erinnerungen - der Terroranschlag auf die Universität Garissa in Kenia vor einem Jahr plagt die Studenten bis heute. Es fällt ihnen schwer, in ein normales Leben zu finden.

Überlebende des Terroranschlags an der Universität Garissa: Evelyn Jepkemboi
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Überlebende des Terroranschlags an der Universität Garissa: Evelyn Jepkemboi


Die Backsteinwände der Wohnheime auf dem Campus in Eldoret sind voll gepflastert mit Werbung für Laptops, USB-Sticks und billige Internet-Tarife. Die Korridore sind lang, dunkel und ein wenig unheimlich. So empfindet es zumindest Evelyn Jepkemboi, 21. Sie wohnt hier, seit sie vor einem Jahr von islamistischen Terroristen angeschossen wurde. Die Krücken, die sie zum Gehen braucht, erinnern sie jeden Tag an den verheerenden Anschlag an der Universität Garissa im Osten Kenias.

Am 2. April 20215 stürmten vier Kämpfer der somalischen Terrormiliz Al-Shabaab den Campus. Rund 15 Stunden lang hielten die sunnitischen Extremisten die Hochschule in ihrer Gewalt. Sie zogen durch die Wohnheime und töteten 148 Menschen, vor allem christliche Studenten. Es war der Anschlag der islamistischen Al-Shabaab in Kenia mit den bisher meisten Opfern.

Evelyn Jepkemboi holt der Schrecken bis heute immer wieder ein, wenn sie zum Beispiel Polizisten mit automatischen Waffen sieht. "Da läuft es mir kalt den Rücken hinunter", sagt sie. Die Studentin gehört zu den rund 600 Überlebenden, die nach dem Anschlag an der Moi Universität in Eldoret im Westen Kenias untergebracht wurden.

Um "den Weg zurück in die Normalität zu finden", bekommt Jebkemboi ein Stipendium vom Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD). Das zahlt die Organisation auch rund 300 weiteren bedürftigen Studenten, die das Massaker von Garissa überlebt haben. Die Universität in Eldoret hat außerdem eine psychologische Beratungsstelle eingerichtet. Sie ist rund um die Uhr geöffnet und soll Studenten helfen, die schlimmen Erlebnisse zu verarbeiten.

"Du stellst dir vor, diese Menschen hätten dich gefunden"

"Es ist schwer, den Vorfall zu vergessen", sagt der Student Alex Kirui, 22. Manchmal quälen ihn die Erinnerungen im Schlaf. "Du siehst dich selbst durch die Korridore gehen und stellst dir vor, diese Menschen hätten dich im Wohnheim gefunden." Die Angst lässt Alex Kirui nicht los. Er fragt sich immer wieder, ob sich ein Anschlag wie in Garissa in Eldoret wiederholen könnte. Auf dem Gelände der Universität und in den Wohnheimen patrouillieren ständig Sicherheitskräfte.

Experten warnen, dass es in Kenia erneut zu Anschlägen kommen könnte. "Es gibt schwere Sicherheitsmängel", sagt der Afrika-Experte Ben Payton von der Risikoberatung Verisk Maplecroft. "Es ist nicht auszuschließen, dass es einen weiteren Anschlag im Ausmaß von Garissa oder Westgate geben könnte." Payton verweist unter anderem auf das Attentat im Jahr 2013 auf das Einkaufszentrum Westgate in der Hauptstadt Nairobi. Kämpfer der Al-Shabaab töteten dabei mindestens 67 Menschen.

Die sunnitische Terrormiliz nimmt Kenia verstärkt ins Visier, seit sich die kenianischen Streitkräfte an der Friedensmission der Afrikanischen Union (AMISOM) im benachbarten Krisenstaat Somalia beteiligen. In Kenia kostete der Einsatz auch indirekt viele Menschenleben: Bei Anschlägen wurden dort seit 2012 Verisk Maplecroft zufolge mehr als 800 Menschen getötet.

"Sie brauchten eine Armee, um vier Männer zu überwältigen"

Der Regierung von Präsident Uhuru Kenyatta wird immer wieder vorgeworfen, zu wenig für den Schutz der Bevölkerung zu tun. Einige Studenten in Eldoret geben den Politikern auch die Schuld an dem Uni-Massaker vor einem Jahr. "Ich bin wütend", sagt Dorine Okech, 22. Für sie hat die Regierung bei dem Terrorangriff in Garissa versagt und ist schuld am Tod der vielen Menschen. "Sie brauchten zu lange und eine ganze Armee, um vier Männer zu überwältigen", kritisiert die Studentin.

Dorine Okech versteckte sich während des Anschlags in einem Schrank. Sie ist sicher, dass sie die 15 Stunden des Angriffs nur dank einer Freundin überlebt hat, die den Terroristen ihr Versteck nicht verriet. Die Freundin wurde erschossen, ebenso wie Okechs Freund. Die Studentin fühlt sich den beiden verpflichtet: "Ich habe mir geschworen, dass ich unsere gemeinsamen Träume leben werde."

fok/dpa/Robert Oluoch Agumba, Anna Kerber

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